Kultur

“Rigoletto” fasziniert auch im zweiten Jahr

23.07.2021 • 19:55 Uhr / 6 Minuten Lesezeit
Das Treiben auf der Seebühne hat wieder begonnen. <span class="copyright">PHILIPP STEURER</span>
Das Treiben auf der Seebühne hat wieder begonnen. PHILIPP STEURER

„Rigoletto“ begeisterte bei der zweiten Premiere am Donnerstag.

Fast zwei Jahre musste der riesige Clownskopf im Winterschlaf und Corona-Lockdown verbringen, jetzt darf er in Verbindung mit Giuseppe Verdis wunderbaren Melodien wieder allabendlich das Publikum in Erstaunen versetzen. Am Premierenabend hatte sich ein Wolkenturm über Lochau aufgebaut, Blitze leuchteten aus dem fernen Allgäu herüber, dramaturgisch passend zu Gildas Entführungsszene – wieder einmal zeigte sich, wie präsent die Natur bei den Seebühnenaufführungen ist. Treibholz zwischen Steg und Tribüne und der hohe Wasserstand des Bodensees bringen die raffinierte Bühnenkonstruktion von Philipp Stölzl und Heike Vollmer fast an ihre Grenzen, wenn sich der Kopf senkt, liegt das „Kinn“ im Wasser, der Steg zwischen den Bühnenteilen ist überschwemmt.

Der Clownskopf zeigt seine vielen Gesichter. <span class="copyright">Philipp Steurer</span>
Der Clownskopf zeigt seine vielen Gesichter. Philipp Steurer

Teils mit neuen Sängerinnen und Sängern entfaltet Regisseur Philipp Stölzl die Geschichte um den lebenslustigen und liebeshungrigen Herzog von Mantua, um Rigoletto, seinen traurigen Hofnarren, und dessen Tochter Gilda als Zirkusgeschichte, die sich immer mehr verdüstert und tragisch endet. Diese Wandlung macht der das Bühnenbild prägende Clownskopf auf immer wieder erstaunliche Weise mit: Da „platzt“ zuerst der Kragen, wenn Monterone den Herzog und Rigoletto verflucht, da verliert er seine Augäpfel, die dann als riesige Wasserbälle im See treiben, werden ihm die Nase abgeschlagen und die Zähne gezogen, zuletzt schießen zum Gewitter Wasserströme aus den leeren Augenhöhlen: Der Narr und Clown wird demontiert, während der Herzog hoch oben auf der „Schädeldecke“ in der Hängematte sein berühmtes Liedchen trällert und heil davonkommt. Die reibungslos und vor allem fast lautlos ablaufende Maschinerie zaubert dem Clown sogar eine Mimik ins Gesicht, in der sich Schrecken, Lächeln oder Liebe zu spiegeln scheinen, das Licht und natürlich der große Ballon, der sich zweimal in den Nachthimmel über der Bregenzer Bucht erhebt, verstärken die Atmosphäre.

Zirkuswelt auf dem See. <span class="copyright">Philipp Steurer</span>
Zirkuswelt auf dem See. Philipp Steurer

Die Zirkuswelt mit dem Herzog als Direktor, der sich seine Eroberungen in die Loge (im geöffneten Mund) bringen lässt, zieht sich durch: Artisten und Musikanten einer Bläserbanda drängen sich durch die prominenten Festspielgäste, marschieren über den langen Steg und erfüllen die Bühne mit Kunststücken und lautem Gejohle – allerdings gehen die Beziehung zwischen Rigoletto und dem Herzog und der Konflikt mit Monterone in diesem Treiben fast unter.

Spektakulär

In ihrer eigenen Welt – der rechten Hand mit ihren wundersam beweglichen Fingern, eingebauten Treppen und Schaukel – lebt Gilda, die von ihrem Vater versteckt gehalten wird. Trotzdem gelingt es dem Herzog, sie zu erobern und zu entführen: Die Szene, in der Gilda mit dem Ballon aufsteigend von ihrem Geliebten träumt und schließlich am Seil zappelnd in den Mund des Kopfes befördert wird, gehört immer wieder zum Spektakulärsten unter den Seebühneninszenierungen! Immer wieder aber drängen sich auch die vier hyperaktiven „Affen“ turnend, feixend oder schunkelnd als Begleiter des Herzogs ins Bild, als wollte Stölzl das Zirkusrad immer am Laufen halten …

Mit lockerer Kehle: Long Long. <span class="copyright">Philipp Steurer</span>
Mit lockerer Kehle: Long Long. Philipp Steurer

Es gibt also viel zu sehen – wir sind auf der Seebühne und das Auge will gefüttert werden – und, natürlich in exzellenter Tontechnik, viel zu hören: Nicht nur die Bayreuther Festspiele haben ihre erste Dirigentin im Orchestergraben, auch hier steht mit der Britin Julia Jones, die derzeit GMD in Wuppertal ist, eine höchst erfahrene Dirigentin am Pult der Wiener Symphoniker. Ihre Tempi sind durchweg stimmig, manchmal zügig federnd, etwa in der Auftrittsarie des Herzogs, aber auch poetisch und lyrisch, wenn die Flöte gemeinsam mit Gildas „Caro nome“ in den Himmel steigt.

Soektakuläre Szenen. <span class="copyright">Bregenzer Festspiele/Karl Forster</span>
Soektakuläre Szenen. Bregenzer Festspiele/Karl Forster

Ekaterina Sadovnikova verkörpert das junge, schwer enttäuschte Mädchen nicht nur in dieser Arie höchst überzeugend, sie vereint jugendliche Reinheit in blitzsauberen Koloraturen mit großer Wärme und tragischer Ergebenheit. Vladimir Stoyanov bringt in der Titelpartie zahlreiche Farben zwischen Spott, Empfindsamkeit, Fürsorge und Tragik und vermittelt die Einsamkeit des Clowns im Getriebe des Zirkusgeschehens. Imponierend leicht und himmelsstürmend ist der chinesische Tenor Long Long, der seine Spitzentöne mit lockerer Kehle präsentiert und als Wettbewerbsgewinner siegessicher auch die Herzen des Publikums erobert. Wie immer sind die Hauptrollen mehrfach besetzt, damit das Rigoletto-Räderwerk bis 22. August funktionieren und das Publikum begeistern kann – der Festspielbeginn ist bereits gelungen und wurde ausgiebig bejubelt, bis hin zum „fliegenden Scheinwerferballwerfen“ im Schlussapplaus.

Katharina von Glasenapp