Kultur

“Eigentlich müssen wir beim Urknall beginnen”

03.11.2021 • 18:58 Uhr / 8 Minuten Lesezeit
Sie wird nach dieser Spielzeit wieder nach Bregenz kommen, wie sie verriet: Regisseurin Bérénice Hebenstreit. <span class="copyright">Roland Paulitsch</span>
Sie wird nach dieser Spielzeit wieder nach Bregenz kommen, wie sie verriet: Regisseurin Bérénice Hebenstreit. Roland Paulitsch

Regisseurin Bérénice Hebenstreit über das neue Landestheater-Stück.

Mit „Wir reden über Polke, das sieht man doch!“ inszenieren Sie eine Uraufführung. Dabei geht es um den bildenden Künstler Sigmar Polke. Wie hat sich der Theaterautor Gerhard Meister dieser Künstlerpersönlichkeit angenähert?
Bérénice Hebenstreit: In dem Text von Gerhard Meister stehen sechs Spielerinnen und Spieler auf der Bühne, die über den Maler Sigmar Polke sprechen, und sich an ihm und seinem Werk abarbeiten – und auch bis zu einem gewissen Grad daran scheitern, über ihn zu reden, ihn mit Sprache fassbar zu machen. Was ich das Schöne an dem Text finde, ist, dass der Autor uns nicht versucht eine Biografie zu erzählen, darum geht es kaum. Es gibt auch keine vordefinierten Figuren, erst ich habe den Text auf die Spielerinnen und Spieler aufgeteilt. Ich sehe im Text zwar, wenn es einen Sprecherwechsel gibt, aber wer welchen Text übernimmt, habe ich entschieden.

zUR PERSON

Bérénice Hebenstreit wurde 1987 in Wien geboren. 2019 inszenierte sie „Der Flüchtling“ am Vorarlberger Landestheater, 2020 gewann sie den Nestroy-Preis als „Bester Nachwuchs weiblich“ für die Inszenierung „Urfaust/FaustIn and out“. In der Kritiker:innenumfrage zur Saison 2020/21 von „Theater heute“ wurde sie in der Kategorie „Beste Nachwuchskünstler:in in Regie“ genannt.

Worin liegen die Herausforderungen in der Auseinandersetzung mit Polkes Werk und Person?
Hebenstreit: Gerhard Meister hat viel davon eingefangen, wie es jemandem geht, der sich mit Polke beschäftigt, nämlich dass man sich total darin verliert. Es gibt so viele Schaffensphasen, da fällt es einem schwer, ihn auf ein Motiv oder auf ein einziges bekanntes Werk zu reduzieren. Man findet auch sehr wenig über sein Leben, das heißt, der biografische Ansatz ist recht schnell erschöpft, und er ist aus meiner Sicht auch nicht der interessanteste. Das, was Polke über sich selbst sagt, ist oft ironisch oder gar nicht von ihm selbst. Und so ist auch der Theaterabend. Es ist eine Annäherung von verschiedenen Seiten über Inhalte, Motive, aber auch über Kunstdiskurse. Die Figuren stranden irgendwo, finden etwas, und starten neu.

Bildet das Stück auf diese Weise Polkes Vielseitigkeit und seine ironisch-humorvolle Art ab?
Hebenstreit: Der Text fängt viel ein von Polke indem er ähnliche Methoden verfolgt, zum Beispiel die Art, wie der Maler mit Humor umgeht, wie er mit Referenzen in der Kunstgeschichte umgeht. Und ich setze diese Strategien als Regisseurin fort. Welche Mittel haben wir am Theater dafür? Es gibt dieses Bild von Polke, „Die drei Lügen der Malerei“, in dem er wie in vielen Werken die Strategien und vielleicht auch Ideologien der Malerei des 20. Jahrhunderts und darüber hinaus kommentiert. Was ist Wahrheit, was ist Illusion, was ist Repräsentation? Polke lässt sich nie auf eine Haltung festnageln, und ich hoffe das tut der Abend auch nicht.

Der 2010 verstorbene deutsche Künstler Sigmar Polke wäre heuer 80 Jahre alt geworden. <span class="copyright">EPA</span>
Der 2010 verstorbene deutsche Künstler Sigmar Polke wäre heuer 80 Jahre alt geworden. EPA

Wie ist der Text aufgebaut?
Hebenstreit: Der Autor arbeitet mit verschiedenen Sprachmaterialien, auch Polkes witzige Bildtitel kommen vor. Es finden sich Texte von Kunstkritikern und vom Künstler selbst. Es gibt sehr viel Zitate aus verschiedenen Textformen in dem Stück, die collagiert werden. Wie viele Zitate der Zuschauer entschlüsseln kann, hängt davon ab, wie gut er Polkes Werk kennt. Ich denke aber, dass das Stück darüber hinaus einen großen Spaß macht – wie auch Polkes Bilder dem Betrachter einen großen Spaß machen. Das hängt nicht davon ab, wieviel der Zuschauer weiß.

