Kultur

Ein Zustand, für den es keinen Namen gibt

25.11.2021 • 21:47 Uhr / 6 Minuten Lesezeit
Ein Zustand, für den es keinen Namen gibt
Jürgen Sarkiss inszeniert das Solostück “Lenz”. Anja Köhler

„Lenz“ feiert am Sonntag am Landestheater Livestream-Premiere.

Eine Künstlerseele braucht ein Publikum, davon ist Jürgen Sarkiss überzeugt. Der Schauspieler, Musiker und Regisseur inszeniert Georg Büchners „Lenz“ als Solostück in der Box des Vorarlberger Landestheaters – leider wird Nico Raschner bei der Online-Premiere am kommenden Sonntag vor einem leeren Zuschauerraum spielen, ohne der körperlichen Präsenz des Publikums. Froh sei man aber dennoch, dass das Stück in einer filmischen Übertragung gezeigt werden könne, so Sarkiss. Sollte es die Pandemiesituation erlauben, wird „Lenz“ schon am 15. Dezember mit einem Live-Publikum in der Box zu erleben sein.

Innovativer Jungautor

Wie schon bei seinem „Woyzeck“ basiert auch Büchners „Lenz“ auf einer realen Figur und historischen Dokumenten. In seiner Erzählung beschreibt der Schriftsteller den sich verschlechternden Geisteszustand des Jakob Michael Reinhold Lenz, der so wie Büchner selbst ein vielversprechender und innovativer Jungautor war, der sich kritisch mit dem Idealismus der romantischen Literatur auseinandersetzte. Er wirkte ein wenig vor Büchners Zeit, welcher von 1813 bis 1837 lebte – Lenz fand 1792 in Moskau einen traurigen Tod.

Apathie

Als Vorlage für seine Novelle dienten Büchner Briefe von Lenz, sowie der Bericht des Pfarrers und Seelsorgers Johann Friedrich Oberlin, der sich dem Schriftsteller Als Vorlage für seine Novelle dienten Büchner Briefe von Lenz, sowie der Bericht des Pfarrers und Seelsorgers Johann Friedrich Oberlin, der sich dem Schriftsteller annahm. Die Geschichte beginnt, als Lenz in das Bergdorf Waldbach – in Wirklichkeit war es das elsässische Waldersbach – zu Pfarrer Oberlin reist. Hier soll sich sein Zustand bessern, doch das Gegenteil ist der Fall. Lenz hat Angst, seine Wahrnehmung der Umwelt ändert sich radikal, er hört Stimmen, die Grenze zwischen Traum und Realität verschwimmt. Seine extremen Stimmungsschwankungen würden heute wohl als bipolare Störung diagnostiziert werden, hinzu kommen Symptome etwa der Schizophrenie und der Borderline-Störung. Nach einer wahnhaften Episode, als Oberlin abwesend ist, verfällt Lenz in eine erdrückende Apathie und Leere. Am Ende von Büchners Erzählung reist Lenz weiter nach Straßburg: „Sein Dasein war ihm eine notwendige Last. – So lebte er hin.“

Ein Zustand, für den es keinen Namen gibt
Nico Raschner. Anja Köhler

Sarkiss geht in seiner Inszenierung unter anderem der Frage nach, was mit einem Menschen geschieht, der bemerkt, dass etwas mit ihm nicht stimmt – und das in einer Zeit, in der es noch keine Namen und keine differenzierte Bestimmung von psychischen Erkrankungen gibt. Und auch heute noch seien gerade bei Menschen in den 20er Jahren solche „Ver-rücktheiten“, wie etwa das Gefühl der Einsamkeit, anders zu sein, nicht dazuzugehören, nicht selten, meint der Regisseur, der dabei den berü

Livestream-Premiere

„Lenz“ von Georg Büchner.

Kostenlose Online-Premiere am Sonntag, den 28. November, 18 Uhr. Die Aufführung wird über den YouTube-Kanal des Vorarlberger Landestheaters übertragen. Der entsprechende Link wird über die Website geteilt: www.landestheater.org.

Was würde nun ein Mensch heute in Lenz‘ Situation tun, als Künstler, der sich mitteilen möchte, eben ein Publikum braucht? Auch dieser Frage ging Sarkiss Was würde nun ein Mensch heute in Lenz‘ Situation tun, als Künstler, der sich mitteilen möchte, eben ein Publikum braucht? Auch dieser Frage ging Sarkiss nach. Würde er sich über soziale Medien mitteilen? Jener Lenz auf der Bühne der Box habe jedenfalls ein mobiles Endgerät mit dabei, verriet der Regisseur. Spannend findet er Büchners Werk unter anderem auch durch dessen Kunstbegriff, der in seiner Zeit neu war: Der Schriftsteller wollte das Leben des „gewöhnlichen“ Menschen abbilden, und zwar seiner realen Lebenswelt entsprechend. Auch Lenz spricht diese Auffassung in dem Stück an. Es galt, das Wesen des Lebens abzubilden, ohne es idealistisch zu überhöhen.

Herausforderung

Für die Online-Premiere sei das Team derzeit dabei, das Stück für eine filmische Aufnahme zu adaptieren: eine Umstellung und eine Herausforderung, meint Sarkiss. Doch der Regisseur hält es auch für möglich, dass damit durch Zufall spannende neue Aspekte entstehen könnten. Die Zusammenarbeit mit Tassilo Tesche, der für Bühne und Kostüm verantwortlich zeichnet, sei für Sarkiss dabei sehr wichtig.

Regiefach

Was seine berufliche Zukunft betrifft, so habe er vor, sich in Zukunft verstärkt dem Regiefach zuzuwenden, wie Sarkiss sagt. Er habe sich in der Pandemie gefragt, was ihm fehle – das Spielen fehlte ihm demnach „nicht so sehr“. Dafür würde er sich lieber verstärkt inhaltlich mit Themen auseinandersetzen. Die Erfahrung als Schauspieler komme ihm in der Regiearbeit einerseits zugute – Sarkiss könne sich damit gut in die Bedürfnisse eines Darstellers hineinversetzen. Der Impuls aber, eine Anregung dem Schauspier „vorzuspielen“ anstatt es ihm mit Worten zu vermitteln, sei wohl eher kontraproduktiv. Der Musik – Sarkiss entwickelte musikalische Produktionen wie „Lennon“ oder „Dylan“ – möchte er sich weiterhin widmen.

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