Kultur

Malen im Bewusstsein der Endlichkeit

28.10.2021 • 21:06 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Eine Staffelei von Heinz Greissing zeigt die Arbeitsbedingungen des Freilichtmalers.<span class="copyright"> Klaus Hartinger</span>
Eine Staffelei von Heinz Greissing zeigt die Arbeitsbedingungen des Freilichtmalers. Klaus Hartinger

Das vorarlberg museum zeigt das Spätwerk von Heinz Greissing.

“Die Streifenmalerei ist eine große Hilfe für mich, ein Netz, mit dem ich arbeite. Ich habe eben mehr Kontrolle. Es ist wahrscheinlich so, wie in Gedichten oder in Musikstücken Systeme erfunden werden mussten, um dem Chaos zu entgehen, das ist ja der Wunsch in der Musik, Dichtung und Malerei. Deshalb arbeiten wir ja.“ Die Streifenmalerei, die Heinz Greissing in diesem Zitat begründet, wurde zum Markenzeichen des Vorarlberger Malers, der im Mai 2020 im Alter von 87 Jahren in Bregenz verstarb. Gründe, warum der Künstler sich dieser eigentümlichen Methode zuwendete, gibt es mehrere, wie der Besucher der Ausstellung im Atrium des vorarlberg museums erfährt. Unter dem Titel „Malen am Atlantik – Letzte Bilder“ sind Werke von Greissing aus den vergangenen zehn Jahren versammelt. Die von Kathrin Dünser kuratierte Schau bietet zudem einen Einblick in das einzigartige Schaffen des Freilichtmalers.

Mit Stein beschwert

Bei der Vorarbeit zur Ausstellung sei ihr bewusst geworden, was es bedeute, während der gesamten Schaffensphase ein Freilichtmaler zu sein, sagt Dünser im Gespräch – und ein solcher sei er „mit ganzem Herzen“ gewesen. Dabei war Greissing gerade während seiner Aufenthalte in Andalusien den Naturgewalten ausgesetzt: Aufgrund des Windes musste er etwa seine Staffelei mit großen Steinen beschweren, was in Bregenz mit einer ausgestellten Staffelei Greissings deutlich gemacht wird. Vorzeichnungen fertigte er nie an, sogleich bearbeitete er mit dem Pinsel die Leinwand, während jedoch sein Blick stets auf das Motiv gerichtet war, wie die Kuratorin erklärt. Bevor sich der Künstler nach und nach von der Streifenmalerei abwendete, brachte er an der Staffelei einen Spiegel an: Abwechselnd malte er so einen Streifen der Ansicht, die vor, und einen Streifen der Landschaft, die hinter ihm lag.

Der Maler bei der Arbeit. <span class="copyright">Greissing</span>
Der Maler bei der Arbeit. Greissing

Dass sich diese Ausstellung auf die am Atlantik entstandenen Bilder im Spätwerk Greissings konzentriert, hatte zuerst einen praktischen Grund, denn viele dieser Werke habe der Künstler in seinem Besitz zusammengehalten, wie die Ausstellungsmacherin erläutert. Gut nachvollziehen lässt sich mit dieser Schaffensperiode der Übergang zu den streifenlosen Bildern. Dass Greissing im hohen Alter ausschließlich die Vorderperspektive malte, ließe sich laut Dünser mit dem zunehmenden Alter und der mit der Freilichtmalerei ohnehin bestehenden Anstrengung erklären: Der Künstler zurrte in seiner zweiten Heimat Andalusien täglich eine großformatige ­Leinwand am Dach seines Autos fest und steuerte immer gleiche Orte in und um die Stadt Ronda an.

Lichtstimmungen

Bevor Greissing ganz auf Streifen verzichtete, rhythmisierte er damit die Vorderansicht, indem er etwa unterschiedliche Lichtstimmungen des Morgens und Abends nebeneinanderstellte. Doch auch in seinen streifenlosen Bildern vermochte der Maler es, unterschiedliche Lichtverhältnisse in dem Bild zu vereinen. In seinen Meer- und Pinienbaumbildern zeigt sich die Intensität, mit der die Natur bereits während des Malens etwa die Farbgebung bestimmt.

„Heranrollendes Meer im Abendlicht“, 2016. <span class="copyright">Vorarlberg museum</span>
„Heranrollendes Meer im Abendlicht“, 2016. Vorarlberg museum

Durch die engagierte Mitarbeit der Familie Greissing wurde die Schau um zusätzliche Informationen erweitert, mithilfe derer der Besucher auch der Persönlichkeit des Künstlers näher­kommt. Tochter Anna Greissing habe laut Dünser geholfen, aus Filmmaterial wesentliche Zitate des Künstlers herauszufiltern, die mit QR-Codes neben einigen Bildern abrufbar sind. So sagte er im Hinblick auf sein spätes Schaffen: „Das Bewusstsein der Endlichkeit – und dass die Zeit so schnell vergeht –, das gibt dir ja auch einen gewissen Antrieb. Man möchte etwas festhalten. Der Augenblick bleibt dann auf der Leinwand. Der sich verziehende, der weglaufende Augenblick – den kann ich eben festhalten. Der verweilt auf der Leinwand, der verweilt für immer auf der Leinwand, oder für sehr lange Zeit.“ Auch ein Video von Ingrid Adamer liefert tiefere Einblicke in das Schaffen des Künstlers.

Heinz Greissing. Malen am Atlantik – Letzte Bilder. Bis März 2022 im Atrium des vorarlberg museums, Bregenz. Dienstag bis Sonntag, 10 bis 18 Uhr geöffnet.

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