Kultur

Lustvolles Scheitern an der Kartoffel

08.11.2021 • 20:53 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Sechs Darsteller auf einer außergewöhnlichen Mission. <span class="copyright">Anja Köhler</span>
Sechs Darsteller auf einer außergewöhnlichen Mission. Anja Köhler

Applaus für „Wir reden über Polke, das sieht man doch!“.

Wie Astronauten auf einem fremden Planeten machen sich sechs Darsteller auf die Mission, das Werk des deutschen Künstlers Sigmar Polke zu erkunden. Dabei stoßen sie auf Sternenstaub, giftige Farben, Kartoffeln, traurige Widder und merkwürdige Apparate. Mit ihren Worten pflügen sie Polkes weites Feld der Werktitel, halten Vernissage-Reden, bilden TV-Gesprächsrunden und nehmen nicht nur einzelne Werke des Künstlers, sondern auch ihr eigenes Tun genau unter die Lupe. Ein Stück für das Vorarlberger Landestheater über Polke zu schreiben, war der Auftrag des Züricher Autors Gerhard Meis­ter – doch worüber soll man denn nun reden, wenn man über Polke redet? Eine kohärente Biografie des bedeutenden deutschen Künstlers (1941 bis 2010) ist das Stück am wenigsten, dafür umso mehr eine vielschichtige, selbstreflektierte und auch humorvolle Annäherung an Polkes heterogenen Werkkomplex von mehreren Seiten. Durchwegs positive Reaktionen aus dem Publikum gab es dafür bei der Uraufführung am vergangenen Samstag.

Jürgen Sarkiss in "Wir reden über Polke, das sieht man doch!". <span class="copyright">Anja Köhler</span>
Jürgen Sarkiss in "Wir reden über Polke, das sieht man doch!". Anja Köhler

Zu dem Team dieser außergewöhnlichen Mission zählen Vivienne Causemann, Luzian Hirzel, Johanna Köster, Nico Raschner, Jürgen Sarkiss, Sebastian Schulze sowie Gilbert Handler, der mit seiner Live-Musik ebenso Präsenz auf der Bühne zeigt. Regisseurin Bérénice Hebenstreit setzt sie alle zusammen mit Ausstatterin Mira König in einen nüchternen Bühnenraum, in dem die Darsteller unter anderem ihre laborartigen Versuchsanordnungen ausführen. Polkes Schaffen sei ja so schwer auf wenige Stichworte zu reduzieren, heißt es. Ein paar Aspekte können aber dann doch mit den am Theater verfügbaren Mitteln beleuchtet werden. Da gibt es zum Beispiel den Alchemisten Polke und sein intensives Interesse an Farben, besonders wenn sie giftig sind. An das arsenhaltige „Schweinfurter Grün“ erinnert das Licht in der Labor-Box auf einem Hochstand. Spannend ist, was aus den Drüsen der Purpurschnecke gewonnen werden kann.

200.000 Euro

Fantasievoll genutzt werden – ganz die alte Schule – die vielen Overheadprojektoren, auf denen etwa Polkes kinetische Skulptur „Apparat, mit dem eine Kartoffel eine andere umkreisen kann“ (1969) trefflich erläutert wird. Doch was ist dieses Werk denn nun, eine Anspielung auf Marcel Duchamp, ein „Planetarium en miniature“? Und wie lässt sich die Kartoffel interpretieren? Darüber ufert das Gespräch aus, bis einer genug hat von dem „Hirngewichse“. Es ist also nicht einfach, über Kunst zu sprechen, schon gar nicht über die surrealen Auswüchse des Kunstmarkts. Warum soll auch dieses „Kartoffelding“ 200.000 Euro wert sein? Die Geldfrage gehört zur bildenden Kunst eben dazu, auch wenn diese in bürgerlichen Kreisen gerne ausgeblendet wird. Und in der darstellenden Kunst? Die Schauspieler kann sich jedenfalls jeder aus dem Publikum leisten.

Besuch von höheren Lebensformen. <span class="copyright">Anja Köhler</span>
Besuch von höheren Lebensformen. Anja Köhler

Das Stück ist ein liebevolles und lustvolles Scheitern am Reden über Polke. Die Fantasie und das Streben nach künstlerischem Ausdruck macht diesen Abend aus, wobei auch die Darsteller ihre eigene Profession ausleben können, und zwar abseits üblicher Handlungsabfolgen und Dialogstrukturen. Viele ineinanderfließende Situationen – dazu gehört auch ein bisschen Happening – erzeugen schöne Bilder, laden zum Schmunzeln und zu neuen Sichtweisen ein, sogar zur Begegnung mit höheren Lebensformen. Fast wäre es gelungen, ein umfassendes Bild von Polke zu zeigen – hätten die Schauspieler nicht vergessen, über seine Punktbilder zu reden! Macht nichts, ein er­frischender und unterhaltsamer Abend ist es dennoch.

Weitere Termine Di., Mi., sowie im Jänner: www.landestheater.org.

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