Kultur

Barfuß durch die Welt geschritten

10.01.2022 • 18:00 Uhr / 6 Minuten Lesezeit
Malereien und Zeichnungen von Gesine Probst-Bösch sind zu sehen. <span class="copyright">Miro Kuzmanovic</span>
Malereien und Zeichnungen von Gesine Probst-Bösch sind zu sehen. Miro Kuzmanovic

Retrospektive zu Gesine Probst-Bösch im Dock 20: formenreiches Œuvre.

Eine uns umschließende Hülle kann uns Schutz geben, aber auch gefangen nehmen. Hände und Füße lassen uns unsere Welt erkunden, doch sie greifen auch ins Leere. Zwischen Mutter und Kind und zwischen zwei Liebenden exis­tiert eine enge Bindung, doch sie entfernen und entfremden sich auch voneinander. Der Werkkosmos von Gesine Probst-Bösch lässt den Betrachter an dem Gefühls- und Gedankenleben der Künstlerin und Literatin teilhaben – diese intensive Innenschau praktizierte sie zeitlebens selbst. Ihre Suche nach ihrem eigenen Wesen und jenem der Welt, ihre Betrachtung von sich selbst in Bezug zu ihrer Umgebung sowie ihre hohe Empfindsamkeit bestimmten sowohl ihr Schaffen als auch ihr Leben. Diese Empfindsamkeit hat auch Claudia Voit in den Werken der Künstlerin erkannt, denen sie unter anderem als Ankäuferin des Landes Vorarlberg begegnete, wie sie im Gespräch erklärt. Dabei erinnert sie an die von Probst-Bösch selbst geschaffene Metapher der sich barfuß vorantastenden Künstlerin – die sich kompromiss- und schonungslos auch den schmerzhaften Eindrücken der Welt aussetze.

Werk von Gesine Probst-Bösch. <span class="copyright">Dock 20</span>
Werk von Gesine Probst-Bösch. Dock 20

Das Dock 20 in Lustenau, das Voit leitet, hat den Nachlass in Besitz der Familie Probst-Bösch gesichtet und dokumentiert, über 600 Werke wurden erfasst. Zusammen mit Kuratorin Kathrin Dünser vom vorarlberg museum entstand eine Publikation sowie die bislang umfassendste Retrospektive, die sich Probst-Böschs Werk ab 1989 widmet. Chronologisch geordnet sind rund 200 ausgewählte Werke zu sehen, wobei sich die stilistische Entwicklung besonders gut verfolgen lässt. Erstaunlich ist nämlich, welch fundamentale Wendungen sich in diesen letzten Schaffensjahren abzeichnen. Voit habe fasziniert, wie sich die Künstlerin innerhalb von nur sechs Jahren auf die „große Suche nach einem formalen Ausdruck“ machte, „wie das ,Ich‘ im Bezug zur Umwelt eigenständig formuliert werden kann“, wie sie sagt. Im Jahr 1994 nahm sich Probst-Bösch das Leben.

Geburt

Gesine Probst wurde 1944 in Weimar geboren, und studierte unter anderem an der Akademie der bildenden Künste in Wien. 1968 heiratete sie den Vorarlberger Maler Richard Bösch, 1971 zogen sie nach Hörbranz. In den folgenden Jahren wurden ihre beiden Kinder geboren. Bis Ende der 1980er-Jahre widmet sich Probst-Bösch kaum der bildenden Kunst, vielmehr erhält ihr literarisches Werk Wertschätzung. Mit ihrer erneuten Hinwendung zur Zeichnung setzt die Schau ein, genauer nachdem sie ihre „Gesichter“, die sie bei einem Aufenthalt in der „Valduna“ in Rankweil porträtiert hatte, der Öffentlichkeit präsentierte. Auf der Rückseite von Probedrucken zu dieser Publikation entstanden einige der ausgestellten Zeichnungen.
Zu Beginn sind die Geburt, und damit das Verhältnis von Mutter und Kind, aber auch die damals noch tabuisierte Abtreibung das grundlegende Thema. Den weiblichen Körper zeichnet sie als „Gefäß“, der nach dem Verlassen des Neugeborenen als Hülle zurückbleibt.

Amalgamierung

Nach der Trennung von Richard Bösch zog die Künstlerin im Jahr 1989 nach München. Ihre Arbeiten wurden größer, nun wurde Farbe flächiger eingesetzt, mehr und mehr hielt die Malerei Einzug. Zentral in der Formenwelt von Probst-Bösch ist der fragmentierte menschliche Körper, der mit seiner Umgebung, wie etwa Architekturen, verschmilzt – wie manches Mal es die Titel ausdrücken („Ohrensee“, Säulenherzen“, beide 1990). Kunstjournalistin Nina Schedlmayer schreibt in dem Katalog über diese „Amalgamierung von weiblichem Körper und Architektur“, die sie mit dem Werk von Louise Bourgeois in Verbindung setzt, welches Probst-Bösch seit ihrer Zeit in München wesentlich prägte.

Malerei mit mehreren Farbschichten von Gesine Probst-Bösch. <span class="copyright">Dock 20</span>
Malerei mit mehreren Farbschichten von Gesine Probst-Bösch. Dock 20

Eine überdeutliche Zäsur bildet Probst-Böschs Reise nach Australien im Jahr 1993. Die Künstlerin erschuf nun Malereien, wobei sie mehrere dichte Farbschichten übereinander auftrug. Die von Erdtönen getragene Farbpalette zeugt von den Eindrücken, die Flora und Fauna auf Probst-Bösch hinterlassen hatten. In dieser Phase ist auch jenes Werk zu finden, das der Schau ihren Titel verlieh. Dann wieder eine radikale Wende: Probst-Bösch wendete sich reduzierten Formen in Schwarz-Weiß beziehungsweise einer zurückhaltenderen Farbwahl zu.
Es ist eine erstaunliche Reise durch dieses reiche Schaffen Probst-Böschs, das den Betrachter unmittelbar berührt – aber auch die künstlerische Qualität ihrer Arbeit fassbar macht.

Zur Ausstellung

„Gesine Probst-Bösch: Zehn Pfeile, ein Herz und eine Seele“.

Im Dock 20 – Kunstraum und Sammlung Hollenstein, Lustenau. Ein Projekt in Kooperation mit dem vorarlberg museum. Laufzeit bis 7. Februar verlängert. Fr., Sa., So., 15 bis 19 Uhr geöffnet. Am Donnerstag, den 13. Jänner um 19 Uhr, präsentieren Claudia Voit und Kathrin Dünser die dazugehörige Publikation im vorarlberg museum.