Kultur

„Wir brauchen keine Gouvernante“

09.11.2021 • 20:45 Uhr / 6 Minuten Lesezeit
Philosoph Robert Pfaller beerdigt am Freitag im Alten Hallenbad die Distanz. <span class="copyright">Götz Schrage</span>
Philosoph Robert Pfaller beerdigt am Freitag im Alten Hallenbad die Distanz. Götz Schrage

Robert Pfaller über das freche Virus und die zivilisierte Distanz.

Sie halten bei den Montforter Zwischentönen eine Totenrede auf die Distanz. Ist es dafür nicht zu früh, begraben wir eine Lebendige?
Robert Pfaller: Die hygienische Distanz lebt leider weiter, da haben Sie recht. Aber ihr Leben ist der Tod einer anderen Art von Distanz – nämlich der zivilisierten Distanz. Sie besteht darin, dass wir uns in der Öffentlichkeit den anderen Menschen ein wenig fröhlicher, gelassener, entgegenkommender zeigen, als wir uns eigentlich fühlen. Dies macht unseren Umgang miteinander angenehm. Es ermög­licht uns auch einen Abstand von uns selbst – von unseren vermeintlichen Identitäten sowie von unseren kostbaren Überzeugungen. An diese Möglichkeit aber können wir postmodern geprägte Menschen kaum mehr denken. Damit ist uns auch die Idee fremd geworden, dass das Glück des Anderen auch unser eigenes sein könnte.

Dem Sammelband „Corona und die Welt von gestern“ haben Sie einen Text beigesteuert, in dem Sie in der Ich-Form aus der Perspektive des Virus über die Auswirkungen der Pandemie schreiben. Dabei stellen Sie auch die Sinnhaftigkeit des Maskentragens in Zweifel. Wie stehen Sie zu der Maßnahme des Abstand-Nehmens?
Pfaller: Nicht ich bin es, der in diesem Text spricht, sondern das Virus. Und auch dieses kritisiert nicht das Tragen von Masken. Es beobachtet nur mit Erheiterung gewisse Widersprüche in unserem Umgang damit. Auch ich beurteile ich nicht die Schutzmaßnahmen. Ich befürchte lediglich, dass die Pandemie bestimmte, sehr zeittypische Vorurteile verstärken könnte, die wir schon davor entwickelt und eingeübt haben: die Wahrnehmung des jeweils Anderen als eine Bedrohung, zum Beispiel meiner Sicherheit, meiner Sozialleistungen oder auch meiner Kultur. Die Idee, dass wir vom Anderen auch etwas Positives haben könnten, ist uns weitgehend abhanden gekommen.

Zur Person

Robert Pfaller wurde 1962 in Wien geboren. Er ist Professor der Philosophie und Kulturtheorie an der Kunstuniversität Linz. Bekannt ist vor allem sein 2011 erschienenes Buch „Wofür es sich zu leben lohnt“ (S. Fischer). U.a. erhielt er den Paul-Watzlawick-Ehrenring der Ärztekammer Wien im Jahr 2020.

In dem Text meinen Sie außerdem, als „wohlmeinende Gouvernante“ würde das Virus die Freuden unseres Lebens drastisch einschränken. Feiern, Zusammenkommen, gemeinsam Kultur erleben, das war über lange Phasen hinweg nicht möglich. Wie wichtig sind diese Dinge für ein „gutes Leben“?
Pfaller: Das unverschämte Virus in meinem Text lobt sich selbst und behauptet frech, es würde einigen unserer wenigstens insgeheim gehegten Wünsche und Besserungsabsichten Vorschub leisten. Das mag als Diagnose richtig sein. Was die Bewertung betrifft, muss ich freilich heftig widersprechen. Wenn das so ist, dann ist es nicht gut. Wir brauchen keine Gouvernante, die uns von der Geselligkeit abhält. Denn die gehört zum Wichtigsten, das wir haben. Der Umgang mit Freunden und das Auftreten in einer kulturellen Öffentlichkeit bringen das Bes­te an uns zum Vorschein: Wir zeigen uns ein wenig heiterer, eleganter und wohlwollender, als wir sonst vielleicht sind. Und wenn wir feiern, dann zeigen wir, dass wir nicht nur dienende Sachbearbeiter unseres Lebens sind, sondern dessen Führungskräfte. Das ist nicht nur schön und lustvoll, sondern bildet auch den Kern unserer politischen Mündigkeit und Autonomie. Wer sich nicht die Frage stellt, wofür es sich zu leben lohnt, und sich selbst Antworten darauf gibt, wird beliebig beherrschbar und ausbeutbar.

Uns ist die Idee fremd geworden, dass das Glück des Anderen auch unser eigenes sein könnte.

Robert Pfaller

2011 ist Ihr Buch „Wofür es sich zu leben lohnt“ erschienen. Darin schreiben Sie über die Tendenz unserer Kultur, eben die Dinge, für die es sich zu leben lohnt, die Genuss und Lust versprechen, für Prioritäten wie Gesundheit oder Sicherheit zu opfern. Sehen Sie die Covid-Maßnahmen als Ausdruck dieser Tendenz?

Pfaller: Vor der Pandemie gab es eine Reihe von lächerlichen bürokratischen Warnungen und Verboten, für die uns unsere Enkelkinder, wenn sie halbwegs bei Trost sind, wohl irgendwann verspotten werden: Wollt ihr vielleicht auch noch Grafiken von Leberschäden auf euren Weinflaschen? Warum klebt ihr euch nicht gleich Bilder von Ertrunkenen auf die Badehosen? Et cetera. Die Schutzmaßnahmen gegen das Virus sind dagegen von einer ganz anderen, wirklichen Notwendigkeit geleitet. Sie betreffen etwas, das erwachsene Menschen tatsächlich nicht für sich selbst entscheiden und regeln können.

Was meinen Sie, wie es nun weitergeht? Bleibt von der Distanz ­etwas auch in Zukunft erhalten? Hat das Social Distancing lang­fristige Effekte auf unsere Gesellschaft?
Pfaller: Solche einmal eingeübten Verhaltensweisen bleiben oft auch dann noch in Kraft, wenn ihr Anlass längst verschwunden ist. Andererseits bin ich zuversichtlich, dass die Menschen die postmoderne Ungeselligkeit irgendwann satt haben werden.

„Begräbnis“ am 12. November, 19 Uhr im Alten Hallenbad Feldkirch, mit musikalischer Begleitung. Tickets: www.events-vorarlberg.at.

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