Kultur

Gefangen in alten Denkmustern

22.07.2021 • 19:30 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Max Simonischek spielt Michael Kohlhaas. <span class="copyright">Alexandra Serra</span>
Max Simonischek spielt Michael Kohlhaas. Alexandra Serra

“Michael Kohlhaas” feiert heute in Bregenz Premiere.

Inmitten des Konflikts unterschiedlicher Rechtsauffassungen setzte Heinrich von Kleist seine Novelle „Michael Kohlhaas“, die, obwohl die Zeit der Handlung rund 150 Jahre zurückliegt, auch geprägt ist von der Zeitgenossenschaft des Schriftstellers. Neben diesen politischen Eigenheiten einerseits des mittleren 16., andererseits des beginnenden 19. Jahrhunderts beinhaltet dieses Werk zeitlose Themen: Das Verhältnis von Individuum und Gesellschaft, das mangelnde Vertrauen in den Staat, Korruption und Willkür, Selbstjustiz und nicht zuletzt: Rache. Eine eigene Bühnenfassung der Novelle hat Regisseur Andreas Kriegenburg verfasst. In einer Koproduktion der Bregenzer Festspiele und des Deutschen Theaters Berlin ist diese heute Abend erstmals im Kornmarkttheater zu erleben. Wie der renommierte Theatermacher an die Sache herangeht, darüber sprach er mit der NEUE.

Im Herbst ist das Stück am Deutschen Theater Berlin zu sehen. <span class="copyright">Alexandra Serra</span>
Im Herbst ist das Stück am Deutschen Theater Berlin zu sehen. Alexandra Serra

Das Unheil nimmt seinen Lauf, als dem Rosshändler Michael Kohlhaas – gespielt von Max Simonischek – auf dem Weg nach Leipzig an einer Grenzstation aus reiner Willkür zwei Pferde abgenommen werden. Als er sie wiederbekommt, sind sie abgemagert und unverkäuflich. Auf juristischem Weg erfährt er keine Gerechtigkeit, und als auch noch seine Frau zu Tode kommt, macht sich Kohlhaas auf zu einem bitterlichen Rachefeldzug, der über alle Maßen ausartet.
Einen Aspekt hat Kriegenburg in seiner Inszenierung besonders herausgearbeitet: Kohlhaas sei gefangen in überholten Denkmustern, die ihn daran hindern würden, einen gewaltfreien Ausweg aus seiner Lage zu sehen. Traditionelle hierarchische Strukturen und männliches Macht-Denken seien zwar schon lange veraltet, aber auch heute noch hätten wir damit zu kämpfen, meint Kriegenburg. Er erinnert an das Western-Ideal des „Lonesome Rider“, der die Sache selbst in die Hand nimmt und Rache an den Ungerechten übt. Das Dilemma, in dem sich Kohlhaas aber befindet, könne er selbst nicht reflektieren: Er schafft es nicht, quasi über den Tellerrand hinauszublicken.

„Michael Kohlhaas“. 23., 24. und 25. Juli, jeweils um 19.30 Uhr im Kornmarkttheater, Bregenz. Tickets: www.bregenzerfestspiele.com.

Im Verlauf dieser „fatalen Zuspitzung“, so Kriegenburg, verliert Kohlhaas vollständig die Kontrolle: Im Gewirr der politischen Zuständigkeiten wird er zum Spielball jener Lawine, die er selbst losgetreten hat. Kohlhaas wird zum „Passagier der eigenen Geschichte“, sagt Kriegenburg.

Zwei Frauen erzählen

In sieben Teile, die als nicht-chronologische „Schlaglichter“ fungieren, hat Kriegenburg die Inszenierung strukturiert, wie er verrät. Da gebe es etwa eine große Chorszene oder ein modernes Gerichtsverhör. Den Originaltext von Kleist hat der Regisseur mit eigenen Textpassagen ergänzt, die im Kontrast stehen zu Kleists Worten. Der Großteil der Bühnenfassung bestehe jedoch aus Kleist und seiner musikalischen und „verstiegenen“ Sprache – eine Herausforderung für die Schauspieler, die sich eine spezielle Art des Sprechens aneignen müssten, so der Regisseur. Der Text ist teilweise noch während der Proben entstanden.

Brigitte Urhausen. <span class="copyright">Alexandra Serra</span>
Brigitte Urhausen. Alexandra Serra

Zwei Frauen (Lorena Handschin und Brigitte Urhausen) setzt Kriegenburg als Erzählerinnen ein und verleiht der Geschichte damit jene reflektierend-kommentierende Komponente, die Kohlhaas selbst offenbar fehlt. Wie und von wem nun der Anfangssatz der Novelle gesprochen werde, ändere auch seinen Sinn: „An den Ufern der Havel lebte, um die Mitte des sechzehnten Jahrhunderts, ein Roßhändler, namens Michael Kohlhaas, Sohn eines Schulmeisters, einer der rechtschaffensten zugleich und entsetzlichsten Menschen seiner Zeit“ – ob nun das Satzende heroisch oder kritisch ausgedrückt wird, macht für Kriegenburg den Unterschied. Auch ein romantischer Heldentod werde dem Hingerichteten nicht gegönnt, verrät der Regisseur. Was bleibe, sei ein Vater, der seine Kinder allein zurücklasse.