Kultur

“Man muss dem Zuschauer Fragezeichen schicken”

25.08.2021 • 20:00 Uhr / 8 Minuten Lesezeit
Katharina Uhland spielt Kate Keller in "Alle meine Söhne".<span class="copyright"> Kathrin Keusch</span>
Katharina Uhland spielt Kate Keller in "Alle meine Söhne". Kathrin Keusch

Landestheater-Schauspielerin Katharina Uhland im Interview.

Joe und Kate Keller verdrängen den Tod ihres Sohnes Larry. Sie wollen ihn nicht wahrhaben, da Joe Keller eine Mitverantwortung an Larrys Tod und dem weiterer Soldaten trägt: Mit seinem ehemaligen Geschäftspartner Steve Deever hat er defekte Maschinenteile an die Air Force verkauft, 21 Flugzeuge stürzen ab. Deever kam ins Gefängnis, Joe Keller übernahm nie die eigene Verantwortung – diese Schuld lastet schwer auf der Familie, auch auf Larrys Bruder Chris (Luzian Hirzel). Katharina Uhland spielt die vielseitige Rolle der Kate Keller. Bevor das Stück von Arthur Miller in der Inszenierung von Niklas Ritter das letzte Mal am Vorarlberger Landestheater zu sehen ist, verrät sie im Interview die Hintergründe über ihren Part.

Die Rolle der Kate Keller erscheint sehr vielschichtig und komplex. Wie sehen Sie Ihre Rolle?
Katharina Uhland: Ich finde Kate eine der spannendsten Rollen, die ich spielen durfte. Nach außen hin ist sie eine sehr starke Frau, sie hält die Familie zusammen. Doch die Rolle hat so viele Schichten und Ebenen, dass wir beim Proben immer wieder an Punkte gekommen sind, wo wir uns gefragt haben, was ist der Kern darunter? Das ist echt schwierig zu knacken. Und ich glaube, es gab noch nie eine Figur, in der ich mich auf eine Art so frei gefühlt habe. Weil ich das Gefühl habe, Kate Keller kann alles auf der Bühne machen – im Gegensatz zu Joe, der sehr geradlinig agiert, er hat seine Geschichte, an der er festhält. Auch im Text habe ich selten so eine Freiheit gehabt, ich kann andere Elemente einbauen, und die Kolleginnen und Kollegen überraschen. Kate hat ein Riesenspektrum, an dem ich mich bedienen kann, und das finde ich großartig. Obwohl gleichzeitig ein unendlicher Schmerz darunter liegt.

"Alle meine Söhne" ist am Wochenende zum letzten Mal zu sehen.<span class="copyright"> Anja Köhler</span>
"Alle meine Söhne" ist am Wochenende zum letzten Mal zu sehen. Anja Köhler

Schmerz – und auch die Schuld, die ja ein wichtiges Motiv in dem Stück ist.
Uhland: Eine spannende Frage ist: Hält Kate die Fassade für ihren Mann Joe aufrecht, damit er nicht zusammenbricht, wenn herauskommt, sein Sohn ist tot und er hat eine große Mitverantwortung? Oder macht sie es für sich selbst, weil sie es nicht aushält, wenn sie sich den Tod des Sohnes eingestehen muss? Man steigt nie ganz durch, wer für wen die Fassade aufrechterhält – für sich selbst, für die Familie, oder für die Gesellschaft.

Wie ist das Verhältnis zu ihrem Mann Joe, hegt Kate einen Groll gegen ihren Mann, gibt sie ihm in irgendeiner Form die Schuld?
Uhland: Ich kann das gar nicht abschließend beantworten. Hasst sie ihn? An einer Stelle sagt sie zu ihrem Sohn Chris: Dein Bruder lebt, weil wenn er tot wäre, dann hätte dein Vater ihn umgebracht. Hier gibt es so viele Schichten. Es kann sein, dass sie selbst die Lüge glauben muss, damit sie ihren Mann nicht hasst. Gleichzeitig hat sie auch eine Mitverantwortung, sie musste ja mitbekommen haben, was da passiert ist, womöglich hat sie auch mitentschieden. Vielleicht muss sie die Wahrheit wegschieben, damit dieser Rest von Familie weiter bestehen kann. Da gibt es diesen Wendepunkt in der Geschichte, wenn Chris den Brief von Larry vorliest, den Ann mitgebracht hat. Die Wahrheit ist rausgekommen, aber Kate kämpft bis zur letzten Sekunde, dass ihr Mann nicht ins Gefängnis muss. Da denke ich mir, es muss eine Liebe da sein – oder ist es eine Gewöhnung, oder Angst?

