Kultur

Die Geschichte eines „besonderen“ Jungen

29.09.2021 • 20:41 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Hat einen guten Draht zu den Schülern: Nico Raschner. <span class="copyright">Anja Köhler</span>
Hat einen guten Draht zu den Schülern: Nico Raschner. Anja Köhler

Um einen Buben mit ADHS geht es im neuen Klassenzimmerstück.

Die Kinder sitzen im Musikzimmer der Mittelschule Klaus-Weiler-Fraxern und warten gespannt, bis die Darbietung beginnt. Da öffnet sich die Tür, Schauspieler Nico Raschner kommt herein – und die packende Soloperformance beginnt. „WiLd!“ heißt das neue Klassenzimmerstück des Jungen Landestheaters, das bereits bei der Premiere am Mittwoch den kritischen Blicken der jungen Zuschauer unterzogen wurde. Das Urteil des Premierenpublikums zwischen 11 und 13 Jahren fiel positiv aus, wie sich beim anschließenden Gespräch mit den Lehrern, Regisseurin Stefanie Seidel und Raschner herausstellte. Das Stück für Zuschauer ab acht Jahren ist für Schulen buchbar, und wird außerdem am 14. November in der Familienbox im Landestheater zu sehen sein.

Raschner spielt den Jungen Billy. <span class="copyright">Anja Köhler</span>
Raschner spielt den Jungen Billy. Anja Köhler

Der kanadisch-britische Autor Evan Placey setzt sich nicht selten mit den Problemfeldern junger Menschen auseinander. Sein Stück „Mädchen wie die“, das von dem fehlenden Zusammenhalt unter Heranwachsenden handelt, ist im Programm des Wiener Burgtheaters zu finden. Im Stück „WiLd!“ erzählt der zehnjährige Junge Billy über sein Leben mit der Krankheit ADHS, seine Erlebnisse in der Schule und in den zerrütteten Familienverhältnissen, in denen er sich wiederfindet.

Gefühls-Smiley

Billy ist von der Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitäts-Störung betroffen. Er hat Schwierigkeiten still zu sitzen und sich lange auf eine Sache zu konzentrieren, so schnell wechseln seine Gedanken, die er mit den Zuschauern teilt. Um seine Geschichte zu erzählen, schlüpft Billy im Handumdrehen in andere Rollen – etwa seines Lehrers Herr Maltese, der seine Mühe mit dem aufgeweckten und fantasievollen Schüler hat. Obwohl Billy gerne viel redet, bekommt er in dem Theaterstück, das in der Schule gespielt wird, nur die Rolle eines Baums. Dafür muss er regelmäßig zu Miss Stewart, wie die anderen „besonderen“ Kinder – ein Euphemismus sei diese Bezeichnung, sagt Billy, schreibt das Wort auf die Tafel und erklärt den jungen Zuschauern, was das bedeutet.
Bei Miss Stewart müssen die Kinder einen Gefühls-Smiley auswählen, und das dürfen dann auch einige Schüler aus dem Publikum. Wenn Raschner die Kinder miteinbezieht, sind sie gerne dabei.

Auch mit dabei: Danny die Drohne.<span class="copyright"> Anja Köhler</span>
Auch mit dabei: Danny die Drohne. Anja Köhler

„Berührend“ sei das Stück gewesen, sagt ein Mädchen aus dem Publikum im Nachgespräch. Und das ist es wirklich, wenn Billy etwa die Worte „Verhaltenstherapie, Medikamente, lebenslang“ aufschreibt, die er im Gespräch seiner Eltern mit dem Arzt aufgeschnappt hat. Die Erwachsenen reden meis­tens über ihn statt mit ihm. Am stärksten aber ist das Publikum wohl ergriffen von der unerfüllten Sehnsucht des Jungen nach dem Vater, der sich nicht nur von der Mutter trennt, sondern sich auch kaum mehr mit dem Sohn beschäftigt. Dass der Vater nicht mehr zurückkehren wird, wie es sich Billy erhofft hat, ist seine schmerzhafte Erkenntnis in dem Stück.

Bienenstock

Billys große Leidenschaft sind Bienen, die der Vater auf einem Dach züchtet. Als es dort zwischen den beiden zum Streit kommt, fällt Billy hin und wird von Bienen übersät. Keine einzige aber sticht ihn – was ihm danach den Respekt der Klassenkameraden einbringt. Nach dem Showdown auf dem Dach wird für den sympathischen Buben dann doch einiges besser. Billy lernt, was er machen kann, wenn er wieder ungeduldig wird, und seine Mutter schenkt ihm zum Geburtstag einen neuen Bienenstock.

Die Schüler wurden vor dem Stück auf das Thema vorbereitet, sie können offenbar problemlos dem Stück folgen, Billy’s Gedankensprünge sind nicht zu hektisch geraten. Die Figur bietet wohl eine breite Identifikationsfläche für die Jungen, gut unterhalten werden sie außerdem von Raschners Spiel. Er hat einen guten Draht zu den Kindern, im Nachgespräch erklärte er noch, wie das mit dem Bienenstock genau funktioniert, und tauschte Haarfärbe-Erfahrungen mit einer Schülerin aus.

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