Dies ist nicht Ihre erste Zusammenarbeit mit der Bühnenbildnerin Mira König, die für „Vevi“ am Landestheater, wo auch Sie Regie führten, einen Stella-Preis erhielt. Was zeichnet Ihre gemeinsame Arbeit aus?
Hebenstreit: Wir arbeiten seit 2017 zusammen. Was ich an ihrer Arbeit mag ist, dass ihre Räume sehr eigenständig sind. Sie dienen nicht nur als Ort für den Text, sondern sie besitzen eine eigenständige Bildsprache und eine eigene Logik. Der Raum erfordert von mir eine Art, damit umzugehen. Wir arbeiten sehr intensiv in der Vorarbeit zusammen, wir sprechen viel darüber, was für uns ein zentrales Motiv ist, oder welche große Atmosphäre wir erzeugen wollen. Was mir als Regisseurin sehr wichtig ist, ist, dass die Bühne die Körper der Spielerinnen und Spieler in ein Verhältnis zum Raum setzt. Wie wirkt ein Körper im Raum, was ist seine Beziehung zur Bühne? Das ist in jeder Arbeit bei uns wichtig.

“Ich denke, dass das Stück großen Spaß macht – wie auch Polkes Bilder Spaß machen.”

Bérénice Hebenstreit

Werden wir in diesem Stück auch Bilder oder Bildfragmente von Polke selbst sehen?
Hebenstreit: Wir zitieren Motive, zeigen aber keine Bilder von ihm. Das haben wir sehr schnell entschieden. Gerade, dass wir mit den Mitteln des Theaters über ihn sprechen, ist unser Grundkonflikt. Wir wollen Mittel verwenden, die über den klassischen Museumskontext hinausgehen. Bis auf die Skizze eines Objekts wird man also tatsächlich keine Bilder von Polke sehen, aber Bildtitel hören, und so weiter.

Was finden Sie persönlich am spannendsten an Polkes Arbeit?
Hebenstreit: Was ich an ihm mag, wo ich ein Naheverhältnis spüre – ohne ihn gekannt zu haben – ist die Gleichzeitigkeit von Selbstironie, aber auch die Welt ernst zu nehmen. Er arbeitet mit einer großen Ernsthaftigkeit auf inhaltlicher Ebene, obwohl die Arbeiten in ihrem Gestus eine große Leichtigkeit haben, wie nebenbei entstanden sind. Das spricht mich sehr an. Das ist vielleicht auch noch ein Thema: Viele seiner Arbeiten greifen Methoden unterschiedlicher Wissenssysteme auf, führen die Herstellung von Wahrheit ins Absurde. Lassen die Logik scheitern. Welchen Wissenssystemen mit Wahrheitsanspruch können wir noch vertrauen? Das ist eine sehr spannende Frage.

zUM sTÜCK

„Wir reden über Polke, das sieht man doch!“ von Gerhard Meister. Uraufführung Sa., 6. November, 19.30 Uhr, Großes Haus, Vorarlberger Landestheater, Bregenz. Gespräch mit Bice Curiger und Gerhard Meister am So., 7. November, 11 Uhr, T-Cafe im Landestheater. Infos: www.landestheater.org.

Was finden Sie persönlich am spannendsten an Polkes Arbeit?
Hebenstreit: Was ich an ihm mag, wo ich ein Naheverhältnis spüre – ohne ihn gekannt zu haben – ist die Gleichzeitigkeit von Selbstironie, aber auch die Welt ernst zu nehmen. Er arbeitet mit einer großen Ernsthaftigkeit auf inhaltlicher Ebene, obwohl die Arbeiten in ihrem Gestus eine große Leichtigkeit haben, wie nebenbei entstanden sind. Das spricht mich sehr an. Das ist vielleicht auch noch ein Thema: Viele seiner Arbeiten greifen Methoden unterschiedlicher Wissenssysteme auf, führen die Herstellung von Wahrheit ins Absurde. Lassen die Logik scheitern. Welchen Wissenssystemen mit Wahrheitsanspruch können wir noch vertrauen? Das ist eine sehr spannende Frage.

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