Kultur

Zwei vorlaute Puppen und ein Happy End

30.07.2021 • 09:00 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Premiere für "Die Puppenmacherin" von Thomas Welte in Hohenems. <span class="copyright">Dietmar Stiplovsek</span>
Premiere für "Die Puppenmacherin" von Thomas Welte in Hohenems. Dietmar Stiplovsek

„Die Puppenmacherin“ wurde zum Auftakt der Poligonale uraufgeführt.

Das Puppenspiel auf der Bühne kann so viel: Puppen verzaubern uns Zuschauer, sie bringen uns zum lachen und weinen, sie werden unsere Gefährten, wir fühlen mit ihnen mit, auch wenn wir ganz genau wissen, dass sie „nur“ Puppen sind. Die zwei Exemplare in dem Stück „Die Puppenmacherin“ wissen ebenfalls genau, was sie sind – was sie aber nicht davon abhält, in der Geschichte ihren Senf dazuzugeben. Die beiden sagen das, was die Menschen nicht aussprechen können, und werden so zum Motor, der am Ende die Wahrheit ans Licht bringt. Das neue, von Thomas Welte verfasste und inszenierte Stück eröffnete gestern die erste Poligonale des Ensemble X in Hohenems. Das Festival für zeitgenössisches Theater hat eine Freiluftbühne im Hof der Volksschule Markt eingerichtet: das richtige Plätzchen für ein humorvolles Theatererlebnis, das zugleich hintergründig ist und unkompliziert unterhält.

Kathrin Jaehne. <span class="copyright">Dietmar Stiplovsek</span>
Kathrin Jaehne. Dietmar Stiplovsek

Der Spannungsbogen dieser Geschichte reicht weit, erst bleibt vieles rätselhaft. Was ist zum Beispiel mit dieser seltsamen Puppe, die eine unbekannte Frau aus einer Kiste holt? Das bärtige Männchen spricht und schimpft zuerst auf Englisch, scheint aber auch französische Wurzeln zu haben. Die beiden sind – Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs – nach Deutschland in ein kleines „Kaff“ gezogen.

Seltsame Nachbarn

Auch die Nachbarn sind recht merkwürdig. Gegenüber befindet sich die alte „Puppenwerkstatt Mandelbaum“, doch die Mandelbaums sind nicht mehr da. Stattdessen wohnt dort nun eine andere Puppenmacherin, zusammen mit ihrer clownesken und vorlauten Puppe. Ob die Bewohnerin nun wirklich eine Sie oder ein Er ist, bleibt offen, ist aber, wie im Stück angemerkt, nicht wirklich wichtig. Sie hat jedenfalls einen Bruder, der einst ein hohes Tier bei den Nationalsozialisten war, nun Minister für Vertriebene und Kriegsgeschädigte ist. Der dicke Typ, der nur kopfabwärts in digitaler Form vor dem Fenster der Werkstatt erscheint, wird wohl kaum die richtige Besetzung für diesen Posten sein.

Pan Selle. <span class="copyright">Dietmar Stiplovsek</span>
Pan Selle. Dietmar Stiplovsek

In den schräg-witzigen Begegnungen der beiden Parteien kommen nach und nach immer mehr Details der dunk­len Vergangenheit ans Licht. Schlussendlich geht es darum, wie nachfolgende Generationen mit dem schweren Erbe der Geschichte umgehen, sich trotz den Schuldigen und Opfern in ihren Familien annähern können. Wie kann Wiedergutmachung geschehen? Hier ist es die Liebe, die die Altlasten abzuwerfen vermag – und dem dicken Minis­ter einen Herzanfall beschert. Zuvor muss aber die Wahrheit ausgesprochen werden, und deshalb ist es so wichtig, dass sich die zwei Puppen kein Blatt vor dem Mund nehmen – was natürlich auch ziemlich witzig ist. Das Gefälle zwischen anfänglichen Gewaltabsichten mit Chloroform, Pistolen und Äxten, bis hin zur romantischen Liebe ist sehr steil.

Die Poligonale

„Die Puppenmacherin“. 30. und 31. Juli, 1., 3., 6., 10., 11., 12., 13. und 15. August, jeweils um 21 Uhr, vor der Volksschule Markt. „Große Töchter“. Gastspiel von dieheroldfliri.at am 4. und 8. August, 21 Uhr. Hörspiel-Lesung am 5. August, 21 Uhr. „The Conversation“: Virtual-Realitiy-Kurzstück, Termin wird noch bekannt gegeben. Infos und Tickets: www.poligonale.com.

Als überaus talentierte Puppenspieler offenbaren sich Pan Selle und Kathrin Jaehne, die damit gleich zwei Rollen zugleich spielen, und dabei auch noch die komödienüblichen Slapsticknummern meistern. Für die musikalische Begleitung sorgt Chris­topher Lübeck, der am Klavier durch ein kleines Fensterchen auf die Bühne blickt.

Gelungen

Welte hat in dieser Produktion traditionelle Theatermittel mit zeitgenössischen Elementen kombiniert. Dass erstere überwiegen, tut hier keinen Schaden. Selbstreferenzen wurden auch eingestreut, wie die eigene Vergangenheit der Truppe als Shakespeare am Berg. Das Stück ist jedenfalls ein gelungener Startschuss für das neue Festival – mal sehen, was uns bei der Poligonale in Zukunft noch erwartet.