Kultur

Wenn der Mercedes stillsteht

26.10.2021 • 19:18 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Christina Walker präsentiert ihren Debütroman. <span class="copyright">Petra Rainer</span>
Christina Walker präsentiert ihren Debütroman. Petra Rainer

Roman: “Auto”: über einen, der sich dem Getriebe des Alltags entzieht.

Zahlreiche Künstler und Literaten setzen sich mit dem Thema Schnelllebigkeit auseinander, sie üben Kritik an der Geschwindigkeit des Lebens, die den Menschen seiner Lebenserfahrung beraubt, indem dieser dem irrsinnigen Tempo unserer Welt gerecht zu werden versucht. Auch das Gebot, immer und überall zu kommunizieren, steht heute im Kreuzfeuer der Kritik. Wann sind wir uns denn noch in dem Moment, dem einen Augenblick an dem einen Ort, selbst überlassen? Die aus Bregenz stammende, in Augsburg lebende Autorin Christina Walker erzählt in ihrem Debütroman „Auto“ die Geschichte eines Mannes, der sich plötzlich dem Getriebe des Alltags verweigert.

Zur Person

Christina Walker wurde 1971 in Bregenz geboren. Nach verschiedenen Tätigkeiten für Theater, Film und Museen in Wien und Berlin lebt sie heute in Augsburg. Für den Beginn ihres ersten Romans „Auto“ erhielt sie 2018 den Vorarlberger Literaturpreis.

Mit ihrer Aussteiger-Geschichte, in welcher der Vertreter Busch im Zentrum steht, knüpft Walker an eine literarische Figurentradition an, wie sie etwa durch Iwan Gontscharows „Oblomow“ oder Herman Melvilles „Bartleby der Schreiber“ repräsentiert wird. Ein derart tragisches Ende wie Bartleby ereilt Busch nicht, vielmehr läuft dessen unmotivierte Unmotiviertheit ins Leere – wie letzten Endes auch der Roman selbst. Die Autorin schafft es nicht, anstatt der Bewegung, die ansonsten eine Handlung antreibt, ein starkes literarisches Zeichen zu setzen.

Regeln

Busch mag eines Tages nicht mehr, er mag kein Büchervertreter mehr sein, der in Deutschland von einem Buchhandel zum nächsten fährt. Zuerst verschmäht er das Auto, fährt mit dem Zug, dann lässt er es ganz bleiben und zieht sich im Hof des Wohnhauses in seinen fahruntüchtigen Mercedes zurück. Seine Frau Susanne und sein Sohn Matti leben ihr Leben weiter und drohen sich dabei immer mehr von ihm zu entfremden. Die Nachbarn sind zusehends genervt von Busch, der den Hof mit seinem Feldstecher im Blick behält. Vor allem die Ameisen haben es ihm angetan: Das Ameisenvolk arbeitet effizient nach ungeschriebenen Regeln, jedes einzelne Tier folgt wie selbstverständlich seiner Aufgabe.

Christina Walker: „Auto“, Braumüller Literaturverlag, 208 Seiten, 17,99 Euro.

Auch Busch sucht Struktur und Ordnung, er stellt Regeln für sich auf, wie etwa „Regel 1: Jede Fremdbewegung (per Auto, Bus, Bahn etc.) vorerst vollständig vermeiden“. Buschs theoretische Ausführungen, etwa zum physikalischen Trägheitsgesetz, lassen sich aber nicht so einfach auf seine Lebensrealität übertragen. Mit seinem programmatischen Stillstand wollte er eigentlich die Reibung mit der Umwelt vermeiden. Das Resultat in der verbleibenden Interaktion mit seinem sozialen Umfeld ist ein anderes.

Konsequenz

Ein nennenswerter Effekt von Buschs Strategie – was er nun genau bezwecken möchte, weiß er selbst nicht – bleibt aus. Vielleicht ist sie einfach nicht konsequent genug, wenn er dann doch in den Supermarkt, ins Café oder in den Park geht, sich in der Wohnung aufhält, wenn die Familie ihrem Tagwerk nachgeht. Schlussend­lich fehlt es auch Walker an Konsequenz: Weder schöpft sie merklich aus dem sprachlichen Potential, das sich mit den Motiven Stillstand, Bewegung und Wiederholung anbietet, noch findet sie einen anderen Weg, die Ödheit von Buschs Alltag langfristig amüsant oder spannend zu gestalten. Eine Entwicklung macht der Ex-Vertreter bis zum Schluss nicht durch. Wird der Mercedes abgeschleppt, geht es eben in den Park.
Schöne Momente und gelungene Stellen gibt es in diesem Roman dennoch, vor allem, wenn Busch mit den Menschen um ihn herum interagiert. Irgendwie muss man Busch ja mögen – mit all seinen Schrullen.

Du hast einen Tipp für die NEUE Redaktion? Schicke uns jetzt Hinweise und Bilder an redaktion@neue.at.