Kultur

Sogkraft bis auf den Grund des Rheins

02.08.2021 • 20:55 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Auch so geht Oper: Richard Wagners „Rheingold“ im Festspielhaus. <span class="copyright">Bregenzer Festspiele/Dietmar Mathis</span>
Auch so geht Oper: Richard Wagners „Rheingold“ im Festspielhaus. Bregenzer Festspiele/Dietmar Mathis

Wagners „Rheingold“ im Orchesterkonzert überzeugte auf ganzer Linie.

Eine Spielfläche vor dem Orchester, eine kleine Bühne mittendrin, Kos­tüme, die die übliche Konzertkleidung aufbrechen und die Charaktere unterstreichen, eine fast durchgehend hervorragende Besetzung in allen großen und kleinen Rollen, dazu eine Videowand im Hintergrund und wenige Requisiten: Auch so geht Oper in Bregenz, auch so begeis­tern die Wiener Symphoniker mit ihrem neuen Chefdirigenten Andrés Orozco-Estrada. Am regnerischen Sonntagvormittag, an dem sich der Rhein gefühlt bis zum Festspielhaus ausbreitete, entfaltete Richard Wagners „Rheingold“, der Vorabend zur Tetralogie „Der Ring des Nibelungen“, seine faszinierende Sogkraft.

Mit leicht ironischem Blick.<span class="copyright"> Bregenzer Festspiele/Dietmar Mathis</span>
Mit leicht ironischem Blick. Bregenzer Festspiele/Dietmar Mathis

Wenige Tage nach der höchst inspirierten Interpretation von Haydns Oratorium „Die Schöpfung“ überzeugte Orozco-Estrada auch mit dieser halbszenischen Darbietung, zu der Regisseur Johannes Erath und die Videokünstlerin Bibi Abel ihren Teil mit leicht ironischem Blick beigetragen hatten.

Organisch und rund

Durch die Positionierung auf der Bühne gerieten die Symphoniker mit ihren großen Gruppen von Blech- und Holzbläsern, den rauschenden Harfen, den Schlagwerkern und natürlich den so sinnlichen Streichern mehr in den Mittelpunkt als im „normalen“ Opernbetrieb – „Rheingold“ war ja auch als zweites Orchesterkonzert angesetzt. Allein acht Hörner setzt Wagner ein, um uns Hörende auf den Grund des Rheins zu leiten, wo das schimmernde Rheingold liegt – der Raub des Goldes durch den Zwerg Alberich ist dann die Wurzel für alles, was Wagner in seinem „Ring“ an Konflikten über vier Abende ausbreiten wird. Immer mehr Instrumente mischen sich zum Hörnerklang dazu, formen den wogenden Naturklang des romantischen Orchesters. Orozco-Estrada hat ein gutes Händchen für den Aufbau der Dynamik und den Wechsel von Dramatik und Entspannung, der Klang ist rund und organisch, nicht plakativ, auch wenn die Riesen noch so fordernd auftreten.

Die Aufführung fand am Sonntag im Festspielhaus statt.<span class="copyright"> Bregenzer Festspiele/Dietmar Mathis</span>
Die Aufführung fand am Sonntag im Festspielhaus statt. Bregenzer Festspiele/Dietmar Mathis

Wagners Leitmotive durchziehen die Partitur, bilden ein ganz eigenes Geflecht in Verbindung mit den Personen und ihren Handlungen. Da sind das mächtige Walhall-Thema für die Götterburg Wotans, das liebliche Motiv der Jugend, wenn von Freias goldenen Äpfeln die Rede ist, oder das düstere Motiv, wenn Alberich den Ring verflucht. Wagners Umgang mit diesen Motiven und mit den Stimmen, mit Göttern, zwielichtigen Nibelungen, stimmgewaltigen Riesen und neckenden Rheintöchtern ist einzigartig. Er entzündet die Fantasie der Hörenden, und gerade die sparsam eingesetzte Personenregie kann da hilfreicher und überzeugender sein als manche dem Werk übergestülpte Regiedeutung.

Liegestühle auf der Bühne. <span class="copyright">Bregenzer Festspiele/Dietmar Mathis</span>
Liegestühle auf der Bühne. Bregenzer Festspiele/Dietmar Mathis

Da treten zu Beginn die Rheintöchter im schwarz-weißen Damenfrack mit blonden Perücken auf, sie räkeln sich lasziv in Liegestühlen, treiben ihr Spiel mit Alberich, verdrehen ihm Kopf und Sinne, bis er sich darauf einlässt, auf die Liebe zu verzichten, um dafür das Gold zu gewinnen. Liv Redpath, Svetlina Stoyanova und Claudia Huckle singen höchst verführerisch und harmonisch. Huckle darf später auch die raunenden Mahnungen der Urmutter Erda vom Balkon aus ins Festspielhaus richten. Annika Schlicht reiht sich als Wotans Gemahlin Fricka mit warmem Mezzosopran in die Frauenstimmen ein, Gal James im weißen Schwanenkleid ist die wehklagende Freia, die von den Riesen als Pfand für den Bau der Götterburg festgehalten wird. Brian Mulligan gibt den dominanten Wotan mit leicht schnarrender mächtiger Stimme, sein Gegenspieler als Alberich ist, kurzfristig eingesprungen, Markus Brück mit souverän bösartiger Gestaltung.

Tolles Netzwerk

Überzeugend ist auch die Riege der weiteren Männerstimmen. Immer wieder entdeckt man übrigens Verbindungen zum Bregenzer oder anderen Opernstudios, hier haben Intendantin Elisabeth Sobotka und Operndirektorin Susanne Schmidt ein tolles Netzwerk aufgebaut. Nach drei Stunden feierte das Publikum den Dirigenten, das Orchester und das gesamte Ensemble, einmal mehr haben die Wiener Symphoniker ihre Flexibilität gezeigt, zwischen „Rigoletto“ und „Nero“ mal eben auch die so ganz anders geartete Musik von Wagner zu gestalten.

Katharina von Glasenapp