Kultur

Stricken im Vorzimmer der Hölle

14.01.2022 • 21:27 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Johanna Tomek (l.) und Nicola Trub in „Limbus“. <span class="copyright">Roland Paulitsch</span>
Johanna Tomek (l.) und Nicola Trub in „Limbus“. Roland Paulitsch

„Limbus“ am Theater Kosmos geriet leider etwas zu ruhig: Im Verlauf geht dem Stück die Luft aus.

Zwei Frauen begegnen sich im Vorraum zur Hölle. Die eine war einst die „Prinzessin vom Ku‘damm“, die andere die Prinzessin vom Kreml. Doch jede Frau ist für eine begrenzte Zeit einmal die Prinzessin für irgendwen – was heißt das schon. Vielmehr hatten beide ein schweres Leben, nun zehren an ihnen die fragwürdigen Entscheidungen, die sie selbst getroffen haben, die Schmach, die sie erleiden, und die Opfer, die sie für ihre Nächsten bringen mussten. Es sind Nelly Kröger-Mann, die Frau von Heinrich Mann, die sich 1944 mit Schlaftabletten das Leben nahm, und Swetlana Allilujewa, die Tochter Josef Stalins, die sich zeitlebens nicht dem langen Schatten ihres Vaters entziehen konnte.

Lampen auf der roten Plüsch-Bühne von Caro Stark. <span class="copyright">Roland Paulitsch</span>
Lampen auf der roten Plüsch-Bühne von Caro Stark. Roland Paulitsch

Es ist ein vielversprechendes Setting, das Autorin Florentina Hofbauer in ihrem Text „Limbus“ setzt. Mit zwei sehr guten Schauspielerinnen und einem gelungenen Bühnenbild dürfte eigentlich nichts schiefgehen – doch auch wenn beides gegeben ist, fehlt es diesem Theaterabend, der am Donnerstag erstmals im Bregenzer Theater Kosmos zu erleben war, an Leben, und auch ein wenig an Substanz Das mag wohl einerseits an Hofbauers Werk liegen, denn selbst wenn die mittlerweile in den USA lebende Autorin sicherlich ausgiebig die Biografien der beiden Frauen studiert hat, mangelt es an Inhalt und Tiefgang. Und womöglich hat auch Regisseur Hubert Dragaschnig seine Inszenierung zu behutsam entwickelt und zu ruhig angesetzt. Da wäre noch mehr herauszuholen gewesen.

Freche Person

Zuerst ist das Misstrauen groß: Swetlana (Johanna Tomek) zückt ihre Waffe, als plötzlich die kecke Berlinerin Nelly (Nicola Trub) vor ihr steht. Von dieser frechen Person möchte sich die alte Dame nichts sagen lassen, nach ein paar Gläsern Wein tauscht man sich dann aber doch gerne aus. Ausstatterin Caro Stark stellt den beiden eine mit rotem Plüsch überzogene Spielfläche zur Verfügung, die mit zahlreichen großen und kleinen Lampen bestückt ist. Nach und nach werden dieLichter ausgeknipst: eine schön umgesetzte Idee (Licht: Stefan Pfeistlinger). Eine schräge Decke verleiht dem Limbus dazu noch eine beengende Atmosphäre.

Der Mann im Namen

Das Stück geht recht schwungvoll los, Hofbauer hat ein paar kluge und humDas Stück geht recht schwungvoll los, Hofbauer hat ein paar kluge und humorvolle Stellen eingebaut, als sich die Frauen annähern. Nach und nach kommt zur Sprache, womit die Frauen im Laufe ihres Leben kämpfen mussten. Beide haben mehrere Ehen hinter sich – „Aber dem Mann im Namen entkomm‘ ich nicht“, sagt Nelly. Sie hatte besonders unter dem Bildungsbürger-Clan von Heinrich zu leiden, der die Frau aus einfachem Hause schonunglos herablassend behandelte. Beide Frauen verfügen über eine lange Fluchtgeschichte voller Umwege. Nelly gelangte in der Zeit des Nationalsozialismus nach Frankreich, doch auch von dort müssen sie 1940 fliehen. Ihren betagten Mann muss sie über die Pyrenäen „schleppen“, wie sie mehrmals erwähnt.

Termine bis 5. Februar. Tickets: www.theaterkosmos.at.

Während Nelly sich dem Kommunismus zuwendete, versuchte Swetlana sich von ihrem Vater und der Sowjet­union zu lösen. Inwieweit ist sie mitschuld an den massenhaften Morden und Gulag-Internierungen ihres Vaters, der auch von Swetlanas Männern nicht Halt machte? Hatte sie ihre Tochter wirklich in Moskau zurücklassen müssen, während sie von Indien aus flüchtete?

Moralische Fragen

Es sind durchaus moralische Fragen, die hier behandelt werden – ist die Vorhölle ja der Platz für Menschen, die sich ohne es zu wollen versündigt haben. Und doch lernt das Publikum diese Frauen und ihren Schmerz nicht gut genug kennen, dass sie greifbar werden. Vieles wird nur oberflächlich erwähnt, innerhalb des Dialogs fehlen die Emotionen, der springende Punkt, eine echte Auseinandersetzung. Dafür gibt es auf der Bühne genug Zeit und Ruhe, um zu stricken. Verhaltener, aber freundlicher Applaus.