Kultur

Auf den Hass folgt die Schuldumkehr

05.08.2021 • 19:00 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Wurde 1966 in Vorarlberg geboren und lebt in Wien und im Waldviertel: Doris Knecht. <span class="copyright">Heribert Corn</span>
Wurde 1966 in Vorarlberg geboren und lebt in Wien und im Waldviertel: Doris Knecht. Heribert Corn

Der neue Roman von Doris Knecht ist spannend und bedrückend.

Vier Jahre nach dem Tod ihres Mannes machen ano­nyme Nachrichten das Leben von Ruth Ziegler schwer. Die feindseligen Botschaften gelangen über den Messengerdienst ein, auch vor dem Familien- und Bekanntenkreis macht der unbekannte Absender keinen Halt – und er hört nicht auf. Noch beklemmender als die Darstellung von Belästigung und Mobbing in den sozialen Medien ist jedoch die Reaktion von Ruths sozialem Umfeld auf dieses Problem. Wohl aus diesem Grund nimmt Doris Knechts neuer Roman „Die Nachricht“ kein glückliches und für den Leser befriedigendes Ende: Dass in unserer Gesellschaft viele weibliche Opfer von Hass im Netz weniger Rückendeckung erhalten, als dass sie selbst in die Defensive gedrängt, sogar als (Mit-)Schuldige identifiziert werden, zeigt sich an Fallbeispielen, die teilweise auch in dem Buch erwähnt werden. Es ist aber die fiktive Geschichte selbst, die dem Leser eindringlich die Folgen dieses Sachverhalts vor Augen führt.

Mitleid

Die Drehbuchautorin Ruth lebt zurückgezogen am Rand einer Kleinstadt unweit von Wien. Ihr Mann Ludwig hat dort mit viel Liebe ein Haus gebaut, das noch nach dem plötzlichen Tod des Tischlers den umliegenden Villen trotzt. Die Trauerbewältigung wird erschwert, als Ruth herausfindet, dass Ludwig eine Affäre hatte, und offenbar einen „Notausgang“ aus der Ehe mit Ruth gesucht hatte. Ludwig kann keine Stellung mehr beziehen, die Wunde bleibt offen, die Bekannten haben Mitleid.

Schutzlos

Wie hat sich überhaupt eine Witwe, eine alleinstehende Frau zu verhalten, um von „normalen Menschen“, also Paaren, akzeptiert zu werden? Ruth brauche, so wird es ihr latent signalisiert, nach einer angemessen langen Trauerphase wieder einen Mann, um ganz zu sein, so als „sei man schutzlos ohne Mann und beschützt mit einem“. Dass oft das Gegenteil der Fall ist, wird in dieser Erzählung klar. Das betrifft auch Ludwigs Tochter Sophie, die oft mit ihrer Tochter Molly zu Gast ist. Sophie verrät nicht, wer der Vater des Kindes ist – wie der Leser später erfährt, aus gutem Grund.

Doris Knecht. Die Nachricht. Hanser Berlin, 256 Seiten, 22,70 Euro.

Die Protagonistin des Romans scheint sich im Grunde gut ohne Ludwig zurechtzufinden, sie erledigt Dinge alleine, die zuvor der Mann erledigt hatte, sie besitzt einen stabilen Freundeskreis, hat eine Familie. Dann taucht der Jugendpsychiater und ehemalige Therapeut ihres jüngsten Sohnes auf, die ersten Nachrichten trudeln ein, und Ruths Leben gerät immer mehr aus den Fugen.

Doris Knecht kommt am 18. September zur ersten Lesung nach Vorarlberg. <span class="copyright">Heribert Corn</span>
Doris Knecht kommt am 18. September zur ersten Lesung nach Vorarlberg. Heribert Corn

Knecht glorifiziert Ruth nicht, auch die introvertierte Drehbuchautorin hat ihre Macken, ihre feministischen Appelle wirken manchmal zu reflexhaft, aus einer anderen Zeit. Doch in ihrer unverblümten Art zu schreiben lässt die Autorin den Leser teilhaben an den Erlebnissen und dem Innenleben der Frau, wenn sie sich an Ludwig erinnert, immer wieder mit den grausligen Attacken des Absenders konfrontiert ist – und vor allem, wenn ihrer „Version“ immer weniger geglaubt wird, niemand mehr etwas hören will von den anonymen Nachrichten. Außerdem scheint zunehmend irgendetwas von den Beschimpfungen bei den Geschäftspartnern und Bekannten hängen zu bleiben. Die Aussicht auf Gerechtigkeit und Anerkennung als Opfer schwinden immer mehr, bis der Leser nur noch auf zumindest einen Hauch von Erleichterung für Ruth hofft.

Resignation

Die Spannung wird durch einen klassischen „Whodunit“-Bogen erzeugt, der das ohnehin flüssig zu lesende Werk zu einem noch kurzweiligeren Vergnügen macht. Dennoch bleibt ein trauriger Nachgeschmack. Schließlich scheint Resignation und Akzeptanz des Inakzeptablen die einzige Möglichkeit für Ruth, Frieden zu schließen und weiterzuleben. „Trauer wird schwächer, Angst verläuft sich, Zorn verebbt, Kränkung verblasst.“