Kultur

Eröffnung mit Pointen und mahnenden Worten

21.07.2021 • 20:45 Uhr / 6 Minuten Lesezeit
Kritische Worte kamen von Bundespräsident Alexander Van der Bellen. <span class="copyright">Dietmar Stiplovsek</span>
Kritische Worte kamen von Bundespräsident Alexander Van der Bellen. Dietmar Stiplovsek

Klare Worte und viel Musik bei der Festspieleröffnung.

Eine Feierlichkeit zum Jubiläum, ein Fest zur Rückkehr der Freiheit, der Kunst auf der Bühne, sowie eine nachdrückliche Mahnung an die Politik – die Eröffnungsfeier der 75. Bregenzer Festspiele erfüllte gestern mehrere besondere Zwecke. Während die künstlerischen Appetithäppchen aus dem Programm Lust machten auf die kommenden Aufführungen, mussten sich die Gäste aus der Bundesregierung einige Spitzen von Moderator Nikolaus Habjan gefallen lassen. Anwesend waren Bundeskanzler Sebastian Kurz, Außenminister Alexander Schallenberg, Arbeitsminister Martin Kocher sowie die Staatssekretärin für Kunst und Kultur, Andrea Mayer, die zudem eine Rede hielt. Bundespräsident Alexander Van der Bellen fand in seiner „Predigt“, wie sie von Habjan angekündigt wurde, klare Worte. Er forderte Achtung vor den Institutionen des Staates ein und betonte eindringlich die Notwendigkeit zum Handeln, um der Klimakrise entgegenzusteuern.

“Vernünftiges Abenteuer”

Regisseur, Kunstpfeifer und Puppenspieler Habjan hatte diesmal seine Kollegin „Lady Bug“ an seiner Seite. Die etwas in die Jahre gekommene Diva führte mit ihrem ganz eigenen Charme durch die Programmpunkte. „75 Jahre, fast so jung wie ich“ seien die Festspiele – nur habe „Lady Bug“ keine Renovierung nötig. Der erste Redner, Festspielpräsident Hans-Peter Metzler, ging detaillierter auf das Jubiläum ein. Die Bregenzer Festspiele würden „das Grundbedürfnis des Menschen nach künstlerischer Erfahrung bedienen“. Wir Menschen würden im Überfluss leben, denn Kultur – so zitierte Metzler „unseren“ Michael Köhlmeier – sei „der Überfluss, das Zwecklose, das Sinnlose, das Unbrauchbare, das Verzichtbare“. Gerade „weil wir dies wollen können“, sei die Kultur eben doch sinnvoll und unverzichtbar. Das „vernünftige Abenteuer“ der Festspiele, mit ihrem „Reichtum an Ideen und Begabung, an Inspiration und Können“, sei noch lange nicht an ihrem Ende angelangt.

"Lady Bug" geleitet Van der Bellen auf die Bühne. <span class="copyright">Philipp Steurer</span>
"Lady Bug" geleitet Van der Bellen auf die Bühne. Philipp Steurer

Andrea Mayer erinnerte an die Zeit der Lockdowns und an die existentielle Krise vieler Künstler. Es habe sich gezeigt, wie wichtig die Unterstützung der Kulturpolitik sei – „und das, ohne je in die Freiheit der Kunst einzugreifen“. Mayer betonte: „Wir brauchen das Schöne, das Menschliche, den Widerspruch, die Reibung, das Verblüffende, die Fantasie, den kritischen Blick. Ohne Kunst können wir überleben, aber unser Mensch-Sein kann das nicht.“ Nach ihrem Lob der Kultur-Öffnung in der Modellregion Vorarlberg machte Mayer einen Vorschlag, der mit Applaus goutiert wurde: Die Wiener Symphoniker, von Beginn an Begleiter der Festspiele, „könnten sich zu einem Sechstel auch Bregenzer Symphoniker nennen, verlagern sie doch in den Sommermonaten neben ihrem musikalischen Engagement auch die gesamte Verwaltung“ an den See.

