Kultur

Eine Oper eröffnet neue Räume

30.07.2021 • 20:07 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
"Upload" wurde im Rahmen der Bregenzer Festspiele uraufgeführt. <span class="copyright">Oliver Lerch</span>
"Upload" wurde im Rahmen der Bregenzer Festspiele uraufgeführt. Oliver Lerch

Packende Uraufführung von Michel van der Aas „Upload“ in Bregenz.

Bildgewaltig und vielschichtig, mit packender Musik und zwei starken Stimmen präsentierte sich die Filmoper „Upload“ von Michel van der Aa auf der Werkstattbühne im Festspielhaus. Mit unterschiedlichen Medien lässt der niederländische Regisseur und Komponist ein perfekt abgestimmtes Gesamtwerk entstehen, das Emotionen weckt und den Geist öffnet. Bei all der Technik, die hier zum Einsatz kommt, steht doch die Geschichte um Vater und Tochter im Zentrum – und so wie es sich für eine Oper gehört, fehlen in dieser auch Schmerz, Trauer und Tragik nicht.

Kitzeln, dehnen, umarmen

Denn um ein neues digitales Leben zu beginnen, muss das alte, das an den Körper gebunden ist, zuerst beendet werden. Der Vater, gesungen von Bariton Roderick Williams, will seine psychischen Traumata hinter sich lassen und sich deshalb „uploaden“. In einer Klinik wird der Service angeboten: Bei dem Prozedere wird zuerst ein digitales Abbild der biologischen und psychologischen Identität erstellt, und dann das gesamte Gehirn gescannt. Doch was ist mit unserer sensuellen Wahrnehmung? Das Gras auf den nackten Füßen spüren, die Haut kitzeln, die Muskeln dehnen, die Liebs­ten umarmen: Gerade für die Tochter ist es unvorstellbar, ohne das Taktile leben zu können. In einem berührenden Duett am Beginn und Ende dieses Stücks merken auch die Zuschauer, wie sehr unsere Gefühle mit diesen Wahrnehmungen verbunden sind. Richtig schauerlich wird es, als nach dem „Upload“ die erhoffte Besserung, ein Ausweg aus der Dunkelheit, nicht eintritt. Auf den Vater wartet ein endloses Leben in Einsamkeit.

Film, Bühnenspiel und Musik kommen hier zusammen.<span class="copyright"> Oliver Lerch</span>
Film, Bühnenspiel und Musik kommen hier zusammen. Oliver Lerch

Wehmut setzt aber schon vor diesem Dilemma ein. Wie van der Aa im Vorgespräch festhielt, interessiert er sich für den Moment, wenn der Mensch auf sein Leben zurückblickt, und gleichzeitig nicht mehr viel vor ihm liegt. Erinnerungen sind ein hohes Gut nicht nur in dieser Oper, wie der Zuschauer erlebt. In den Zwiegesprächen und Monologen erspürt das Publikum die Beziehung der beiden und den Charakter des Vaters. Dessen Zweifel, seine Depressionen, obwohl er ein lustiger Mensch war. Die Sehnsucht der Tochter nach dem Vater ist herzzerreißend. In einem berührenden Part öffnet Sopranistin Julia Bullock den Raum hin bis zum ganzen Universum: In einer Landschaft, die nirgendwo ist, da ist jetzt der Vater. Die Visuals und der Gesang öffnen Augen, Ohren und Herz. Wunderschön!

Julia Bullock. <span class="copyright">Oliver Lerch</span>
Julia Bullock. Oliver Lerch

Diese Oper ist ein derart intensives Erlebnis, weil hier alle Elemente nahtlos zusammenspielen. In den Filmen erfahren wir mehr über die dubiose Klinik, sehen Science-Fiction-artige Szenen, kommen aber auch den Menschen dort nahe. Das Bühnengeschehen korreliert auf raffinierte Art mit dem Film, mit Kameras wird von Williams live ein digitales Alter Ego auf die transparenten, verschiebbaren Projektionsflächen übertragen. Alles kommt zusammen, nicht zuletzt in der Musik: Das von Otto Tausk geleitete Ensemble Musikfabrik erzeugt Sphären, dramatisch-rasend und zärtlich-warm. Dabei liefert sich die Live-Musik ein Duett mit elektronischen Klängen so perfekt einstudiert, dass die Grenzen verschwimmen. Im Besonderen aber sorgt die Leistung der Sänger für Höhepunkte.

Roderick Williams. <span class="copyright">Oliver Lerch</span>
Roderick Williams. Oliver Lerch

Die Zuschauer schienen nach der Abschlussszene – nachdem sich eine weitere große Projektionsfläche über das überraschte Publikum wölbte – noch eine Weile lang gefesselt zu sein. Erst zögerlich setzte der Schluss­applaus ein, der sich aber schnell in einen kräftigen Jubel steigerte. Eine große Leistung von van der Aa, den Sängern und dem Ensemble. Am Donnerstag war übrigens eine Uraufführung zu erleben. Eigentlich hätte das Stück im Frühjahr in Amsterdam gespielt werden sollen, was Corona aber nicht zuließ.