Kultur

Triumph für Orchester und Dirigent

09.08.2021 • 20:45 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Das dritte Orchesterkonzert fand am Sonntag statt. <span class="copyright">Bregenzer Festspiele/Dietmar Mathis</span>
Das dritte Orchesterkonzert fand am Sonntag statt. Bregenzer Festspiele/Dietmar Mathis

Dirigent Omer Meir Wellber begeisterte Orchester und Publikum.

Zwei Werke, die 1946, im Gründungsjahr der Bregenzer Festspiele, uraufgeführt worden waren, und Bruckners sechste Symphonie bildeten das kontrastreiche Programm des dritten Orchesterkonzerts der Wiener Symphoniker: Der israelische Dirigent Omer Meir Wellber, der mit seinen bald 40 Jahren einer der wohl vielseitigsten und gefragtesten Musiker ist, begeisterte mit seiner sehr individuellen Handschrift.

Intensive Körpersprache wechselt sich bei Omer Meir Wellber ab mit minimalistischer Reduktion. <span class="copyright">Bregenzer Festspiele/Dietmar Mathis</span>
Intensive Körpersprache wechselt sich bei Omer Meir Wellber ab mit minimalistischer Reduktion. Bregenzer Festspiele/Dietmar Mathis

Charles Ives hatte sein rätselhaftes Stück „The unanswered question“ zwar schon 1906 geschaffen, doch immer wieder überarbeitet. An diesem Sonntagmorgen begann man im Festspielhaus aus der Dunkelheit und aus der Stille: Ohne Auftrittsapplaus trat der schlanke Dirigent aus den Reihen der Streicher ans Podium, formte die vielfach geteilte Streichergruppe als wispernden Pianissimo-Klangteppich. Von oben kamen die sieben Mal neu formulierte „Seinsfrage“ der Solotrompete und die bald sphärischen, bald aufgeregten „Antworten“ von vier Soloflöten: Das Publikum wurde hineingezogen und umarmt von diesen Klängen.

Intensiv kommunizierend

Ein Alterswerk ist das Oboenkonzert von Richard Strauss mit einem immens schweren Solopart: Der Spanier Ramón Ortega Quero, Solooboist des BRSO in München, meisterte ihn mit größter Selbstverständlichkeit reich an Klangfarben, schweifend beweglich in langen Bögen. In blühenden Melodien schienen sich Strauss’ Opernfiguren ein Stelldichein mit dem schelmischen Till Eulenspiegel zu geben, getragen von einem hellwach musizierenden Kammerorchester im Geiste Mozarts. In feinem Zusammenspiel mit dem Orches­ter und dem intensiv kommunizierenden Dirigenten gestaltete Ortega Quero den Marathonlauf des Solos – Atemholen schien überflüssig! – in spritzigen Passagen ebenso wie in der gro­ßen Linie des langsamen Satzes. Er verabschiedete sich mit der wunderbar klar artikulierten Bourrée aus der Flötenpartita von Bach.

Mit Oboist Ramón Ortega Quero. <span class="copyright">Bregenzer festspiele/Dietmar Mathis</span>
Mit Oboist Ramón Ortega Quero. Bregenzer festspiele/Dietmar Mathis

Zu einem Triumph für Omer Meir Wellber und die Wiener Symphoniker mit all ihren Instrumentalgruppen und Solobläsern wurde die Interpretation der sechsten Symphonie von Anton Bruckner: sicherlich eine der dramatischsten Aufführungen dieser von ihrem Schöpfer als seine „keckste“ bezeichneten Symphonie. Da gab es Fortissimo-Fanfaren von gleißenden Blechbläsern und warme Grundierung durch die Horngruppe, das Weihevolle wurde fast weggewischt, während sich immer wieder ein dramatisch bedrohlicher Grundpuls in den Celli und Kontrabässen ausbreitete.

Dämonische Züge

Bruckners Architektur mit den übereinandergeschichteten Rhythmen legte der Dirigent mit leichter Hand frei, den langsamen Satz formte er mit gewichtigen Seufzern. Das Scherzo entwickelte bei ihm fast schon dämonische Züge, kontrastiert von behaglichen Ländler-Hornklängen im Trio. Im Finale wandelten sich kecke kurze Streicherfiguren in aufgepeitschte Erregung, verdichtet und spannend. Publikum und Orchester feierten den sympathischen Dirigenten, der sich mit Handschlag bei den Solobläsern und beim Konzertmeister bedankte.

Katharina von Glasenapp