“Kate ist eine der spannendsten Rollen, die ich spielen durfte.”

Katharina Uhland

Gibt es eine weitere Schlüsselstelle für Kate?
Uhland: Das ist das Ende. Das ist ein wahnsinnig spannender Moment zu spielen: Die Fakten liegen auf dem Tisch, jetzt bricht das ganze Kartenhaus ihres Lebens zusammen – wie reden die Figuren dann noch miteinander, was bleibt da? Der letzte Satz ist so schwierig zu sprechen. Joe erschießt sich, und sie wechselt sofort: Zuerst wende ich mich Joe zu, aber als Chris sagt, das wollte ich nicht, unterbreche ich meinen Sohn und sage: Nein, das ist nicht deine Schuld, vergiss jetzt, lebe. Innerhalb von einer Zeile geschieht dieser Wechsel: Er ist jetzt der einzige Sohn, der noch eine Chance hat, ein Leben aufzubauen, fern von dem allem hier, also soll er in sein Leben starten. Das ist ein riesiger Wendepunkt.

Ja, das ist es, denn das ganze Stück über verhielt sie sich ihrem Sohn Chris gegenüber richtig bösartig.
Uhland: Wie die beiden mit ihrem Sohn umgehen, ist wahnsinnig, das tut manchmal bei den Proben richtig weh. Er wird eigentlich nur fertig gemacht von uns und ins Lächerliche gezogen. Der andere Sohn Larry war ganz klar der Lieblingssohn.

Zur Person

Katharina Uhland wurde 1982 in Darmstadt geboren. Engagements u.a. am Schauspielhaus Zürich, am Schauspiel Hannover, am Theater Oberhausen, am Staatstheater Darmstadt. Neben dem Theater ist sie im Dokumentarfilmbereich tätig, außerdem tourt sie mit ihrem Zwei-Personen-Orchester kleineReise zusammen mit Florian Thunemann auch durch Vorarlberg.

In diesem Kammerstück ist die Arbeit im Ensemble bestimmt sehr wichtig. Wie verläuft die Arbeit im Team?
Uhland: Wir haben eine große Freude miteinander. Für Niklas Ritter ist es eine ungewöhnliche Arbeit. Eigentlich spielt man bei ihm um die 20 Figuren, hat unendlich viele Umzüge und Kostüme, was auch toll ist. Hier geht es aber mehr um die Psychologie der Figuren. Niklas Ritter muss mehr loslassen, sich zurücknehmen und uns dabei zuschauen, wie wir auf dieser Welle surfen. Wir entwickeln eine Psychologie, dann stellen wir sie auf die Bühne und begegnen uns. Das ist weniger technisch, da muss man wirklich eine Lust haben aufeinander. Die Abende können hier so unterschiedlich ausgehen, das sind so kleine Schrauben, die es zu drehen gibt. Es kommt auch darauf an, wie Luzian Hirzel auf uns reagiert. Wenn er das aushält, fragt sich der Zuschauer, wieso geht er nicht einfach weg? Man muss auch dem Zuschauer Fragezeichen nach unten schicken.

„Alle meine Söhne“ ist noch diesen Samstag und Sonntag, jeweils um 19.30 Uhr am Vorarlberger Landestheater zu sehen: www.landestheater.org.

Nach langer Pause können Sie das Stück wieder zeigen, die Premiere wurde ja durch Corona verzögert. Wie haben Sie sich auf die Wiederaufnahme vorbereitet?
Uhland: Es gab zuerst eine Presse-Vorpremiere, dann gab es eine sehr lange Pause, dann konnten wir wieder spielen, und jetzt spielen wir wieder nach einer langen Pause. Deshalb haben wir uns regelmäßig in Zoom-Sitzungen zusammengesetzt und das Stück durchgesprochen. Lustigerweise ist das für dieses Stück sehr hilfreich, weil wir dadurch in einen direkten Ton miteinander kommen, wir sehen uns auf dem Bildschirm ganz nah. Das haben wir alle paar Wochen gemacht, mit Regisseur und Regieassistentin: Immer wieder einmal „Alle meine Söhne“ via Zoom spielen (lacht).

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