Kultur

Alles wird anders, und kaum einen regt es auf

30.08.2021 • 17:57 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Masken waren 2021 Pflicht
Masken waren 2021 Pflicht APA/BARBARA GINDL

Bilanz zum Finale der morgen endenden Salzburger Festspiele 2021.

Wenn die Präsidentin Rabl-Stadler (auf Deutsch) und der Intendant Hinterhäuser (auf Englisch) die Verhaltensregeln wegen der Pandemie auf Band einsprechen, das vor jeder Vorstellung abgespielt wird, dann weiß man: Um einen möglichst covidfreien Sommer mit etwa 230.000 Besuchern, wie er Salzburg 2021 geglückt ist, kümmert sich bei den Festspielen wirklich jeder. Auch heuer blieb man glücklich verschont. Fast. Dass justament nach der Premiere des neuen „Jedermann“ 44 Zuschauerinnen und Zuschauer in 14-tägige Quarantäne mussten, war nicht Schicksal, sondern Fahrlässigkeit – glaubte doch ein Besucher, wissentlich eine K2-Kontaktperson, sich ins Publikum setzen zu müssen.

Dabei steht gerade der von Michael Sturminger neu inszenierte „Jedermann“ paradigmatisch für das „Neue Salzburg“, das seit der Übernahme der Festspiele durch Markus Hinterhäuser Profil gewinnt. Mit Lars Eidinger und Verena Altenberger hat der Regisseur zwei Partner gefunden, mit denen es möglich wurde, den „Jedermann“ noch ein Stück weiter aus der Sphäre des scheinbarocken Welttheaters in die heutige Realität zu holen. Formal und inhaltlich war wohl keine „Jedermann“-Aufführung der Geschichte so nahe an der Gegenwart gebaut.

Dass Markus Hinterhäuser im Gespräch mit der Kleinen Zeitung sagte, dass er Eidinger gerne bis 2026 in der Rolle sähe, ist einer von vielen Belegen, wie sich die Festspiele unter Hinterhäuser bereits verändert haben. Seit Gerard Mortier 1992 angetreten war, die Festspiele der Nach-Karajan-Ära massiv umzugestalten, hat es in Salzburg keinen solchen Modernisierungsschub wie unter Hinterhäuser gegeben. Die Auswahl der Stücke, die Auswahl der DirigentInnen und RegisseurInnen sind von einer inneren Dramaturgie und einem Willen zur extravaganten, pointierteren Ästhetik getragen. Während bei den Intendanten-Vorgängern das Operntheater der Moderne zwar immer wieder zum Zug kam, hat erst Hinterhäuser den Feigenblatt-Charakter solcher Programmierung wirklich beendet.

Hinterhäuser hat einem seiner absoluten Lieblinge, Regisseur Romeo Castellucci, nach der „Salome“ nun auch eine Mozartoper übertragen. Castelluci machte aus „Don Giovanni“ ein für den Regisseur ganz typisches „Überwältigungstheater“ auf, das für die einen so sinnlich wie tiefgängig war, für die anderen sinnlos und l’art pour l’art. Auch Teodor Currentzis spaltete (zumindest das Feuilleton): Der Freigeist am Pult nimmt Partituren ja seit jeher als knetbare und nicht in Stein gemeißelte kompositorische Masse, was dem Publikum nicht durchgängig schlüssige, aber meist sehr aufregende Hörerlebnisse beschert, die sittenstrenge Klassik-Polizei hingegen – wie auch in diesem Fall – mit Blaulicht auffahren lässt.

Neben dem „Don Giovanni“ waren auch „Elektra“, „Così fan tutte“ und vor allem das vielleicht zentrale Stück des Festspielsommers, Luigi Nonos „Intolleranza 1960, von diesem Willen nach Erneuerung und Gegenwart gekennzeichnet. Man gab dem amerikanischen Klangmagier Morton Feldman eine eigene Konzertreihe, man setzte vor allem in der Ouverture spirituelle Vergangenheit und Moderne in Bezug. Die Motive dahinter sind nicht länger bloß pflichtschuldig, sondern durchaus leidenschaftlich.

Hinterhäuser weiß aber auch, dass die Festspiele ihre Netrebkos und Bartolis benötigen. Das ist einmal künstlerisch äußert ergiebig (Cecilia Bartoli in Händels „Trionfo“), einmal eher fragwürdig (Anna Netrebko in „Toscasamt Absage-Trara der ORF-Übertragung). Aber genau hier zeigt sich, wie Salzburgs Programmatik auf links gedreht wurde, ohne dass es allzu groß für Wirbel gesorgt wäre. Vor einigen Jahren wäre es „Intolleranza 1960“ gewesen, das aus dem Salzburger Festspielsschema herausgeragt hätte. Heute tanzen früher einmal gängige Star-Produktionen wie die „Tosca“ aus der Reihe der Festspieldramaturgie. „Tosca“ wirkt wie die Reminiszenz an den Rummel der Hochglanzfestspiele anno dazumal. Aus dieser Umkehrung der Verhältnisse hätte Gerard Mortier in den Neunzigern noch ein PR-Feuerwerk in eigener Sache gezündet, bei Hinterhäuser läuft die Entwicklung vergleichsweise still ab. Sie dürfte aber nachhaltig sein. Die Festspiele 2026 werden ganz andere sein als jene 2016.