Kultur

Das Herantasten an den Bruder

24.01.2022 • 20:25 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Monika Helfer vollendete ihre Trilogie. <span class="copyright">Apa/DPA</span>
Monika Helfer vollendete ihre Trilogie. Apa/DPA

In „Löwenherz“ versucht Monika Helfer, ihren Bruder kennenzulernen.

Mit Spannung wurde der letzte Teil der Familientrilogie von Monika Helfer erwartet, seit gestern ist nun ihr Roman „Löwenherz“ erhältlich. Mit einem neugierigen und liebevollen Blick versucht darin die Autorin ihren Bruder Richard fassbar zu machen – nicht zuletzt auch für sich selbst. Denn Helfer legt in ihrem Werk ihre eigenen Wissenslücken offen, sowie ihren Versuch, in Gesprächen mit ihrem Mann Michael Köhlmeier ihrem Bruder näher zu kommen. Das Ergebnis ist mehr als das Porträt eines eigentümlichen Menschen: Helfer fügt ihrer Erzählung fiktive Figuren hinzu, einige Passagen handeln von weiteren privaten Beziehungen der Autorin. Das Lesevergnügen entsteht durch Helfers reflektierte und ehrliche Art des Schreibens – und natürlich auch durch das literarische Herantasten an das Wesen ihres Bruders.

Banane

Die Leerstellen, die das Erinnern, die Rekonstruktion der Vergangenheit zur Herausforderung machen, scheinen hier noch größer zu sein als in den vorangegangenen Familienromanen Helfers. Richard wird nach dem Tod der Mutter von seinen Schwestern getrennt, und wächst bei seiner Tante Irma und ihrem Mann in Feldkirch-Tisis auf, während Monika Helfer mit ihren Schwestern bei Tante Kathe in Bregenz unterkommt. Ein Höhepunkt des Romans ist die Nacherzählung eines Besuchs der Schwestern bei ihrem Bruder. Dieser Besuch wird zuerst zusammen mit Tante Kathe „geübt“, auf dem Weg durch die Feldkircher Innenstadt kommen die Kinder erstmals in den Genuss einer Banane.

Monika Helfer. Löwenherz. Hanser, 192 Seiten, 20,60 Euro.

Wer war aber nun Richard? Früh verrät die Autorin, dass sich ihr Bruder mit 30 Jahren das Leben nahm. „Ich weiß niemanden, dem das Leben so wenig wichtig war wie dem Richard“, sagt an einer Stelle Köhlmeier, ein Freund, der offenbar viel Zeit mit Helfers Bruder verbracht hatte. Was ihr Bruder auch tat, er dachte ans Liegen, schreibt Helfer. Er ließ die Dinge mehr geschehen, als dass er aktiv in sein Leben eingriff. „Er schlenderte vor sich hin auf seinen verqueren Beinen, wohin sie ihn eben führten (…).“ Nicht nur der spezielle Gang Richards, der aus einer in der Kindheit erlittenen Rachitis resultierte, machten ihn zu einem außergewöhnlichen Menschen. Der junge Mann schien einen ganz eigenen Zugang zur Welt und den Menschen um ihn herum zu haben.

Monika Helfer wird auch ihren neuen Roman im Theater Kosmos präsentieren.<span class="copyright"> NEUE</span>
Monika Helfer wird auch ihren neuen Roman im Theater Kosmos präsentieren. NEUE

Richard, im Beruf Schriftsetzer, malte Bilder – mit Menschen, die sich nicht bewegen, den Betrachter direkt anblicken. Sich von den Menschen ein Bild zu machen, das fiel ihm schwer. Richard musste die Dialoge mit einem Gegenüber später nachsprechen, um dessen Standpunkt zu erfassen. Er habe die Menschen mit den Figuren seiner eigenen Geschichten verknüpft, um sie in seine Gedankenwelt einzuführen, meint Köhlmeier. Richard sei ein „Schmähtandler“ gewesen, der es in seinen vielen Geschichten, die er verbreitete, mit der Wahrheit nicht ernst genommen hatte, beschreibt Helfer.

Putzi

Teilweise recht abenteuerlich sich die Ausflüge, die Köhlmeier und Richard unternehmen – was davon nun alles wirklich passiert war, bleibt die spannende Frage. Fiktiv ist, wie Helfer den „Vorarlberger Nachrichten“ verriet, die Figur der Putzi, und damit ein zentraler Erzählstrang des Romans. Die Frau Kitti nämlich lädt ihre Töchter, Putzi eins und zwei genannt, bei Richard ab, zu dem älteren Kind entwickelt er eine liebevolle Beziehung. Helfer lässt das Glück aber nicht lange gewähren, Putzi wird dem Bruder wieder entrissen. Der treue Gefährte des Bruders, der Hund Schamasch, stirbt. „Lange Leere“ nennt sich das letzte Kapitel des Buchs.

Am Mittwoch, den 26. Jänner um 19.30 Uhr liest Monika Helfer im Theater Kosmos in Bregenz aus ihrem Roman. Tickets: www.theaterkosmos.at

Köhlmeier, der laut dem Roman auch die Idee zu dem Buch über Richard hatte, und die Geschichte ihrer Beziehung ist ein wesentlicher Teil von „Löwenherz“. Das lenkt ein wenig vom Bruder ab, der ohnehin schwer zu fassen bleibt. Doch, das wissen die Leser von Helfers Familienromanen bereits: So ist das mit dem Blick auf das Vergangene.

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