Kultur

Vom Meeresgrund zur brennenden Erde

21.10.2021 • 21:35 Uhr / 6 Minuten Lesezeit
Otobong Nkanga vor ihrem Werk „Unearthed – Sunlight“. <span class="copyright">Roland Paulitsch</span>
Otobong Nkanga vor ihrem Werk „Unearthed – Sunlight“. Roland Paulitsch

Künstlerin Otobong Nkanga zeigt im KUB große Zusammenhänge auf.

Ein einziges großes Werk erstreckt sich über die vier Ebenen des Kunsthaus Bregenz: Wie geologische Schichten, die, je weiter man in die Erde dringt, umso weiter in die Tiefen der Geschichte führen, führt uns Otobong Nkanga von den Tiefen des Meeres zur Erdoberfläche – und sie zeigt uns dabei ein Stück Geschichte, genauer gesagt die Geschichte der Eingriffe der Menschheit in die Natur. Kolonialismus, Umweltzerstörung, Ausbeutung: Die Auswirkungen dieser verhängnisvollen „Eroberung“ der Welt kreuzen sich in der neuen KUB-Schau mit der Schönheit von Flora uns Fauna und der Hoffnung durch neues Leben. Energien und Rohstoffe gehen durch ihre Abschöpfung nicht einfach verloren, sondern sie befinden sich in einem immerwährenden Kreislauf, meint die in Antwerpen lebende Künstlerin beim Pressegespräch im KUB. Diese Haltung spiegelt sich auf mehreren Ebenen in Nkangas Kunstprojekt wider.

Prächtige Tapisserien hängen an den Wänden. <span class="copyright">Otobong Nkanga/Kunsthaus Bregenz</span>
Prächtige Tapisserien hängen an den Wänden. Otobong Nkanga/Kunsthaus Bregenz

Zwei wesentliche Elemente verbinden die vier Geschosse miteinander. 33 Meter lang ist die Weißtanne, die, in vier Teilstücke gesägt, diagonal vom Erdgeschoss bis in den obersten Stock ragt. Der Baum aus dem Bregenzerwald lag bereits im Sterben, als er gefällt wurde, betonte Nkanga. Der untere Teil des Baumstamms scheint am Rand eines Teichs herauszuwachsen, der aus Lehmerde und Schlamm erschaffen wurde. In enger Zusammenarbeit mir Martin Rauch von Lehm Ton Erde Baukunst wurde die Ausstellung mit insgesamt 50 Tonnen lehmigem Aushubmaterial und sechs Tonnen Lehmschlamm ausgestattet. Dass die Materialien nach der Schau wieder in den Kreislauf zurückgeführt und weiterverwendet werden können, ohne Schadstoffe zu verbreiten, ist sowohl für die Künstlerin als auch für Rauch wichtig. Nkanga zeigte sich sehr glücklich über die Zusammenarbeit mit den lokalen Akteuren.

50 Tonnen Lehm wurden für die Schau verwendet.<span class="copyright"> Roland Paulitsch</span>
50 Tonnen Lehm wurden für die Schau verwendet. Roland Paulitsch

Ein Herzstück der Ausstellung sind die eindrucksvollen Tapisserien, die in jedem Geschoss übereinandergehängt wurden und als Einheit das Werk „Unearthed“ bilden. Die aus Nigeria stammende Nkanga hat die Wandteppiche für das KUB in Kooperation mit dem TextielMuseum im niederländischen Tilburg entworfen, gewebt wurden sie bei Dornier in Lindau. Detailreich und prachtvoll, zeigen die Tapisserien den Weg von der Tiefe des Meeres bis zum Land – und umgekehrt – auf.

Mechanische Arme

Am Meeresgrund „Unearthed – Abyss“ sehen wir auf ultramarinfarbenem Hintergrund bunte Korallen und Seeanemonen, aber auch seltsame Arme, die abgekoppelt vom Körper auf dem Grund landen. Sie gelangen von der Oberfläche nach unten, sind entweder natürliche Arme oder mechanische Prothesen. Nkanga thematisiert damit einerseits den Verlust von autonomer Arbeits- und Wirtschaftskraft durch die Mechanisierung von Arbeitsprozessen. Andererseits verbildlichen die Arme die menschlichen Überreste jener, die im Laufe der vergangenen Jahrhunderte die Überfahrt von Afrika in die USA oder nach Europa nicht überlebt haben.

Pflanzen finden sich in Glaskugeln. <span class="copyright">Roland Paulitsch</span>
Pflanzen finden sich in Glaskugeln. Roland Paulitsch

Den umgekehrten Weg gehen hingegen die wertvollen Mineralien und Metalle, die aus dem Meer an Land gefördert werden. Der Weg führt durch die Geschosse über „Unearthed – Midnight“ und der Zone zwischen Wasser und Land („Unearthed – Twilight“) zu der Erdoberfläche: eine verbrannte Landschaft voll sengender Hitze („Un­earthed – Sunlight“). Die Wanderung durch die Ebenen des KUB scheint damit auch eine Art Zeitreise in eine Zukunft zu sein, in der wir bereits angekommen sind. Die zunehmenden weltweiten Waldbrände durch die Klimakrise – sie rauben den Menschen Einkommen und Lebensraum – finden ihre Entsprechung zudem in der verbrannten Spitze der Weißtanne. Sie ragt aus einer öden Landschaft aus Erde und Schlamm heraus.

Glaskugeln

So wie die Schlammtümpel am Boden und das Moos auf dem Baumstamm im Lauf der Ausstellung sukzessive vertrocknen werden, so droht unserer Erde dasselbe Schicksal: Ihr Werk ist gleichzeitig Repräsentation und Nachahmung der Verödung der Welt, sagt die 47-jährige Künstlerin. Doch sprießt auch immer wieder neues Leben: Neben dem absterbenden Baum fand Nkanga einen kleinen Sprössling, den sie in die Schau verpflanzte, so die Künstlerin. Pflanzen finden sich an den Tapisserien, wie auch in Glaskugeln, die mit Seilen mit dem Baumstamm verbunden sind. Die Gewächse erhalten darin genug Nährstoffe und Feuchtigkeit, fügte Nkanga hinzu.

Zur Ausstellung

Otobong Nkanga. Bis 6. Februar 2022 im Kunsthaus Bregenz. Erweiterte Eröffnung Freitag, 22. Oktober, 17 bis 20 Uhr. Künstlergespräch mit Otobong Nkanga am Samstag, 11 Uhr. Öffnungszeiten: Di. bis So., 10 bis 18 Uhr, Do. 10 bis 20 Uhr.

Wasser und Land, Mensch und Erde – Nkanga bringt diese vermeintlichen Gegensätze zu einem gesamtheitlichen Bild zusammen, sowohl im Denken als auch materiell in ihrer Kunst, die von handwerklicher Qualität zeugt. Nkanga gelingt das Kunststück, diese Ganzheitlichkeit über vier Stockwerke zu verteilen, ohne dass die Geschichte, die sie dem Besucher erzählt, Risse erhält. Sehr sehenswert!

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