Kultur

„König Ödipus“ und eine junge Frau

15.09.2021 • 09:00 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Am Vorarlberger Landestheater geht es wieder los. <span class="copyright">Klaus Hartinger</span>
Am Vorarlberger Landestheater geht es wieder los. Klaus Hartinger

Zwei Premieren eröffnen die neue Landestheater-Saison.

Gleich zwei Premieren eröffnen am Wochenende die neue Theatersaison am Vorarlberger Landestheater, die bereits mit einer überarbeiteten Version des „Bella Ciao“-Liederabends musikalisch eingeläutet wurde. Zu diesem Anlass wurde ins T-Café zum Pressetermin geladen, bei dem die beiden Regisseure über ihr jeweiliges Stück Auskunft gaben. Zuerst feiert am Samstag Sophokles’ „König Ödipus“ in der Inszenierung von Johannes Lepper Premiere, am Sonntag ist erstmals „Else (ohne Fräulein)“ von Thomas Arzt in der Box zu sehen, Regie führt Birgit Schreyer Duarte. Die Frage von Schuld und Verantwortung, sowie das Thema der Selbsterkenntnis wären in beiden Stücken präsent, hieß es vonseiten der Theatermacher.

Birgit Schreyer Duarte. <span class="copyright">Annette Schreyer</span>
Birgit Schreyer Duarte. Annette Schreyer

Relativ zuversichtlich blickt indes Intendantin Stephanie Gräve auf die kommende Saison. Dass im Vergleich zum Vorjahr nur neun Abonnenten verlorengingen, wertet sie mit Hinblick auf die Coronakrise und den Altersdurchschnitt des Abo-Publikums als gutes Zeichen: Die Begeisterungsfähigkeit der Menschen für das Theater wäre ungebrochen. Mit einer erneuten Schließung des Hauses rechne sie nicht, jedoch könnten – falls die Inzidenz im Land auf 200 steigt – ganze Schulklassen nicht mehr das Theater besuchen ­dürfen. Dabei würden sich beide Produktionen auch für ein ­jüngeres Publikum sehr gut eignen: Schulen sollten sich also schnell für einen Besuch entscheiden, meinte die Intendantin.

Zwei Körper, eine Figur

Die Geschichte, die Arthur Schnitzler 1924 in seinem Monolog „Fräulein Else“ präsentierte, wurde in ihren Grundzügen von Theaterautor Arzt übernommen, jedoch ist hier Else eben kein „Fräulein“, sondern eine junge Frau, die mit ihren 15 Jahren noch jünger ist als ihre Vorlage. Ihr Vater ist wegen Steuerhinterziehung angeklagt, in einem Hotel trifft sie auf den zuständigen Richter, der seine Machtposition gegenüber Else, die ihrem Vater helfen möchte, ausnützt. Die adoleszente Frau setzt sich mit ihrem Körper und mit ihrer Sexualität auseinander – spannend sei es, dass dieses Körper-Thema gleich zweifach auf der Bühne erscheint, so Gräve. Denn neben Schauspielerin Maria Lisa Huber wird Silvia Salzmann performen: Die Tänzerin hat eine Choreografie zum Stück entwickelt.

Umfrage

Die zwei Künstlerinnen würden sich in dem Stück gut ergänzen, meint die aus Deutschland stammende Regisseurin Schreyer Duarte. Sie hatte als Dramaturgin bei der Oper „La Clemenza di Tito“ bereits Erfahrungen mit der Doppelpräsenz einer Figur – dort waren es Sänger und Schauspieler – gemacht. In „Else (ohne Fräulein)“ nun konnte sie dieses Konzept weiter erproben. Wie verhalten sich die zwei Körper zueinander, ist einer davon ein Widerspruch, oder vielleicht eine Zukunftsversion des anderen?
In der Auseinandersetzung mit der Lebenswelt junger Menschen wurde auch eine Umfrage unter 15-Jährigen durchgeführt, wie Dramaturg Ralph Blase ergänzte.

Schicksal

Während die Jugendlichen heute das Smartphone als Spiegel, als Reflexion des Selbst verwenden, ist für Ödipus der Moment der Selbsterkenntnis weitaus schmerzlicher. Nachdem Lepper am Landestheater zuletzt das Zeitalter des Menschen mit Aristophanes’ Komödie „Die Vögel“ behandelte, zeige sich dieser Stoff weitaus tragischer, so der Regisseur. Relevant sei auch diese alte Geschichte, die den Grundstein zahlreicher Thriller bilde. Denn auch heute stelle sich die Frage, wer Verantwortung trägt für den Zustand unserer Welt – man denke etwa an die Klimakrise. Ödipus sei „schuldig unschuldig“, er hätte eigentlich nichts Böses gewollt, seine rasante Fahrt in Richtung Katastrophe ließ sich dennoch nicht aufhalten. Letztendlich stellt sich für den Regisseur die Frage, wieviel Verantwortung der Einzelne innerhalb eines Systems trage – und wie sich der Weltenlauf verändern ließe. Denn während bei Ödipus das Schicksal von Beginn an besiegelt ist, sollten wir heute aktiv werden, ist der Regisseur überzeugt.

„König Ödipus“: Premiere am Samstag, 19.30 Uhr, im Großen Haus. „Else (ohne Fräulein)“: Premiere am Sonntag, 19.30 Uhr, in der Box. Infos: www.landestheater.org.

Lepper schätze die Arbeit mit dem Ensemble, mit dem ein Vertrauensverhältnis bestehe, wie er sagte. David Kopp wird etwa auch nicht zum ersten Mal in einer Lepper-Inszenierung spielen, diesmal gibt er die Titelrolle. Auch Intendantin Gräve stellte der Entwicklung des Ensembles ein sehr positives Zeugnis aus: „Man wächst aneinander und miteinander.“