Kultur

Dystopien, Reflexionen und Lenin im Zahn

30.09.2021 • 20:26 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Mihael Milunovic in der Feldkircher Galerie Sechzig. <span class="copyright">Lisa Kammann</span>
Mihael Milunovic in der Feldkircher Galerie Sechzig. Lisa Kammann

Mihael Milunovic zeigt neue Arbeiten, die zur Interpretation einladen.

Er war schon 2019 in der Galerie Sechzig zu Gast, nun ist der Künstler Mihael Milunovic mit neuen, zum Teil eben erst geschaffenen Werken nach Feldkirch zurückgekehrt. Der 1967 in Belgrad geborene und in Paris lebende Milunovic zeigt Ölgemälde, die reich sind an Symbolen, die auf gesellschaftspolitische, aber auch anthropologische Inhalte verweisen. Bei einer Führung liefert der Künstler Hintergrundinformationen zu seinen rätselhaften Bildern. Doch auch ohne diesen Hintergrund könnte der Besucher einiges von seinen Werken mitnehmen, meint Milunovic. Neugier und Emotionen wecken die geheimnisvollen und dystopischen, auch humorvollen Motive allemal. „My own reflection“ heißt die Schau, in der der Künstler seine eigene kritische Reflexion, quasi eine verspiegelte und auch verrätselte Realität, präsentieren möchte.

Einige kleinformatige Werke werden gezeigt. <span class="copyright">Lisa Kammann</span>
Einige kleinformatige Werke werden gezeigt. Lisa Kammann

Manches ist leicht zu entschlüsseln, manches komplexer, und zu manchen Werken mit archaischen Motiven entsteht gleich eine Verbindung mit dem Betrachter. Ein Paradox zeigt etwa das Bild „Stramen Omo (Strawmen)“, das mit anderen kleinformatigen Werke an der Wand versammelt ist: Strohmänner halten brennende Fackeln in den Händen. Sie halten also Prinzipien hoch, die ihren eigenen Untergang bedeuten könnten, erklärt Milunovic. Wortspiele sind in den Titeln enthalten, wie bei „Chewing Gun“. Die Handfeuerwaffe – derselbe Typ, der bei der Ermordung des Erzherzogs Franz Ferdinands 1914 verwendet wurde – spuckt nur noch Kaugummi aus: Nachdem dieses historische Ereignis oftmals wiedergekaut wurde, sind in dieser Geschichte nur noch die Interpretationen und Interessen der Menschen heute erkennbar – ein Schuss ohne Konsequenzen, fernab vom realen Ereignis, so der Künstler.

Geister der Vergangenheit

Fundstücke von alten Zähnen sind von großer Bedeutung, um die Entwicklung des homo sapiens und anderer Menschenarten zu erforschen. Milunovic findet auch jenen Aberglauben spannend, dass Zahnprobleme durch böse Geister entstehen, die sich im Zahninneren eingenistet haben. Vertrieben werden sollten auch ideologische Plagegeister der Vergangenheit, wie etwa ein Lenin, der mit einem Genossen einen Backenzahn bewohnt.

"Feast (aka Festin)" (2021).<span class="copyright"> Lisa Kammann</span>
"Feast (aka Festin)" (2021). Lisa Kammann

Neben der Ellipse, deren Interpretation von der Wahrnehmung des Betrachters abhängt, findet sich in Milunovics Werken auch immer wieder eine Figur, die statt eines Gesichts ein graues amorphes Gebilde auf den Schultern trägt. Dieser „Shithead“, wie ihn der Künstler nennt, sei eine Art böser Geist. Er ist auch auf einem großformatigen Gemälde zu finden, das eine dystopische Szene zeigt. In einem Fenster – oder ist es ein Bild, oder ein Bildschirm? – sehen wir Ruinen einer Stadt, in einem Raum davor, einer Art Schlachthaus, wird eine Party gefeiert. Viele Details und versteckte Referenzen sind hier zu entdecken, und doch bleibt eine endgültige Interpretation dem Betrachter überlassen.
In der Druckwerkstatt von Markus Gell in Rankweil ist auch noch die Lithografie „Toilette“ entstanden, 42 Stück zählt die Edition.

Zur Ausstellung

Mihael Milunovic. „My own reflection“. Bis 27. November in der Galerie Sechzig, Feldkirch. Do. und Fr., 16 bis 19 Uhr, Sa., 12 bis 16 Uhr geöffnet. Ab Sa., 2. Oktober zu sehen. Dann, bei der „Langen Nacht der Museen“, ist der Künstler anwesend und steht für Gespräche zur Verfügung.

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