Ergreifend die Darbietung des "Nero"-Duos. <span class="copyright">Philipp Steurer </span>
Ergreifend die Darbietung des "Nero"-Duos. Philipp Steurer

Die musikalische und darstellerische Vielschichtigkeit der diesjährigen Ausgabe zeigte sich in den Programmauszügen. Julia Jones führte zuerst die Wiener Symphoniker durch Wagners dynamische „Fahrt nach Nibelheim“ aus dem „Rheingold“. Die emotionale Wucht von Arrigo Boitos Komposition zu „Nero“ zeigte sich in „Non temer, son con te“: Alessandra Volpe und Johannes Kammlers Duett, als Rubria von brennenden Pfeilen getroffen im Sterben liegt, ergriff das Publikum. Pavel Petrov erntete als Herzog von Mantua reichlich Applaus.

Schwärmerisch

Kurze Filmausschnitte gaben einen Einblick in die Produktionen „Wind“, „Upload“ und „Michael Kohlhaas“, während „Lady Bug“ ihren speziellen Moment mit Georg Kreislers „Alles nicht wahr“ hatte – so heißt auch Habjans Liederabend mit Franui. Nach amüsanten Sticheleien zwischen „Lady Bug“ und Schauspielerin Zeynep Buyraç aus Bernhard Studlars „Lohn der Nacht“ gab es ein besonderes Erlebnis: „In freier Natur“ von Marcus Nigsch, ein Stück zum Festspieljubiläum, war zum ersten Mal zu hören und wie angegeben eine „Schwärmerei“: lebendig und leichtfüßig.

Das letzte Wort hatten die Sänger vom Opernstudio: sehr virtuos. <span class="copyright">Philipp Steurer</span>
Das letzte Wort hatten die Sänger vom Opernstudio: sehr virtuos. Philipp Steurer

Vor Van der Bellens Ansprache teilten Habjan und „Lady Bug“ gekonnt mehrere Seitenhiebe in Richtung Regierungsbank aus. Habjan nahm den SMS-Verkehr auf, der im Zuge der „Ibiza“-Ermittlungen ans Licht kam, und ermutigte den Bundespräsidenten dazu, weiterhin der Justiz den Rücken zu stärken. Auch bei Van der Bellens Worten, die den Respekt der Politik vor staatlichen Institutionen einforderten, gab es starken Applaus vom Publikum – was seine Annahme bestärkte, die Menschen seien unzufrieden mit den gemeinten Vorgängen. Er sei erstaunt gewesen, „dass mich ein über 100 Jahre alter Artikel der Verfassung zu Tätigkeiten veranlasst hat“, so Van der Bellen.

“Braucht eine Änderung”

Für Frauen setzte sich der Bundespräsident ebenfalls ein. Er forderte „ganz konkrete Angebote für die Kinderbetreuung“ von der Kinderkrippe bis zur Mittelschule. In der Pandemie wären zu viele Aufgaben an Frauen hängengeblieben: „Das sollten wir nicht hinnehmen. Es braucht eine Änderung in den Köpfen aller und den Geldbörsen der Frauen“. Es sei unverständlich, dass es gut ausgebildeten Frauen am Arbeitsmarkt derart schwer gemacht werde.
Wie schon bei der Eröffnung vor zwei Jahren rüttelte Van der Bellen das Publikum in Sachen Klimawandel auf, diesmal mit Blick auf die jüngsten Überflutungen in Deutschland, Belgien und Österreich. Dies sei vielleicht nicht der richtige Zeitpunkt und der richtige Ort für dieses Thema – aber auf der anderen Seite dann doch, da die Zeit dränge, und nun Mut und Taten gefragt seien. Damit war der „fast apollonische Gottesdienst“ (Habjan) beendet, und die Festspiele waren eröffnet.