Kultur

Der schmerzhafte Weg zur Selbsterkenntnis

20.09.2021 • 20:50 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
"König Ödipus": gelungener Saisonstart am Vorarlberger Landestheater. <span class="copyright">Anja Köhler</span>
"König Ödipus": gelungener Saisonstart am Vorarlberger Landestheater. Anja Köhler

David Kopp und das Ensemble glänzen in „König Ödipus“.

Die Wahrheit wurde mehrfach von einem Orakel prophezeit, alles deutet auf sie hin, ja sogar Ödipus’ Name selbst trägt sie in sich – und doch kann und will der Herrscher nicht wahrhaben, was nicht sein darf, jedoch direkt von seinen Augen liegt. Sophokles’ große Tragödie „König Ödipus“ eröffnete am Samstag die Saison am Vorarlberger Landestheater. Das Regieteam wählte für die Inszenierung die Übersetzung von Jean Bollack, der im Gegensatz zu Sigmund Freud die Geschichte als eine der Selbstzerstörung einer Königsfamilie definierte. Auch widmete sich der Übersetzer intensiv dem „Ödipus“ als literarisches Werk, und so tat es offenbar auch Regisseur Johannes Lepper, der bereits im Vorgespräch ankündigte, „sehr nah am Text“ zu arbeiten. Das Ergebnis begeisterte das Premierenpublikum, Jubel gab es nicht zuletzt für Hauptdarsteller David Kopp, der die Zuschauer sprachmächtig auf diese schmerzhafte Reise der Selbsterkenntnis mitnahm.

David Kopp. <span class="copyright">Anja Köhler</span>
David Kopp. Anja Köhler

Was die Orakel im antiken Griechenland waren, das ist heute der Algorithmus, der uns die unausweichliche Zukunft weist: So wird es mit den Zahlen-Projektionen zu Beginn angedeutet, die über das weiße Halbrund laufen, das die Bühne nach hinten begrenzt (Bühnenbild: Lepper). Zurück im alten Theben plagt eine Seuche die Stadt, Schwager Kreon (Luzian Hirzel) übermittelt Ödipus die Botschaft des Orakels von Delphi, der ungesühnte Mord an dem Vorgänger Laios sei die Ursache dafür. Ödipus, „aller Menschen Bester“, soll es richten, meint der Priester (Nico Raschner). Doch zuerst gibt es noch einen Kaffee: Die Filtermaschine auf der Bühne wird noch mehrere Durchläufe in diesem Stück haben. Die Kostüme von Monika Gebauer zeigen sich eher neutral, die kreidebleichen Gesichter hingegen betonen die Tragik des Geschehens, und könnten auch eine Referenz für die antike Tradition des Spiels mit Masken darstellen.

Wienerisch

Sind die als zeitgenössisch ausgestellten Elemente in dieser Inszenierung meist unaufdringlich platziert, stellen sich die Darsteller in den Mittelpunkt, indem sie gekonnt mit dem Text laborieren. Nur, warum der Priester zu Beginn unbedingt dem Wienerischen verfallen muss, erschließt sich nicht – es soll aber der einzige Makel in dieser Hinsicht bleiben. Die von Sophokles so grandios verfassten Schlüsselstellen werden dem Publikum eindrücklich und packend dargelegt. Der Konflikt mit Kreon, den Ödipus des Komplotts bezichtigt, um den Weissagungen des Sehers Teiresias (Manfred Böll) keinen Glauben schenken zu müssen, mündet überdies in einem schönen Tableau. Vor allem ist es das Hadern des Ödipus mit seinem Schicksal, das im Zentrum steht. Kopp zeichnet meisterhaft die Entwicklung des selbstbewussten Herrschers nach, der sich dann doch irgendwann der grauenhaften Wahrheit stellen muss.

Schiedsrichterstühle werden vielfach eingesetzt. <span class="copyright">Anja Köhler</span>
Schiedsrichterstühle werden vielfach eingesetzt. Anja Köhler

Vivienne Causemann steht Kopp als Ödipus‘ Frau und Mutter Iokaste zur Seite. An ihrer Präsenz kommt der Zuschauer nicht vorbei, auffallend ihre abgehackte Sprechweise. Nico Raschner hat seinen größten Höhepunkt am Ende des Stücks, als er aus dem Off per Video vom Tod Iokastes berichtet – Raschner wie auch Elke Maria Riedmann, die als Hirtin aus Korinth auftritt, übernehmen im Einzeln Passagen aus dem Chortext. Das sorgt für mehr Spielfluss und Flexibilität. Als Nachtrag kehrt Causemann als Ödipus‘ Tochter Antigone wieder, diese Tragödie ist ja der Beginn von weiteren.

Mitleid

Ödipus ist eine der bekanntesten Figuren der Kulturgeschichte, Lepper und die Schauspieler können diese Geschichte dennoch spannend erzählen. Der Zuschauer wird Zeuge der Unaufhaltbarkeit dieser Tragödie, die gerade nicht durch Bösartigkeit seinen Lauf nimmt: Dass Ödipus als Baby nicht getötet, sondern aus Mitleid gerettet wird, ist etwa ein treibender Faktor. Was wäre dann aber geschehen, hätten Ödipus und Iokaste die Erkenntnis der Wahrheit früher zuge­lassen? Die tragische Figur steht im widersprüchlichen Geflecht aus Schuld und Unschuld, Zuständigkeit und Schicksal. Für einige Überraschungen sorgt die Musik von Oliver Rath. Ein gelungener Start in diese Saison!

Fünf weitere Termine von „König Ödipus“: www.landestheater.org.

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