Kultur

Die fehlende Verbindung zur Welt

23.09.2021 • 20:07 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Johny Ritter als Adam in seinem Film „On Waking Up“. <span class="copyright">katharina Koutnik</span>
Johny Ritter als Adam in seinem Film „On Waking Up“. katharina Koutnik

Der neue Kurzfilm von Johny Ritter behandelt das Thema Depression.

Es gibt kein Patentrezept dagegen, oftmals gibt es keinen klar benennbaren Auslöser, sie schleicht sich nach und nach in das Leben ein, und sie kann jeden treffen: die Depression. Trotz ihrer massiven Verbreitung – laut WHO sind über 300 Millionen Menschen weltweit betroffen – tut sich die Gesellschaft immer noch schwer, offen über die psychische Erkrankung zu sprechen. Kleine Fortschritte in dieser Hinsicht habe es in den vergangenen Jahren aber dennoch gegeben, meint der Filmemacher Johny Ritter, der einen Kurzspielfilm zum Thema realisiert hat. Am 2. Oktober präsentiert er den knapp 20-minütigen Film „On Waking Up“ am Spielboden Dornbirn, wo er in der dortigen Filmfabrik tätig ist. Ritter spielt den Protagonisten Adam und führte Regie.

Die Alltagsroutine gibt Halt und Struktur. <span class="copyright">Katharina Koutnik</span>
Die Alltagsroutine gibt Halt und Struktur. Katharina Koutnik

Als Inspiration für das Werk diente ein gleichnamiges Gedicht des britischen Autors Vincent Edward Manda, das bei der Premiere aufgelegt wird. An diesem Abend wird bei weitem nicht nur der Film gezeigt: Es gibt Infostände von pro mente, des Vereins Omnibus, sowie der Einrichtung HPE, die Angehörige psychisch Erkrankter unterstützt. Auch die Caritas Jugendbotschafter sind vor Ort. Zudem gibt es eine Ausstellung von „Shitshow“, einer Berliner Agentur für psychische Gesundheit, zu erleben. Dabei können die Besucher mit sogenannten „mood suits“ (in etwa Stimmungs-Anzüge) körperlich nachempfinden, wie sich depressive Menschen fühlen, informiert Ritter in einem Gespräch.

Adams Mitbewohner. <span class="copyright">Katharina Koutnik</span>
Adams Mitbewohner. Katharina Koutnik

Adam lebt alleine mit seiner kleinen Schildkröte in einer Wohnung. Der junge Mann arbeitet als Filmvorführer in einem Kino, in der Nacht versucht er sich als Schriftsteller selbst zu verwirklichen. Vier Tage innerhalb eines Jahres porträtiert der Film Adams Leben. Die Alltagsroutine gibt dem jungen Mann Halt und Struktur, doch diese werde mit der zunehmenden Depression immer schwerer aufrechtzuerhalten, meint der Filmemacher. Er erschuf mit seiner Figur eine introvertierte Persönlichkeit, die in dem nonverbalen Film nur in der Interaktion mit seiner Schildkröte zu sehen ist.

Filmvorführer

Bei seinem Beruf als Filmvorführer gibt sich Adam den Geschichten hin, die sich vor seinen Augen abspielen, und doch ist er selbst nie ein Teil davon, erklärt der 29-Jährige. Auch sonst falle es Adam schwer, sich innerlich mit der Welt zu verbinden, die ihn umgibt, die eigentlich eine farbenfrohe sei. Gedreht wurden die Arbeits-Szenen im Cinema Dornbirn, wo Ritter selbst als Filmvorführer gearbeitet hat – und Depressionen sind auch Teil seines Lebens. Die Parallelen von Adam und Ritter sind also nicht von der Hand zu weisen. Der Filmcharakter besitze autobiografische Züge, dennoch wolle er mit dem Film zeigen, dass eine Depression jeden ereilen könne. Deshalb auch der Name Adam, so Ritter. Einen Hinweis auf einen bestimmten Handlungsort und eine Zeit gibt es keine: Es kann eben jeden überall treffen.

Die Filmpremiere

„On Waking Up“. Premiere am Samstag, den 2. Oktober am Spielboden Dornbirn. Um 19 Uhr beginnt der Einlass, um 20 Uhr wird der Film gezeigt. Im Anschluss gibt es ein Filmgespräch, sowie ein Podiumsgespräch über Depressionen aus medizinischer Sicht, und aus Sicht Betroffener und Angehöriger. Infos und Tickets: www.spielboden.at.

Dass Adam als Filmvorführer arbeitet, sei auch ein Porträt dieses aussterbenden Berufsfeldes, erklärt Ritter. Die Digitalisierung hätte den Beruf stark verändert. Adam hingegen verwendet gerne analoge Instrumente wie etwa eine Schreibmaschine. Auch für Ritter strahlen analoge Geräte eine gewisse Ruhe aus – im Gegensatz zu unserer schnelllebigen Zeit der permanenten Vernetztheit, was für viele Menschen ein Problem sei, meint der 29-Jährige.

Offen sprechen

Gedreht wurden die Wohnungs-Szenen bereits Ende 2018 in einem leerstehenden Gebäude in Feldkirch. Für eine Woche schlief dort Ritter auch – zusammen mit der Schildkröte. Gedreht hat den Film Kamerafrau Katharina Koutnik. Künstlerin Cornelia Baumgartner zeichnet für den Sound verantwortlich, eine klassische Filmmusik gibt es keine. Die Depression sei eine individuell unterschiedlich ausgeprägte Erkrankung, betont Ritter im Gespräch. Ihm persönlich habe es geholfen zu akzeptieren, dass sie ein Teil seines Lebens sei, und dass er offen darüber sprechen kann.

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