Kultur

Kunst im Kreislauf von Leben und Tod

12.11.2021 • 22:48 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Stoph Sauter führte durch das VWG-Gebäude im Nägele-Areal in Koblach. <span class="copyright">Klaus Hartinger</span>
Stoph Sauter führte durch das VWG-Gebäude im Nägele-Areal in Koblach. Klaus Hartinger

„Kunst und Bau“ im Neubau der Wiederverwertungsgesellschaft.

Dass der Besucher eines Tierkörperverwertungsbetriebs beim Eintritt in das Gebäude dem blühenden Leben begegnet, ist eigentlich nicht zu erwarten – doch es ist der Fall in der Vorarlberger Wiederverwertungsgesellschaft (VWG) in Koblach, deren unlängst eröffneter Neubau von einem „Kunst und Bau“-Projekt bereichert wird. Die Künstler Marianne Greber, Stoph Sauter und Karl Salzmann haben sich dieses Auftrags angenommen und mit viel Sensibilität und philosophischem Geist drei Positionen in die Architektur integriert, die sich in ihrer Unterschiedlichkeit ergänzen. Der Effekt ist ein sehr positiver: Sie könne sich ihren Arbeitsplatz gar nicht mehr ohne die Kunstwerke vorstellen, sagte Geschäftsführerin Karin Böckle bei einem Besuch.

Marianne Grebers "Symphonie GG". <span class="copyright">Klaus hartinger</span>
Marianne Grebers "Symphonie GG". Klaus hartinger

Das bereits erwähnte blühende Leben tritt in Gestalt von Grebers Arbeit „Symphonie GG“ in Erscheinung, die auf dem Tresen beim Eingang platziert ist. In Epoxidharz eingegossen hat die aus Andelsbuch stammende Künstlerin 400 Naturelemente aus Flora und Fauna, die sich zu einem farbenprächtigen Still­leben zusammenfügen. Zu entdecken sind Vogelnester, Wachteleier und zahlreiche Pflanzen. Zu den ältesten Exemplaren zählt ein Apollofalter von 1929, erklärt Greber im Gespräch.

Weich und eckig

Mit dieser Hommage an das Leben und seine Vielfalt wollte sie etwas Warmes und Weiches in den Raum integrieren: Für die Künstlerin ist das Natürliche, Lebendige durch runde, samtene Formen geprägt, während sie die westliche, normierte Welt als eckig und voller Kanten beschreibt. Alle in „Symphonie GG“ enthaltenen Pflanzen- und Tierarten sind auf Grebers Homepage aufgelistet (www.mariannegreber.at).

Abschied

Direkt mit dem Zweck der Anlage verbunden ist Salzmanns Klanginstallation „39Hz“. Bei der Sammelstelle im Außenbereich steht eine Konstruktion, in die Tierkörper zur Entsorgung abgelegt werden. Daneben hat der in Wien lebende Vorarlberger einen schwarzen Knopf angebracht. Wird dieser bedient, ertönt eine Komposition, die in ihrer Frequenz jener der Umgebung gleicht – was beim Aufeinandertreffen der Wellen eine Schwingung im Raum erzeugt, wie im Katalog des Projekts beschrieben wird. Mit diesem Werk richtet sich Salzmann an jene Benutzer, die hier die Überreste ihrer geliebten Heimtiere abgeben. Denn in „39Hz“ tauche die Frage auf, „wie in einer spröden Umgebung wie einer Verwertungsgesellschaft Pietät und Abschied möglich sein können“, schreibt Wera Hippesroither im Katalog.

Karl Salzmanns Installation "39Hz".<span class="copyright"> Klaus hartinger</span>
Karl Salzmanns Installation "39Hz". Klaus hartinger

Der aus Dornbirn stammende Sauter führte beim Besuch durch das Gebäude. Der Künstler arbeitet gerne mit Wörtern, so auch in dem Werk „FOR“, das sich an der Wand von Böckles Büro befindet. Sauter habe einmal in ein online-Übersetzungsprogramm „für die Katz“ und „für die Fisch sein“ eingegeben, als englische Übersetzung erschien beide Male „to be for the birds“. Wie in den meisten Textarbeiten Sauters entsteht auch hier eine zusätzliche Bedeutung – denn anstatt dass es für die Katz ist, solle unser Handeln vielmehr für das Tier sein.

Blick in Stoph Sauters Skulptur "Seelenlicht". <span class="copyright">Klaus hartinger</span>
Blick in Stoph Sauters Skulptur "Seelenlicht". Klaus hartinger

Das Herzstück des kleinen Innenhofs ist Sauters Skulptur „Seelenlicht“. Der Künstler referiert damit auf den Bauplan allen Lebens, der auf codierter Information beruht – und auf Constantin Brâncusis „Endlose Säule“, die auf einem Nullpunkt basiert, der sich ausdehnt und wieder zusammenzieht. Sauter überträgt diese Struktur auf das gesamte Leben: Denn wenn aus nichts etwas entstehen könne, gebe es auch stets die Hoffnung auf neues Leben, so der Künstler. Das Objekt besteht aus 36 verspiegelten Würfeln, die teilweise an einer Seite geöffnet sind. Warme Lichtquellen erzeugen darin raffinierte Effekte, die sich in den umgebenden Glaswänden wiederholen.

Marianne Greber, "Die Überflieger". <span class="copyright">Marianne Greber</span>
Marianne Greber, "Die Überflieger". Marianne Greber

Zurück im Innenbereich geht es noch in den Aufenthaltsraum, in dessen Holzwand die großformatige Fotomontage „Die Überflieger“ von Greber mit fliegenden Samen der Silberdistel hängt. Schön zu sehen, wie drei Künstler einem „spröden“ Ort wie diesem ein Stück mehr Farbe und Leben verleihen.

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