Kultur

„Auf dem See muss es rocken“

17.07.2021 • 20:58 Uhr / 12 Minuten Lesezeit
Hans-Peter Metzler auf der Seebühne, die er seit jungen Jahren kennt.<span class="copyright">Hartinger</span>
Hans-Peter Metzler auf der Seebühne, die er seit jungen Jahren kennt.Hartinger

Festspielpräsident Hans-Peter Metzler blickt auf ­bedeutende Momente zurück.

Wie hat die Beziehung zwischen Ihnen und den Bregenzer Festspielen begonnen?
Hans-Peter Metzler: Ich bin in Lochau aufgewachsen, direkt gegenüber der Seebühne, und habe schon als Kind mitgekriegt, dass sich da im Sommer sehr viel tut. Das hat meine Neugier geweckt. Als ich mich als Teenager öfter in der Stadt aufgehalten habe, habe ich gemerkt, wie sich die Stadt in der Festspielzeit verändert, dass plötzlich „coole Leute“ aufgetaucht sind, Menschen in allen Couleurs. Das hat mich immer mehr interessiert, und dann habe ich erfahren, dass man ab 16 Jahren Platzanweiser werden konnte. Wir haben dann den Platzanweiser gemacht und konnten uns danach die tollen Künstler, die alles Mögliche und Unmögliche auf der Bühne machen, anschauen. Bei „Hoffmanns Erzählungen“, das war 1976, habe ich zum ersten Mal die Barcarole live gehört, dieses Arienduett, das hat mich wirklich nachhaltig berührt.

Wie ist es dazu gekommen, dass Sie Festspielpräsident wurden?
Metzler:
Wie viele Vorarlberger habe ich zuerst das Land für das Studium verlassen, in den ersten Jahren im Beruf war ich in München und Singapur. Zwischendurch bin im Sommer immer wieder zu Festspiel-Aufführungen gekommen, da gab es starke Erlebnisse. Als ich dann beruflich hier gelandet bin, das war 1996 mit der Firma NewLogic, habe ich die Fühler ausgestreckt und bin dann vom damaligen Präsidenten Günter Rhomberg und seiner Frau Elke überredet worden, dem Freundeskreis beizutreten – in Wahrheit war klar, dass ich den auch übernehmen soll. Und so habe ich den Freundesverein übernommen und den Cercle aufgebaut, der jetzt über Hundert Mitglieder hat und der Kernbereich des Vereins ist.

Wie ging es weiter?
Metzler:
Zehn Jahre war ich Freunde-Präsident und bin dann nach kurzer Zeit ins Präsidium der Festspiele gekommen, als Vizepräsident, da war ich sechs Jahre lang, und habe nie daran gedacht, dass ich jemals Präsident werde. Günter Rhomberg macht das ewig, habe ich gedacht. Als es dann so weit war, hat Landeshauptmann Sausgruber mich gefragt, ob ich die Nachfolge mache. Ich habe es gern gemacht, weil ich zu der Zeit in eine Lebensphase gekommen bin, in der ich mehr Zeit für das Thema investieren konnte. Und die Aufgabe braucht sehr viel Zeit.

Das habe ich mir gedacht, Sie sind ja auch unternehmerisch tätig. Welche Aufgaben haben Sie als Festspielpräsident?
Metzler: Wenn einem irgendetwas Spaß macht, dann geht irgendwie alles. Und es hat mir sehr viel Spaß gemacht, und das tut es immer noch. Weil ich immer mehr auch erfahren habe, dass ich etwas beitragen kann. Was meine Aufgaben betrifft, da kann ich dramatisch mehr beitragen als manche Leute, die andere Festivals leiten (lacht). Denn die Aufgabe des Präsidenten ist, die richtige Geschäftsführung auszusuchen und zu kontrollieren und die Strategie für die Festspiele festzusetzen.

