Kultur

Wiedereröffnung mit starker Einzelschau

17.11.2021 • 21:19 Uhr / 6 Minuten Lesezeit
Wiedereröffnung mit starker Einzelschau
Installation von Rivane Neuenschwander. Kunstmuseum Liechtenstein/RIvane Neuenschwander

Ausstellungs-Trio im Kunstmuseum Liechtenstein mit einem Highlight.

Mit drei neuen Ausstellungen öffneten vergangene Woche das Kunstmuseum Liechtenstein und die Hilti Art Foundation wieder ihre Türen.

Ebenfalls neu ist die Leitung des Kunstmuseums: Die Südtirolerin Letizia Ragaglia hat die Direktion von Friedemann Malsch übernommen. Dieser hat vor seinem Ruhestand noch die beiden aktuellen Ausstellungen im Haus geplant. Höhepunkt ist die Einzelschau der brasilianischen Künstlerin Rivane Neuen­schwander, die auch mit interaktiven Elementen die Besucher einzunehmen vermag. Im Erdgeschoss des Kunstmuseums sind Arbeiten zu Gast, die üblicherweise in den Bankgebäuden der VP Bank zu finden sind. Die Hilti Art Foundation präsentiert diesmal Werke aus der Sammlung unter dem Titel „Körper – Geste – Raum“.

Wünsche

Neuenschwanders Schaffen ist im deutschsprachigen Raum noch kaum präsentiert worden, „knife does not cut fire“ ist die erste umfassende Einzelschau in der Region. Das war überfällig, denn die 1967 in Belo Horizonte geborene Künstlerin zeigt uns in Vaduz ihr vielgestaltiges und relevantes Schaffen. Gleich im ers­ten Raum gibt es die Möglichkeit länger zu verweilen: Eine Wand ist voller kleiner bunter Bänder, auf denen Wünsche von Besuchern stehen. Wer möchte, kann sich einen Wunsch mitnehmen, seinen eigenen auf einen kleinen Zettel schreiben und in ein kleines Loch stecken. Daraus wird die Künstlerin eine Auswahl treffen und weitere Bänder drucken. „Ich wünsche mir deinen Wunsch“ ist angelehnt an einen Brauchtum in einem Wallfahrtsort in Brasilien.

Wiedereröffnung mit starker Einzelschau
Wünsche zum Austauschen. Rivane Neuenschwander

Poesie und Literatur sind häufige Inspirationsquellen der Künstlerin, so auch in ihrem Werk „O Alienista“, das auf einer gleichnamigen Kurzgeschichte aus dem Jahr 1882 von Machado de Assis beruht, die auf Deutsch unter dem Titel „Der Irrenarzt“ erschienen ist. Neuenschwander hat im Zuge ihrer Illustration der Neuauflage 20 Pappmaché-Figuren geschaffen, die als schräge Charaktere auch in der brasilianischen Gesellschaft zu finden sein sollen, wie der „Banker“ oder „The Widow“ („die Witwe“).
Wunderbar ist die Tropfinstallation „Chove Chuva“ („Regen regnet“). Eimer hängen von der Decke, aus einer Öffnung an ihrer Unterseite tropft Wasser auf am Boden stehende Eimer, die regelmäßig wieder umgefüllt werden. Nicht nur schön und beruhigend klingt die Installation, in ihrem Sound schwingt auch die Erinnerung daran mit, wie sehr wir Teil des natürlichen Kreislaufs sind.

Ängste

Die Künstlerin konnte für die Gestaltung der Ausstellung nicht aus São Paulo anreisen, dennoch wurde vor Ort ein interaktives Werk Neuenschwanders fortgeführt. In einem Workshop haben Kinder Schutzumhänge gegen ihre Ängste entworfen. Kleine Besucher können diese überziehen und auf einem Laufsteg zur Schau stellen: eine schöne Idee. Auf einer solchen liegt auch eine humorvolle Videoarbeit zugrunde, die auf Deutsch „Aschermittwoch/Epilog“ heißt. Ameisen werden dabei zu musikalischen Protagonisten. Die fleißigen Tiere räumen am Waldboden Konfettireste als Überbleibsel des bunten Karnevaltreibens auf, ihr Sound wird mit Sambaklängen vermischt.

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Ameisen als musikalische Protagonisten. Rivane Neuenschwander

Unheimlich wirken hingegen die kleinen Tafelbilder Neuen­schwanders, in denen Ereignisse und Figuren ausgespart bleiben – nur der Schauplatz ist zu sehen, etwa nach einer fiktiven Bluttat. Abschluss des Rundgangs der Schau bildet die Projektion „Cabra-Cega“ („Blinde Kuh“). An den Wänden in einem abgedunkelten Raum flimmern beunruhigende Bilder, deren Vorlage die Zeichnungen eines fünfjährigen Kindes sind: bedrohliche Wesen, Kriegsszenen mit bewaffneten Strichmännchen folgen rhythmisch aufeinander. Es ist das bedrückendste, aber auch eindrücklichste Werk der Schau.

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Louis Soutter, „Lasse-tête/Les caillots/ Dernières perles“, ca. 1937 bis 1942. Hilti Art Foundation

Wer schon mehrmals in der Hilti Art Foundation war, der hat wohl einige der ausgestellten Werke aus der kleinen, aber feinen Sammlung der Foundation bereits gesehen. Unter dem aktuellen Titel neu zusammen- und gegen­übergestellt sind etwa Arbeiten von Max Beckmann, Willem de Kooning oder Alberto Giacometti, Germaine Richier und Callum Innes. Spannend ist vor allem das erste Obergeschoss, in dem ein tolles Ensemble von Arbeiten von Lucio Fontana, Imi Knoe­bel, Jean Dubuffet und Louis Soutter zu erleben ist. Ein Blick in diese Schau, in der etwa die Geste sowohl als Bild­inhalt, als auch als Handlung des Künstlers zutage tritt, lohnt sich ebenfalls.
Anlässlich des 25-jährigen Bestehens der VP Bank Kunststiftung wurden hauptsächlich Malereien aus der Sammlung in den Seitenlichtsaal des Museums transferiert und mit einem von der Künstlerin Hanna Roeckle erstellten Farbkonzept in Szene gesetzt.

Die Ausstellungen

Rivane Neuenschwander. „knife does not cut fire“.

Bis 24. April im Kunstmuseum Liechtenstein, Vaduz. Im Begleitprogramm wird heute um 18 Uhr der brasilianische Film „The Invisible Life of Eurídice Gusmão“ gezeigt.

„Out of Office. 25 Jahre VP Bank Kunststiftung“.

Bis 13. März im Kunstmuseum Liechtenstein.

„Körper – Geste – Raum“. Bis 28. August in der Hilti Art Foundation.

Alle Ausstellungen sind von Dienstag bis Sonntag, 10 bís 17 Uhr, Donnerstag 10 bis 20 Uhr geöffnet.

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