Kultur

Große Anschlagskunst und Schatzgräber

25.08.2021 • 09:00 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Beim Liederabend der Schubertiade. <span class="copyright">Schubertiade</span>
Beim Liederabend der Schubertiade. Schubertiade

Spannendes Programm am Montag in zwei Konzerten.

Die Anschlagskunst des kanadischen Pianisten Marc-André Hamelin konnte das Schubertiadepublikum am Montagnachmittag genießen, abends lernte dieses mit Christoph Prégardien, seinem Klavierpartner Michael Gees und dem exzellenten Schweizer Hornisten Olivier Darbellay neues Repertoire kennen.

Französische Romantik

Hamelin bringt immer wieder ungewöhnliche Programme, und selbst wenn er Schubert spielt, hört man es in neuer Form: So eröffnete er den Nachmittag mit Andantino und vier Variationen für Klavier zu vier Händen D 823, die der jung verstorbene Liszt-Schüler Carl Tausig für zwei Hände bearbeitet hatte. Dabei hat er wohl nicht viel weggelassen, denn Hamelin präsentierte ein virtuos glitzerndes Gespinst im Geis­te Liszts. Als originales Schubertwerk erklang die Sonate a-Moll D 845 mit ihrem Frage-Antwort-Spiel, mit leuchtenden Bögen im langsamen Satz und aufspringenden Signalrufen im Scherzo.

Marc-Andrè Hamelin. <span class="copyright">Schubertiade</span>
Marc-Andrè Hamelin. Schubertiade

Wie eine französische Fortführung von Schubert wirkten drei Klavierstücke von Gabriel Fauré, der inspiriert von Chopin eine eigene Musiksprache entwickelte. Reich an Farben und Stimmungen tauchte der Meisterpianist tief ein in die französische Romantik. Mit einer Auswahl von Debussy-Préludes öffnete er nochmals neue Türen – nicht nur mit der „Weinpforte“ im schwebenden Habanera-Rhythmus, den zarten Tupfern der huschenden „Feen“ oder dem schrägen Humor von „Général Lavine“: Hamelin endete mit virtuosem Feuerzüngeln und orchestraler Fülle, bevor er sich mit Carl Philipp Emanuel Bachs „La Complaisante“ in filigransten Verzierungen erging.

Besondere Besetzung

Tenor Prégardien und der so fantasievoll musizierende Pianist Gees sind ein eingespieltes Team, die Schubertlieder, lauter vielgeliebte „Schlager“, mit denen sie ihr Programm umrahmten, präsentierten sie mit lockerer Hand und in stimmlich hervorragender Verfassung. Wohl ausgehend von Schuberts „Auf dem Strom“, in dem sich ein Horn dazugesellt und das immer wieder bezaubernd ist in seinen schwelgerischen Kantilenen, hatten sie gemeinsam mit dem erfahrenen Schweizer Darbellay nach weiterem Repertoire für diese besondere Besetzung gesucht: Im Mittelpunkt des ersten Teils stand Benjamin Brittens Zyklus nach Gedichten von Edith Sitwell, komponiert für seinen Lebens­partner Peter Pears und den berühmten Hornisten Dennis Brain.

Eindringliche Gedichte

Gern hätte das Publikum mehr gewusst und verstanden von diesen eindringlichen Gedichten, die Prégardien nicht nur singend gestaltete, sondern auch mit feiner Sprachmelodie deklamierte. Doch die Texte durften nicht abgedruckt werden. Das intensive Miteinander der Musiker zog hinein in diese ungemein dichte Komposition.

In die Hochromantik kehrten die Künstler nach der Pause zurück: Schuberts Freund Franz Lachner hat dem Horn die lockende Stimme einer Seejungfrau gegeben: In einer Heine-Vertonung erlebte man die fließenden Klänge in schöner Gesangs- und Spielkultur, drei weitere Heine-Lieder zeigten Lachner in seiner Neigung zu Theatralik und romantischer Ironie. Conradin Kreutzer schließlich hat in seine Vertonung des bekannten Uhland-Gedichts vom Mühlrad ebenfalls das Horn eingebunden. Mit zwei Zugaben, dem „Fischermädchen“ nach Heine von Carl Kossmaly und „Herbst“ nach Rellstab von Lachner betätigten sich die Musiker nochmals als Schatzgräber: Das war ein wohlklingender Abend mit vielen Entdeckungen!

Katharina von Glasenapp