Kultur

Ein teuflisch gutes Sommer-Stück

18.08.2021 • 19:31 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Caro Stark und Stephan Kasimir auf den Stufen im Kulturhauspark, die eine tolle Theater-Arena ergeben. <span class="copyright">Dietmar Stiplovsek</span>
Caro Stark und Stephan Kasimir auf den Stufen im Kulturhauspark, die eine tolle Theater-Arena ergeben. Dietmar Stiplovsek

Unpop und Caravan zeigen „jedermann (stirbt)“ als Open-Air-Theater.

Jedermann stirbt, und jeder Mensch stirbt einmal. Ferdinand Schmalz’ Geschichte des Jedermanns ist ein sprachmächtiges Memento mori, und sie ist eine Geschichte über uns alle: „jedermann ist niemand, niemand anderes als wir“, heißt es in dem Stück des vielbeachteten Theaterautors, der das Werk von Hugo von Hofmannsthal ins Heute geholt hat. Und während in der traditionsreichen Vorlage am Salzburger Domplatz sich die Schauspiel-Elite des deutschsprachigen Theaters zuprostet, gibt es das Gegenwarts-Stück, das wohl mindestens genauso viel Pep hat, in Vorarlberg zu sehen: Das Ensemble unpop zeigt „jedermann (stirbt)“ als Koproduktion mit dem Verein Caravan – mobile Kulturprojekte. Das Freilichttheater feiert heute im Kulturhauspark in Dornbirn Premiere, und wandert danach in den Park des Gutshof Heidensand in Lustenau. Ausweichort ist das Freudenhaus.

Das güldene Ensemble von „jedermann (stirbt)“. <span class="copyright">Caro Stark</span>
Das güldene Ensemble von „jedermann (stirbt)“. Caro Stark

Ausstatterin Caro Stark, die zusammen mit Stephan Kasimir das Ensemble leitet, lässt die Schauspieler in goldigen Glitzerkostümen auf einem Flecken Kunstrasen vor einem ebenso goldigen Springbrunnen auftreten – dieser ist ein unverkennbares Phallussymbol. Für das Open-Air-Theater war ein freieres Bühnenbild gefragt, das bewusst nicht für eine Guckkastenbühne konzipiert wurde, sondern mehr wie eine installative Skulptur, die auch so in einen Park passen würde, meint Stark. Die Besetzung kann sich sehen lassen: Maria Fliri, Johannes Gabl (als Jedermann), Wini Gropper, Simon Alois Huber, Helga Pedross, Wolfgang Pevestorf, Maria Strauss und Benjamin Vanyek geben die illustre Gesellschaft, die recht divers und typgerecht besetzt wurde, wie Regisseur Kasimir beim Besuch in Dornbirn erzählt: Vanyek ist unter anderem die Buhlschaft, Pevestorf spielt Jedermanns Mutter, während Gott von Pedross verkörpert wird.

Neue Moralfrage

Schmalz transferiert den Jedermann in unsere Welt, indem er ihn zum knallharten Banker macht, die Grundgeschichte bleibt aber dieselbe. Aus den „Guten Werken“ wird die „Charity“, aus Jedermanns Tischgesellen die „(teuflisch) gute gesellschaft“. Der eigentliche Kunstgriff des Autors liege darin, den Fokus von der Schuld des Einzelnen auf die gesamte Gesellschaft zu lenken, sagt Kasimir. So entstehe eine völlig neue Moralfrage, denn hier müsse sich nicht nur die Titelfigur, sondern eben jedermann seiner Verantwortung stellen. Salopp formuliert: „Der Böse“ ist nicht allein der neo­liberale Abkassierer, sondern ebenso die Gesellschaft, die dessen Macht erst ermöglicht.
Auch in der Erzählweise verschieben sich die Verhältnisse, erklärt der Regisseur. Während in der Vorlage von 1911 sich die Tischgesellschaft um die zentrale Figur versammelt, gehen in dieser Inszenierung die Figuren auf die Bühne und erzählen die Geschichte aus ihrer Perspektive. Kombiniert werden diese Erzählungen mit Spielszenen, so Kasimir.

Zum Stück

„jedermann (stirbt)“

von Ferdinand Schmalz. Premiere heute, weitere Termine am 20. und 21. August im Kulturhauspark Dornbirn, jeweils um 20.30 Uhr, sowie am 26., 27. und 28. August im Park des Gutshof Heidensand in Lustenau. Bei Regen gibt es eine Indoor-Variante für alle Termine im Freudenhaus Lustenau – Info am Spieltag bis 17 Uhr. Tickets: www.unpop.at.

Bereits im Vorjahr konzipierte das Ensemble zusammen mit Caravan das erfolgreiche „Schauspiel ohne Grund“ im Freien. Diesmal wollte sich die Truppe ein Werk aus dem eigenen Autoren-Kanon aussuchen, meint Kasimir. Das Stück bot sich aus mehreren Gründen an, Schmalz steht bei unpop hoch im Kurs, der Jedermann passt in den Sommer – und man wollte ein Theater zeigen, das gleichzeitig unterhält und gesellschaftlich relevant ist.

Endlichkeit

Der Tod ist ein zentrales Motiv in dem Stück: Das Sterben habe seinen Platz im heutigen Leben verloren, es geschehe am liebsten im Verborgenen, schon das Altern werde nicht gern gesehen, sagen die beiden Ensembleleiter. Das Bewusstsein der eigenen Endlichkeit täte dem Jedermann jedenfalls gut, bevor er sich in letzter Minute „ent-schuldigen“ will.