Kultur

Generationendialog mit nur einem „Er“

05.11.2021 • 22:46 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
"Er (29)", das sind Taiyo Suitner, Nurettin Kalfa und Robert Kahr (v.l.). <span class="copyright">Caro Stark </span>
"Er (29)", das sind Taiyo Suitner, Nurettin Kalfa und Robert Kahr (v.l.). Caro Stark

Beifall für Amos Postners „Er (29)“ im Theater Kosmos.

Drei übergroße Stühle stehen auf der kleinen Kosmodrom-Bühne im Foyer des Theater Kosmos, darauf Platz nimmt drei Mal derselbe „Er“ – als Teenager, als 29-Jähriger und als 60-Jähriger. „Er (29)“ heißt auch das kurze Stück von Amos Postner, das bei der Uraufführung am Donnerstag beim Kosmodrom im Theater Kosmos das Publikum zum Lachen und Nachdenken brachte. Sehr klug und selbstreflektiert zeichnet der 1993 geborene, in Wien und Rankweil lebende Autor die Konflikte seiner Generation nach, die Suche nach Anerkennung und einem Platz im Leben.

Umwege

Über Umwege fand der Text den Weg auf die Bühne: Postner reichte „Er (29)“ 2020 für den Kosmodrom-Wettbewerb mit dem Motto „Life in 2050“ ein, das Stück ging aber auf dem Weg dorthin verloren. Mit einer abgeänderten Hörspiel-Version des Werks gewann er schließlich den Vorarlberger Kulturpreis. Als Theaterstück macht sich der Text ebenfalls ausgezeichnet, auch dank den Schauspielern und dem Regieteam mit Stephan Kasimir und Ausstatterin Caro Stark.

Kalfa hat in seiner Rolle einiges zu sagen.<span class="copyright"> Caro Stark</span>
Kalfa hat in seiner Rolle einiges zu sagen. Caro Stark

Nurettin Kalfa hat mit der Rolle des 29-Jährigen, der in seinen Eckdaten eine frappante Ähnlichkeit mit dem Autor aufweist, am meisten zu sagen: Der junge Mann lässt die Zuschauer teilhaben an seinem reichen Gedankenstrom, der sich um seine Zukunft dreht – die Eltern haben ihm gesagt, er muss sich entscheiden, was er tun möchte, doch das ist gar nicht so einfach. Schließlich können unsere Hände alles Mögliche anstellen, Flexibilität ist ohnehin gefragt. Der junge Schreiber, der gerne viel nachdenkt, kennt seine Stärken, in seinem Job an der Universität arbeitet er selbstständig und gewissenhaft.

"Er (29" von Amos Postner, Kosmodrom, Theater Kosmos
"Er (29" von Amos Postner, Kosmodrom, Theater Kosmos

Doch Er (29) hat auch Selbstzweifel und Angst, an eigenen und fremden Erwartungen zu scheitern. Und er fühlt sich seinem jüngeren Ich (souverän von Taiyo Suitner gespielt) verpflichtet. Dieser fragt sich zuerst, wie er wohl in Zukunft sein wird, ob er Kinder haben oder reich sein wird. Schließlich fordert er von Er (29) vehement Taten ein („Schreib!“). Neben der Konfrontation mit dem Vergangenheits-Ich gestaltet sich auch der Blick in die Zukunft schwierig: Ob die 60-jährige Version (auch witzig: Robert Kahr) noch irgendetwas mit dem 30 Jahre Jüngeren gemein hat und sich für ihn interessiert, ist fraglich.

Rücken kratzen

Kalfa holt mit seinen Worten und mit seinem körperlichen Spiel den feinen Humor hervor, der sich in Postners Text findet. Seine Beschreibung, wie er dem Vater vor dem Fernseher den Rücken kratzen musste und sich dabei Bonus-Punkte holte, ist da nur ein Beispiel von vielen witzigen Momenten.

Kunstgriff

Es ist Postners simpler aber effektiver Kunstgriff, eine Person auf drei zeitliche Einheiten aufzuteilen, und damit eine Art schizophrenen Generationendialog zu erzeugen. Aus dem Inneren eines Individuums entstehen damit auch philosophische Fragen, die eine gesamte Gesellschaft betreffen. Nützt es überhaupt etwas, sich über die eigene ferne Zukunft Gedanken zu machen, wenn man nicht weiß, wer man dann sein wird? Was erwarten junge Menschen in ihrem Leben, einen sicheren Job, Kinder? Sehen sie überhaupt eine Möglichkeit sich selbst zu verwirklichen?

„Er (29)“ zu schreiben, habe ihm in der Entstehungszeit sehr geholfen – nun sei er froh, sich heute mehr von seinem 18-jährigen Ich gelöst zu haben, meinte Postner im anschließenden Gespräch. Das Stück, das wohl auch viele junge Menschen anzusprechen vermag, ist noch am Samstag um 20 Uhr in Bregenz zu sehen (www.theaterkosmos.at).

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