Kultur

Zu viel des Guten ist schwer zu meistern

22.07.2021 • 20:00 Uhr / 6 Minuten Lesezeit
„Nero“ feierte am Mittwoch Premiere auf der Bühne im Großen Saal. <span class="copyright">Philipp Steurer</span>
„Nero“ feierte am Mittwoch Premiere auf der Bühne im Großen Saal. Philipp Steurer

„Mut zur Lücke“ wäre für „Nero“ gefragt gewesen.

Nero, der Muttermörder, der von Gewissensqualen gepeinigt wird, Nero, der von der Macht des „Bösen“ in Gestalt des Magiers Simon angezogen wird, Nero, der Künstler und zunehmend Wahnsinnige, der (vielleicht) Rom in Brand gesteckt hat – verschiedenste, gar alle Aspekte der Persönlichkeit des römischen Kaisers wollte Arrigo Boito als Librettist und Komponist in seiner Oper „Nerone“ darstellen. Dazu die Gegenüberstellung der Denkansätze, der heidnischen Rituale und des frühen Christentums, das von Nero verfolgt wurde. „Nerone“ erwies sich als ein Großprojekt, das seinen Schöpfer 56 Jahre lang begleitet hat und das bei dessen Tod 1918 doch nicht abgeschlossen war: Der fünfte Akt des 1901 veröffentlichten Librettos wurde nicht vertont, Toscanini und zwei Komponisten brachten die Partitur in eine, wie es heißt, „spielbare Form“.

Mit allen Kräften

Nach der ebenso opulenten Premiere der Neuinszenierung durch Olivier Tambosi im Bregenzer Festspielhaus lässt sich nachvollziehen, wie Boito um Text und Komposition gerungen haben muss, wie viel er auch an musikalischer Stilistik hineinpacken wollte – vielleicht hätte er ebenso wie Tambosi den „Mut zur Lücke“ gebraucht? Musikalisch haben sich die Bregenzer Festspiele mit den Wiener Symphonikern unter der Leitung von Dirk Kaftan mit einer fast durchgehend niveauvollen Besetzung für alle großen und kleineren Partien und mit dem klangschönen und spielfreudigen Prager Philharmonischen Chor wieder einmal mit allen Kräften für ein selten gespieltes Werk eingesetzt. Doch das Stück bleibt mit seiner Vielzahl von Figuren und Statisten, von Szenen zwischen Machtfantasien, religiöser Erweckung, Wagenrennen im Circus Maximus und Feuersbrunst (letztere finden im „Off“ und in der Vorstellung des Zuschauers und der Hörerin statt) eine kaum zu meisternde Herausforderung.

Beengt

Auch Regisseur Tambosi verhebt sich an der Fülle des Stoffs, ähnlich wie Bühnenbildner Frank Philipp Schlößmann, der mit seiner vielfach aufgeteilten, schwarz ausgekleideten Drehbühne mit hellen oder blutroten Lichtstreifen die große Bregenzer Bühne eher beengt als nutzt. Fluggeräte (der dämonische Magier Simon hat sich wohl schon vorher als Ikarus versucht und muss sich auf hohe Krücken stützen), wuchtige Lederfauteuils, ein großer Schreibtisch und ein Billardtisch tauchen auf, im letzten Bild ist alles verwüstet.

Die schwarzen Flügel sind schon zum Markenzeichen der Inszenierung geworden. <span class="copyright">Philipp Steurer</span>
Die schwarzen Flügel sind schon zum Markenzeichen der Inszenierung geworden. Philipp Steurer

Dornenkrone und Seidenkleider

Da das Regieteam das Ganze auch noch in Beziehung zur Entstehungszeit der Oper verorten will, kleidet Gesine Völlm die Protagonisten zunächst auch in schwarz-graue, blutbefleckte offene Mäntel – wodurch man die Rollen kaum unterscheiden kann.
Der Chor steckt bei seinem Auftritt im ersten Akt, wenn Nero bejubelt und mit Gott Apoll gleichgesetzt wird, in grünen Seidenkleidern, geschmückt mit langen Perlenketten, Hüten und Wasserwellenfrisuren – ist doch Nero geplagt von der Erinnerung an seine tote Mutter Agrippina, die (ebenso in grün gekleidet) zu Beginn begraben werden soll: die Psychoanalyse lässt grüßen, spiegelt den Größenwahn des Machthabers.

Farbenreichtum

Die Szenen mit Fanuel, dem Apostel in der Nachfolge Christi, sind dagegen den alten Gemälden mit Dornenkrone, Zypressenhain und weißen Nonnengewändern nachempfunden. Der szenischen Bilderfülle entspricht die klingende, die aber dank der großen Stimmen und des Farbenreichtums im Orches­ter mehr überzeugt. Dirk Kaftan, der einige Jahre als GMD in Augsburg und Graz wirkte und nun in gleicher Funktion das Beethovenorchester Bonn leitet, holt die verschiedenen Schichten der Partitur ans Licht: Da gibt es große Aufschwünge, Fanfaren, einen wilden Ritt zu Beginn des vierten Akts, aber auch kammermusikalisch zurückgenommene Passagen mit schönen Bläserfarben oder einem Cellosolo.

Bewährt

Die Tonsprache bleibt in der Hochromantik, dramatisch, in den Szenen mit Fanuel und der zwischen den religiösen Welten wechselnden Rubria mischen sich Anklänge an den Impressionismus. Mit dem heldischen Tenor Rafael Rojas in der Titelrolle, dem Bariton Lucio Gallo als dämonischem Simon Mago und dem leichtgewichtigen Brett Polegato als Fanuel sind drei interessante Männerstimmen aufgeboten. Svetlana Aksenova verkörpert mit glutvoll intensivem Sopran die Asteria, Alessandra Volpe mit warmem Mezzo die liebend gläubige Rubria. Ob auf der Bühne präsent oder aus dem Off und im Raumklang bewährt sich einmal mehr der Prager Philharmonische Chor in der Einstudierung von Lukáš Vasilek.
Viel Beifall gab es für den Dirigenten, Chor und Orchester und das Sängerensemble, für das Regieteam fiel der Beifall eher verhalten aus.

Katharina von Glasenapp