Ein wichtiger Moment, den Sie mitbestimmt haben, war der Wechsel der Intendanz von David Pountney zu Elisabeth Sobotka. Wie bewerten Sie diesen Wechsel?
Metzler:
Wie wohl viele zu dieser Zeit mitbekommen haben, habe ich stark für David Pountney gekämpft, ich habe mich dafür eingesetzt, dass er noch ein Jahr länger bleibt, als andere das wollten. Weil ich überzeugt war und bin, dass er ein Ausnahmekünstler und ein großartiger Intendant ist. Es geht nicht darum, ob jemand schlechter oder besser ist, es ist eine Frage der Phase. Alfred Wopmann war unendlich wichtig für den Neustart der Bregenzer Festspiele. Und David Pountney hat die nächste Phase der Internationalisierung vorangetrieben. In dieser Phase habe ich gemerkt, wie wichtig die Festspiele sind und auch die Führung der Festspiele, und das hat mich überzeugt, das Amt anzunehmen. Meine erste Aufgabe lag darin, eine Nachfolge für Pountney zu finden.

Wie sind Sie an die Sache herangegangen?
Metzler:
Das war vordergründig nicht leicht, aber ich habe das gemacht, wie wenn man einen CEO für ein großes Unternehmen sucht: Ich habe die gro­ßen Häuser bereist, ich war in London, Paris, München, sogar in Toronto. Dort habe ich die Intendanten gefragt: Wer außer Ihnen sind die drei Besten? Dann legt man diese Antworten übereinander, und dann ist da ziemlich rasch der Name Elisabeth Sobotka gefallen. Ich wurde dabei sehr bestärkt von Peter Jonas. Ich habe auch mit David Pountney gesprochen, und auch er hat mich sehr bestärkt in der Wahl. Es gab natürlich auch noch eine Findungskommission, und Elisabeth Sobotka hat die Wahl eindeutig gewonnen. Dass das so gut geglückt ist mit ihr, war natürlich auch sehr wichtig für mich und die Akzeptanz des Präsidenten Metzler, zumal es genügend Menschen gab, die vielleicht auf einen Stolperer gewartet haben. Damit war Ruhe im Karton.

Sie sprechen damit wohl die vorherige missglückte Bestellung von Roland Geyer an, der eigentlich die Intendanz von Pountney hätte übernehmen sollen, aber gar nicht angetreten war.
Metzler:
Ich habe die Gespräche mit Roland Geyer am Ende übernommen, sie waren sehr interessant und aufschlussreich. Je mehr wir uns persönlich annäherten, desto klarer wurde es uns beiden, dass er nicht der Richtige für Bregenz ist. Wir schätzen uns aber sehr und sind nach wie vor in guter Verbindung.

Wie hat Elisabeth Sobotka bis jetzt die Festspiele weiterentwickelt?
Metzler:
Die Intendantin hat wieder eine neue Phase eingeleitet. Elisabeth Sobotka hat die Linie von David Pountney noch weiter entwickelt und musikalisch gestärkt, es gibt mehr Auftragsarbeiten und sehr viel Raum für sängerischen Nachwuchs. Das ist ganz wichtig. Es rast die Zeit, aber ich bin insgesamt zuversichtlich, weil sich die Marke Bregenzer Festspiele so ausgezeichnet entwickelt hat. Die Top-Leute wissen, dass man bei uns bestens arbeiten kann, dass wir auf Deutsch gesagt Geld haben, etwas zu machen. Man muss sich vorstellen, so eine Produktion wie „Rigoletto“ werden am Ende bis zu einer halben Million Menschen gesehen haben. Wir sind kein Opern-Museum, wir haben auch einen Auftrag, in die Zukunft zu schauen. Auch deshalb müssen wir die Bühnen und die Tribüne sanieren!

