Kultur

“Die Kunst soll lebendig bleiben”

20.07.2021 • 08:05 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Philipp Stölzl beim Pressetag der Bregenzer Festspiele. <span class="copyright">Philipp Steurer</span>
Philipp Stölzl beim Pressetag der Bregenzer Festspiele. Philipp Steurer

„Rigo­letto“-Regisseur und Bühnenbildner Philipp Stölzl im Interview.

Meinen Sie, ein See-Spektakel wie „Rigoletto“ mit großen Emotionen ist nach der Corona-Pause genau das Richtige für das Publikum?
Philipp Stölzl: Ich sage etwas provokativ, nach der Corona-Pause kann man gar nichts falsch machen. Es gab im März in Berlin einen Versuch, wieder Konzerte zu veranstalten. Die Berliner Philharmoniker haben gespielt. Die Zuschauer, die sich zuvor testen mussten, saßen drin, das Orchester hat begonnen zu spielen, und die Leute haben in Scharen geweint. Da merkt man, dass Musik und Kunst ein wahnsinnig wichtiger Teil unseres Lebens ist. Es ist wichtig, dass es eine Bühne gibt, und gemeinsam etwas erlebt wird, und nicht jeder immer zu Hause allein vor dem Bildschirm sitzt. Theater ist Teil unseres menschlichen Daseins. Und bei „Rigoletto“ gibt es Open-Air-Stimmung, Sonnenuntergänge, großartige Musik und Zirkus-Flair, das ist total sinnlich. Auch dass vor vollen Tribünen ­gespielt werden kann, ist herrlich. Du spürst die Energie dieser 7000 Leute, das hat eine große Kraft.

Ist es im zweiten Jahr auf dem See eine große Herausforderung, die Sänger, die neu dabei sind, in das Stück zu holen?
Stölzl: Ja, da gibt es ein großes Team, das die Sänger in das Stück einführt. Rund 20 Leute sind damit beschäftigt. Es ist ja wahnsinnig kompliziert, mit diesen Klettereien auf der Bühne zum Beispiel, das ist genau getaktet. Hier muss jeder Griff und jeder Gang genau stimmen, sonst landest du im Wasser zum Beispiel. Das Team macht das aber sehr professionell.

Zur Person

Philipp Stölzl wurde 1967 in München geboren. Seit 1997 drehte er Musikvideos u.a. für Rammstein und Madonna. Spielfilme: u.a. „Nordwand“, „Der Medicus“. Operninszenierungen: u.a. bei den Salzburger Festspielen, in Dresden, Berlin, München.

Merken Sie in der Zusammenarbeit mit der neuen „Rigoletto“-Dirigentin Julia Jones Unterschiede im Vergleich zum ersten Jahr mit Enrique Mazzola?
Stölzl: Das wird sich noch herausstellen (dieses Interview wurde vor mehreren Tagen aufgenommen, Anm.). Der Dirigent vom Vorjahr hat extrem schnelle Tempi gemacht. Bei den ersten Klavierproben hatte ich den Eindruck, dass Julia Jones manche Stellen ein bisschen langsamer angeht. Das Tolle ist ja, dass das ein lebendiger Prozess ist. Und dieses Mal wird es vielleicht eine etwas andere Aufführung werden, und das finde ich schön. Es ist immer langweilig, wenn Kunst statisch ist, und alle sagen: So muss es sein. Die Kunst soll lebendig bleiben.

Was nehmen Sie persönlich mit von Ihrer Zeit bei den Festspielen? Was haben Sie vorher nicht gekannt, haben Sie etwas dazugelernt?
Stölzl: Das, was ich sage, ist keine Höflichkeit: Für mich ist das die schönste Opern-Erfahrung, die ich je in meinem Leben gemacht habe, und ich bin total dankbar dafür. Eine verhältnismäßig staubige Kunstform wie die Oper wird hier im wahrsten Sinne des Wortes an die frische Luft gezerrt, und die Sache macht Spaß, das Stück ist populär, und trotzdem große Kunst und ergreifend. Das hat für mich sowas Befreiendes, das kann ich gar nicht beschreiben. Das ist für mich der schönste Ort für Oper, den ich erlebt habe, und ich war wirklich an vielen gro­ßen Häusern unterwegs. Das Heilige, Elitäre, das die Opernszene manchmal ausstrahlt, damit kann ich nichts anfangen. Hier sehen auch Teenies zu und werden für die Oper begeistert.

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