Kultur

Der Altar der “Mutter aller Mütter”

17.01.2022 • 19:49 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
„Was sagt Anna?“ wurde vom Vorarlberger Landestheater, dem Theater am Saumarkt und Literatur Vorarlberg realisiert.<span class="copyright"> Sarah Mistura</span>
„Was sagt Anna?“ wurde vom Vorarlberger Landestheater, dem Theater am Saumarkt und Literatur Vorarlberg realisiert. Sarah Mistura

Vier Perspektiven auf Annenaltar und heilige Anna in „Was sagt Anna?“.

Sehr unterschiedliche Zugänge zum Annenaltar, seiner Geschichte und dessen Interpretation in der Gegenwart zeigten sich am vergangenen Samstag beim Theaterprojekt „Was sagt Anna?“. Vier kurze Dramen von vier Vorarlberger Autoren ließen dabei Wolf Hubers Altar, dessen 500-Jahr-Jubiläum im vergangenen Jahr gefeiert wurde, in einem neuen Licht erscheinen. Die besondere Atmosphäre des Feldkircher Doms verstärkte dieses erhebende Erlebnis noch. War es ein Ziel des Projekts, das Interesse des Publikums für das sakrale Kunstwerk zu gewinnen, so ging der Plan auf: Einige Zuschauer näherten sich nach der Uraufführung dem Altar, um ihn und seine Gemälde genauer unter die Lupe zu nehmen.

Unbefleckt

Lisa-Maria Cerha setzte die Kurzstücke in Szene, es spielten Schauspieler des Landestheaters. Den Beginn machte das Stück „Und jetzt“ der Regisseurin Barbara Herold. Sie beschäftigt sich mit der Legende der heiligen Anna. Demnach hat Anna Jesus‘ Mutter Maria nach jahrelanger Unfruchtbarkeit in einem göttlichen Gnadenakt empfangen, und zwar unbefleckt – das heißt von der Erbsünde befreit. Wie steht es nun um diese Geschichte der „Mutter aller Mütter“ heute? Das zeigt uns ein junges Pärchen (Maria Lisa Huber und David Kopp), das den Altar für ein Radiofeature studiert. Der junge Mann erklärt dabei die rückseitigen Flügelbilder, die die Annenlegende illustrieren: So lernen die Zuschauer auch Hubers Kunstwerk besser kennen. Dass sich das Bild der Mutter gewandelt hat und es heute einen anderen Blick auf das Frausein und Kinderkriegen gibt, wird im Dialog der jungen Generation deutlich.

Elke Maria Riedmann als Engel. <span class="copyright">Sarah Mistura</span>
Elke Maria Riedmann als Engel. Sarah Mistura

Eine sowohl kindliche als auch sinnliche Perspektive macht den Text von Kadisha Belfiore aus. Ein Kind betrachtet Fotos vom Annenaltar, die auf dem Tisch liegen, und beschreibt, was es zu sehen glaubt. Ein Schaf ist da ein Hund oder ein Bär, und ein Engel trägt eigentlich andere Kleider. Die 1991 geborene Autorin hat für diesen Zugang zum Altar echte Kinderzitate verwendet, wie im Begleittext zu erfahren ist. Ihre restlichen Textbausteine bewegen sich vom Thema weg und bleiben teilweise rätselhaft – beinhalten jedoch eine köstliche Phänomenologie des Holundersaftes, die in Erinnerung bleibt.

“Mama”

Mit Katharina Klein wurde eine weitere Jungautorin ausgewählt. „Lang lebe das lamm“ nennt sich ihr Werk, in dem eine Anna der Gegenwart zu Wort kommt. Singend – eingebaut wurden Songtexte mit dem Begriff „Mama“ – und mit einer Decke ausgestattet betritt Maria Lisa Huber den Altarraum, um sich auf dem zweiten Seitenaltar in der Kirche niederzulegen.

Maria Lisa Huber. <span class="copyright">Sarah mistura</span>
Maria Lisa Huber. Sarah mistura

Ein „Emanzipationsruf“ sei das Stück, „ein Versuch nochmal von vorn anzufangen“, so Klein. Von vorn anfangen, das kann man mit dem ersten Wort – „Mama“. Da erscheint ein Engel der etwas anderen Art, in Gestalt der beflügelten Elke Maria Riedmann, die es sich mit Anna gemütlich macht. Mythologisch-Spirituelles trifft sich hier mit überaus weltlichen Aspekten, wie die Entwicklung des weiblichen Körpers im Lauf eines Lebens. „Anna“ ist übrigens ein Palindrom, und so wird das erste wieder das letzte Wort sein.

Geschwister

Das letzte Stück des Abends bringt nochmal eine ordentliche Portion Humor ins Spiel. Tobias Fend, bekannt vom Café Fuerte, thematisiert mit Witz die bewegte Geschichte des Altars, der einst von der Annenbruderschaft in Auftrag gegeben wurde. Von der Bruderschaft sind heute noch die zwei Annengeschwister übrig, die mit einer Gehilfin in die Kirche einbrechen und endlich wieder den Altar in seiner ursprünglichen Form zusammensetzen wollen – mit einer Kettensäge. Schlussendlich mischt sich die heilge Anna selbst ein.

Weitere Aufführungstermine von „Was sagt Anna?“ sind in Planung. Bis dahin können Interessierte die Wolf-Huber-Schau im Palais Liechtenstein besuchen. Sie läuft bis November.

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