Welche künstlerischen Festspiel-Momente sind Ihnen in Erinnerung geblieben?
Metzler:
Da gibt es einige. Zum Beispiel, das ist aber schon fast zu abgedroschen, als der Gefangenenchor bei „Nabucco“ im strömenden Regen gesungen hat. Das kriegst du nie weg. Was für mich beeindruckend war, war „West Side Story“ 2003/04. Davor, als ich Freunde-Präsident war, waren wir in New York beim Bühnenbildner George Tsypin zu Besuch, da gibt es Fotos in seinem Atelier, im Hintergrund Manhattan und die beiden Türme – die ein Jahr später gefallen sind. Wir haben uns dann zusammengesetzt und uns gefragt, ob wir diese Bilder mit dem eingestürzten Turm so aufbauen können. Es war aber richtig, das Stück so aufzuführen, die Produktion war ein Riesenerfolg und auch künstlerisch ganz stark. Fasziniert hat mich auch das exotische Bühnenbild von Johan Engels’ „Zauberflöte“. Das sind unendlich starke, bleibende Eindrücke.

Welche Produktion auf dem See war in Ihrer Zeit bei den Festspielen weniger erfolgreich?
Metzler:
Das war André Chénier 2011/12. Niemand hat den Komponisten gekannt, niemand hat die Oper gekannt – es war ein finanzielles Fiasko, auch wenn es ein großartiges Stück war, alle, die es gesehen haben, haben uns gelobt. Die Tribüne war eben halb leer. Da hat der kaufmännische Direktor Michael Diem gesagt, noch so ein Erfolg, und wir sind pleite. Offenbar gibt es diese Regel: Du musst bei einer Oper am See entweder die Oper kennen oder zumindest den Komponisten. Am See muss es rocken.

Sie haben gesagt, die Festspiele wären „mit einem blauen Auge“ durch die Corona-Krise gekommen. Die Einnahmen vom Spiel auf dem See werden dennoch fehlen.
Metzler:
Ja, das ist klar. Wir sind die letzten zehn Jahre von einem Rekord zum anderen gelaufen. Wir haben gut gewirtschaftet und vor Corona ordentlich Reserven angespart. Dann kam die Pandemie, und mit einem Schlag waren die Kassen leer. Wir haben das Ganze überstanden, weil wir die Reserven hatten. Und weil wir die Fortüne hatten, nach dem ersten Jahr „Rigoletto“ den Künstlern das Versprechen geben zu können, dass sie nach der Krise wieder kommen können. Deshalb ist nicht alles auseinandergebrochen. Wir konnten wie jedes Unternehmen den Betrieb herunterfahren. Die Sponsoren und Freunde haben zu uns gehalten, und die Politik, soweit es möglich war. Den Schwung vom ersten „Rigoletto“-Jahr können wir auch heuer mitnehmen, und so sage ich, die Festspiele stehen auf festen Füßen.

Wie lange wollen Sie noch Festspielpräsident sein?
Metzler:
Ich habe ganz am Anfang großspurig gesagt, ich mache zwei Perioden. Es könnte sein, dass wir das so nicht hinkriegen, denn nächstes Jahr ist, glaube ich, meine zweite Periode zu Ende. Aber das müssen auch andere entscheiden. Es macht mir Spaß, wir sind sehr erfolgreich, und an der Stelle wird keine Baustelle entstehen (lacht).

Bei einem Blick in die Zukunft, was wünschen Sie sich für die Festspiele?
Metzler:
Ich hoffe, dass wir die erfolgreiche Zusammenarbeit mit Elisabeth Sobotka eventuell noch verlängern können. Was ich mich frage, ist, wie schaffen wir es, dass es mit den jungen Leuten so passiert, wie es mit mir passiert ist? Wie kriegt man dieses Auditorium in den nächs­ten 250 Jahren zu den Festspielen? Das beschäftigt mich sehr.

Zur Person

Hans-Peter Metzler studierte Mathematik und Theoretische Physik. 1997 machte er sich nach seiner Tätigkeit bei Siemens mit der Gründung des Chip-Herstellers New­Logic Technologies selbstständig. Es folgten weitere Unternehmensgründungen und Beteiligungen. Er lebt in Bregenz, wo er 1959 geboren wurde, und hat drei Töchter. Metzler wurde 2002 zum Vorsitzenden des Vereins der Freunde der Bregenzer Festspiele gewählt, 2006 zum Vizepräsidenten des Festivals bestellt.