Kultur

Klanginseln des Sehnens und Träumens

21.08.2021 • 09:00 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Die Oper "Wind" war auf der Werkstattbühne erstmals zu sehen.<span class="copyright"> Roland Paulitsch</span>
Die Oper "Wind" war auf der Werkstattbühne erstmals zu sehen. Roland Paulitsch

Am Donnerstag wurde Alexander Moosbruggers „Wind“ uraufgeführt.

Träumen Sie ein bisschen mit“, fordert Dramaturg Olaf Schmitt die Gäste bei der Einführung auf, und wirklich kann man eintauchen in eine Welt wispernder, geräuschhafter Klänge in einem weißen Raum, der manchmal milchig, manchmal atmosphärisch farbig oder grell-weiß ausgeleuchtet ist: Nach Corona-bedingter Verschiebung erlebte Alexander Moosbruggers Oper „Wind“ am Donnerstag ihre lang erwartete Uraufführung. Schon im April 2018 hatte das Publikum sich bei einem ersten Opernatelier-Einblick anregen lassen können, nämlich von dem (fast) unaussprechlichen Titel „Hypnerotomachia Poliphili“ eines im Jahr 1499 gedruckten Buches, dessen Autor nicht gesichert ist.

"Wind" regt die Fantasie an. <span class="copyright">Roland Paulitsch</span>
"Wind" regt die Fantasie an. Roland Paulitsch

Traumerzählungen, Sinnlichkeit, Erotik, Architekturzeichnungen, Holzschnitte, eine ebenso faszinierende wie rätselhafte Verbindung von Inhalt und Gestaltung hatten den Komponisten und seine Bühnenbildnerin Flaka Haliti inspiriert. Die Vielschichtigkeit des antiken Buches wirkt sich auf das Werk und dessen Rezeption aus: Man kann nur hören und lauschen, kann versuchen, den Text zu verstehen, kann die Atmosphäre aufsaugen, analysieren oder sich treiben lassen in diesem üppig wuchernden Garten der Sinneseindrücke.

Hanna Herfurtner und Hagen Matzeit. <span class="copyright">Roland Paulitsch</span>
Hanna Herfurtner und Hagen Matzeit. Roland Paulitsch

Zunächst staunt der Zuschauer über die Wandelbarkeit der Werkstattbühne: den schwarzen Kubus haben Flaka Haliti und Regisseurin Leonora Scheib in einen weiß ausgekleideten Saal verwandelt, das Publikum sitzt auf Stufen, weiße Überschuhe sollen Stoff und Boden schonen – nun bekommen also auch die Füße eine „Maske“ und manch eleganter Damenschuh wird verhüllt! Lautsprecher, Scheinwerfer und Inseln mit kleineren und größeren Orgelpfeifen gliedern den Raum. Spielfläche ist ein breiter Gang zwischen den Stufen, zwei halbe, geschwungene Brücken bilden eine zweite Ebene.

Ausgeklügeltes System

Das Publikum befindet sich im Inneren einer Orgel, die von „Wind“, von dem Luftstrom belebt wird. Die Schwarzacher Orgelbaufirma Rieger hat 172 Orgelpfeifen aus Metall und aus Holz gebaut und was sonst ein Organist (Moosbrugger kommt ja ursprünglich von der Orgel her) mit seiner Wahl der Register an Klangmischungen erzeugt, übernimmt hier das Experimentalstudio des SWR: Die Klangregisseure Thomas Hummel und Maurice Oeser haben ein ausgeklügeltes System der Live-Elektronik entwickelt, mit dem jede Orgelpfeife mit mannigfaltigen Ventilöffnungen einzeln angesteuert werden kann.

Rätselhafte Gestaltung. <span class="copyright">Roland Paulitsch</span>
Rätselhafte Gestaltung. Roland Paulitsch

Der Raum wird zunächst erfüllt von dunklem untergründigem Rauschen, das an Wind, Gurgeln, Atem oder Brandung erinnert, und von feinen, wispernden, hohen umlaufenden Geräuschen, die man zu orten versucht. Den brausenden mächtigen Klang eines Orgelplenums spart Moosbrugger allerdings aus. Hinzu kommt mit dem Pariser Quatuor Diotima ein auf Neue Musik spezialisiertes Streichquartett, das seine Instrumente mit Klopfen auf Griffbrett und Corpus und raschen Pizzicati, weniger mit Bogenstrichen zum Klingen bringt, passend zum geheimnisvollen Klangbild der elektronischen Orgel.

Bisher ungehörte Regionen

Mit Hanna Herfurtner, der Sopranistin mit dem bestechend klaren Stimmklang, die in bisher ungehörte Regionen der dreigestrichenen Oktave aufsteigt, und dem zwischen Countertenor und Bariton wechselnden Hagen Matzeit hat Moosbrugger zwei außergewöhnliche Stimmen für die Hauptpersonen Polia und Poliphilo: Sie suchen, finden, umschlingen sich, formen eigene Klanginseln des Sehnens und Träumens. Die Mezzosopranistin Juliane Dennert, die Altistin Barbara Ostertag und der Bariton Luciano Lodi von der Schola Heidelberg bilden ein harmonisches und flexibles Ensemble, das zwischen Singen und Sprechen pendelt, ebenso wie Anna Clementi und Jürgen Sarkiss in ihren Sprechrollen.

Fantasie, Traum, Rätsel

Viel Text hat Moosbrugger auf die Stimmen verteilt, manchmal innerhalb einer Phrase wechselnd, manchmal überlagert, gestammelt, auch in verschiedenen Sprachen, in der Fülle nicht verständlich. So geht es wohl weniger um Inhaltliches, um Szenen oder Begegnungen, sondern eher um einzelne Elemente, Sprachbilder, Assoziationen. Das ganze Ensemble ist einheitlich in eierschalenfarbene Kutten und Turnschuhe gekleidet, szenische Aktionen wie die mit Blumenkohlköpfen, die wie ein menschliches Gehirn wirken, oder langen Stangen, die als Lanze, Joch oder Angel fungieren, regen die Fantasie an. So ist die gesamte Produktion „Wind“ ungeheuer aufwendig gemacht, lässt Raum für Fantasie und Traum, gibt Rätsel auf und wurde vom Publikum begeistert aufgenommen.

Katharina von Glasenapp