Kultur

Boden für alle – oder Bauland für Spekulanten

28.09.2021 • 20:14 Uhr / 6 Minuten Lesezeit
Eingang zur Ausstellung "Boden für alle"  im vai. <span class="copyright">Darko Todorovic</span>
Eingang zur Ausstellung "Boden für alle" im vai. Darko Todorovic

Die wandernde Schau „Boden für Alle“ ist in Dornbirn angekommen.

Im kleinen Vorarlberg scheint das Thema Grund und Boden ein Dauerbrenner zu sein. T-Shirts mit der Frage „Hosch Böda?“ erinnern etwa heute an die traditionsreiche Bedeutung des Grundbesitzes für die Partnerwahl. Und auch in ganz Österreich wird das Thema seit Jahren heiß diskutiert, steigende Grundstückspreise, Zersiedelung, oder die unaufhörlich voranschreitende Bodenversiegelung lassen den Umgang mit unserem Boden zum brisanten Politikum werden. Der komplexen Materie Grund und Boden, die viele Bereiche einschließt, widmet sich eine Ausstellung des Architekturzentrum Wien (Az W), die durch die Bundesländer tourt, und nun im Vorarl­berger Architektur Institut (vai) angekommen ist. Durch die überaus informative Schau, die mit einem Vorarlberg-Teil angereichert ist, führte vor der Eröffnung am Dienstagabend Karoline Mayer, die zusammen mit Katharina Ritter die Ausstellung kuratiert hat.

Bunt und poppig. <span class="copyright">Darko Todorovic</span>
Bunt und poppig. Darko Todorovic

Poppig und bunt ist die Schau gestaltet, wohl um die geballte Ladung an Informationen benutzerfreundlich zu präsentieren. Am Eingang wird der Besucher von einer Bildschirmwand empfangen, die in Echtzeit Zahlen aus Österreich präsentiert – aus dem Jahr 2019, da das vergangene Corona-Jahr als Ausnahme gilt. Hier lernen wir etwa, dass pro Minute in Österreich 37,44 Quadratmeter an Boden versiegelt werden. Auch wichtig: Der Wert von gewidmetem, jedoch unverbauten Bauland steigt pro Sekunde um ganze 745,78 Euro. Der Themenkomplex „Ware Boden“ ist überhaupt sehr präsent in der Schau und wurde anschaulich und differenziert aufbereitet. Doch auch Allgemeines und His­torisches ist zu erfahren. Eine Zeitleiste widmet sich unter anderem wesentlichen politischen Entwicklungen in Österreich mit Beginn des Mittelalters. Was ist eigentlich der Boden? Diese Frage wird in der Ökonomie, Ökologie oder Architektur jeweils anders beantwortet.

Zersiedelung im Rheintal.<span class="copyright"> Philipp Steurer</span>
Zersiedelung im Rheintal. Philipp Steurer

Und was versteht man genau unter Raumplanung? Grundsätzlich gehe es darum zu planen, wie der Boden genutzt werden könne, sagt Mayer. In der Schau vertreten ist eine Definition des Salzburger Raumordnungsgesetzes. In Österreich sei Raumplanung hauptsächlich Ländersache, und so gebe es auch neun verschiedene Landesgesetze. Auch Gemeinden, der Bund und die EU bestimmen mit, womit viele Akteure im Spiel sind. „Alle reden mit, am Schluss hat keiner Schuld“, zitiert Mayer eine befreundete Juristin.

“Gehortet”

Eigentlich bindet die Raumordnung Interessen des Gemeinwohls, der Landwirtschaft, sowie soziale und ökologische Aspekte mit ein. Die Verwendung von Bauland in Privatbesitz aber ist nicht selten allein von den Gesetzen des freien Marktes bestimmt. Grund und Boden wird zur lohnenden Investition, vor allem wenn es „gehortet“ wird, also nicht dem Markt zugeführt oder durch Verbauung „entwertet“ wird. In Vorarlberg betrifft das ein Drittel aller gewidmeten Bauflächen. Diese Zurückhaltung des Bodens könne auch andere Gründe haben als der Profit, manche wollen zum Beispiel ihren Grund für die Nachkommen aufsparen, führt Mayer aus. Doch seien es die großen Investoren, die viel Boden horten, die die Probleme befeuern würden: Erstens steigen die Preise unkontrolliert, weil beim Boden – einer endlichen Ressource – nicht einfach beim Angebot nachjustiert werden könne, erklärt die Kuratorin. Deshalb wird in der Schau auch erklärt, „warum Boden kein Joghurt ist“, was der Aussage einer Schweizer Politiker entnommen ist. Zweitens wird durch das „Horten“ von Bauland in Dorf- oder Stadtzentren die Zersiedelung befördert, wenn Menschen in die Region ziehen.

Komfortabel

Viele Faktoren spielen eine Rolle in dieser Thematik, die Schau versucht ihnen Rechnung zu tragen und bringt auch einen historischen Blick auf diese Entwicklung mit ein. Zudem werden Lösungen in den Raum gestellt, wie der Problematik gegengesteuert werden könne – sei es mit politischen Maßnahmen wie einer differenzierten Steuerreform oder mit architektonischen Maßnahmen wie Nachverdichtung. Denn natürlich geht es auch um den ungebrochenen Einfamilienhaus-Boom im Ländle, aber auch in ganz Österreich. Das Zahlenspiel hierzu: Würde man alle Einwohner Österreichs, inklusive der Wiener, auf alle Ein- und Zweifamilienhäuser verteilen, hätten 4,16 Personen sehr komfortabel in einer Wohneinheit Platz.

Die roten Stellen auf der Ortskarte Götzis zeigen die Bauflächenreserven – insgesamt 133 Hektar (Stand 2017). <span class="copyright">Rodlsberger/Vilanek</span>
Die roten Stellen auf der Ortskarte Götzis zeigen die Bauflächenreserven – insgesamt 133 Hektar (Stand 2017). Rodlsberger/Vilanek

Positive Beispiele aus anderen Ländern und Projekte, die Alternativen aufzeigen, gibt es zahlreiche in der Schau. So entwarfen etwa die Studierenden Johannes Sebastian Vilanek und Nicole Rodlsberger in ihrer Masterarbeit ein Nachverdichtungskonzept für ein Gebiet in Götzis – mit Erfolg, so könnte mit dieser Art der Nachverdichtung auch wieder Freiraum entstehen, wie betont wurde. „Boden für Alle“ beinhaltet viele Fakten und Lösungsansätze, und die Schau beweist Humor: ein Besuch klärt auf und lohnt sich nicht nur für Besitzer von „Böda“.

„Boden für Alle“. Bis 22. Jänner im vai Dornbirn. Ausstellungsgespräch am Sa., 16. Oktober um 11 Uhr. Di. bis Fr., 14 bis 17 Uhr, Do. bis 20 Uhr, Sa., 11 bis 15 Uhr geöffnet.

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