Kultur

Der dunkle Mantel der Vergangenheit

05.01.2022 • 21:00 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Eva Menasse wurde 1970 in Wien geboren. <span class="copyright">Apa</span>
Eva Menasse wurde 1970 in Wien geboren. Apa

Eva Menasse kommt für eine Lesung nach Vorarlberg: Vorab ein Blick auf ihren Roman “Dunkelblum”.

Ein kleines Städtchen, in dem dunkle Geheimnisse aus der Zeit des Nationalsozialismus schlummern, an die sich die meisten Bewohner gleichzeitig nicht erinnern wollen und können: Dieses Setting ist in der österreichischen Literatur seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs keine Neuheit, denkt man etwa an Hans Leberts „Die Wolfshaut“.

Und es besteht zurecht, ist die Aufarbeitung von Kriegsgräueln noch lange nicht abgeschlossen, gibt es doch immer noch grauenvolle Morde, die wohl nie vollständig aufgeklärt werden. Eva Menasse nimmt sich in ihrem Roman „Dunkelblum“ dieser Grundlage an, versieht sie mit weiteren Elementen aus der Zeitgeschichte, die die Gegenwart prägen – und verleiht ihrem Dunkelblum ein üppiges und fein gezeichnetes Personal, das die Leser durch diese mehrschichtige, über mehrere Zeiten hinweg raffiniert geknüpfte Geschichte führt.

Rau und elegant

nd eleganten Humor entlarvt Menasse jene Tiefen der österreichischen Seele, die der Aufarbeitung der Geschichte Widerstand leisten. In den kleinsten Details und unscheinbarsten Bildern spürt sie Entsprechungen dieser bedrückenden Atmosphäre auf, die wie ein schwerer Mantel über dem Heute liegt: sprachliche Kunstwerke, die stets wie die Faust aufs Auge passen, nie zu weit hergeholte, zu bemühte Konstruktionen brauchen.

“Drüberisch”

Dunkelblum ist ein fiktives Städtchen im Burgenland in unmittelbarer Nähe zur ungarischen Grenze. Menasse setzt einen Hauptteil ihrer Erzählung in den Spätsommer des Jahres 1989, als diese Grenze noch mit dem Eisernen Vorhang zusammenfällt, der gerade im Erodieren begriffen ist. „Dunkelblum lag, als wäre es in einem Sack nach unten an den Rand gerutscht. Das war nicht immer so gewesen.“ In der k. u. k.-Monarchie war diese Grenze zum Osten hin noch nicht vorhanden, im Kalten Krieg umso mehr. Nun gelangen immer mehr Flüchtlinge aus der DDR über die Grenze. Die Ungarn, sie bleiben die „Drüberischen“.

Menasses "Dunkelblum" wurde 2021 mit dem Bruno-Kreisky-Preis prämiert. <span class="copyright">APA</span>
Menasses "Dunkelblum" wurde 2021 mit dem Bruno-Kreisky-Preis prämiert. APA

Nicht nur durch diesen Umbruch beginnt sich etwas in Dunkelblum zu bewegen. Nicht nur durch diesen Umbruch beginnt sich etwas in Dunkelblum zu bewegen. Ein mysteriöser Gast mietet sich im Hotel Tüffer ein und beginnt unangenehme Fragen über die Zeit des Kriegsendes zu stellen. Es ist Alexander Gellért, er spürt verborgene Massengräber auf, damit die Opfer würdig begraben werden können. Die Parallelen zu dem realen Fall im burgenländischen Rechnitz sind offensichtlich: Jenes Massengrab, in welchem dort rund 180 erschossene Zwangsarbeiter verscharrt wurden, wurde bis heute nicht gefunden. Die jüdischen Arbeiter aus Ungarn waren meist schon zu schwach, um gegen Kriegsende den Ostwall zur Verteidigung zu errichten.

Am Donnerstag, den 13. Jänner um 19.30 Uhr, liest Eva Menasse im T-Café des Vorarlberger Landestheaters aus ihrem Roman. Anmeldung unter www.vorarlberg.at/vlb.

Gellért recherchiert teilweise gemeinsam mit einer Handvoll Dunkelblumer, die mit ihrer Arbeit an einer Dorfchronik die dunklen Stellen der Geschichte aufarbeiten wollen. Diese jüngere Generation, verkörpert etwa in der smarten jungen Frau Flocke Malnitz, steht den Nachkömmlingen der alten Clique gegenüber, welche damals ihr Unwesen trieb.

Sprachlicher Kraftakt

Menasses Dunkelblum weist weitere Parallelen zu Rechnitz auf: Auch hier gibt es ein ehemals prächtiges Schloss, das nur noch bruchstückhaft vorhanden ist. Auch hier gab es kurz vor der Tat ein rauschendes Nazi-Fest in dem Schloss, und auch hier wurden später einige Helfer verurteilt, die Strippenzieher aber kamen davon. Es sei jedoch trotzdem kein „Rechnitz-Roman“, sondern ein eigenständiges Werk, wie die in Berlin lebende Autorin in einem APA-Interview sagte. Und so ist es: „Dunkelblum“ erschafft einen Erzählraum, der über Rechnitz hinausweist, und der auch durch seine vielen Nebenstränge geprägt ist, die den Roman thematisch erweitern.

Eva Menasse. Dunkelblum. Kiepenheuer & Witsch, 524 Seiten, 25,70 Euro.

urch Menasses sprachlichen Kraftakt erhält Dunkelblum eine eindrückliche Atmosphäre, die den Leser packt, seine Bewohner werden vor dem inneren Auge lebendig. Denn so viel Fantasie wie der Roman beinhaltet, so beunruhigend realistisch ist er – so wird auch in diesem Buch nicht jedes Geheimnis gelüftet.

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