Kultur

Klamauk im Kuhmist der Nation

27.01.2022 • 21:40 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
"Herkules und der Stall des Augias" war am Mittwoch erstmals zu sehen. <span class="copyright">Andreas Zimmermann</span>
"Herkules und der Stall des Augias" war am Mittwoch erstmals zu sehen. Andreas Zimmermann

Amüsant ist die „Herkules“-Inszenierung des Theater Marie, aber nicht zum Brüllen komisch.

Es ist keine Komödie, die das Publikum immer wieder in schallendes Gelächter versetzt, aber eine Komödie mit einem glänzenden Ensemble, das die Zuschauer bestens unterhalten kann – so war es zumindest der Eindruck nach der ersten Aufführung von „Herkules und der Stall des Augias“ im Vorarlberger Landestheater. Die Koproduktion mit dem Schweizer Theater Marie wurde von Olivier Keller in Szene gesetzt, der bereits bei „Geld, Parzival“ Regie führte. Nun kehrt die Truppe mit einem selten gespielten Stück von Friedrich Dürrenmatt nach Bregenz zurück. Dabei schreckt sie nicht zurück vor Klamauk und Trash-Elementen – naja, es geht ja auch um Mist. Vielleicht war das Treiben dem einen oder anderen Zuschauer zu bunt, extra Applaus gab es jedenfalls für das Ensemble, das dem Publikum so einiges zu bieten hat.

Ein witziges Duo, v.l.: Florentine Krafft und Milva Stark. <span class="copyright">Andreas Zimmermann</span>
Ein witziges Duo, v.l.: Florentine Krafft und Milva Stark. Andreas Zimmermann

Einer der wenigen männlichen Darsteller auf der Besetzungsliste – Keller drehte das Geschlechterverhältnis des Stücks kurzerhand um – musste aufgrund eines positiven Tests zu Hause bleiben. Nadja Rui springt für Andreas Bächli ein und spielt erfolgreich sowohl Augias’ Tochter Iole als auch dessen Sohn Phyleus. Die Einführung übernimmt Herkules’ Privatsekretär Polybios (Florentine Krafft). Er hat wahrlich keinen leichten Job. Herkules (schön besetzt mit Milva Stark) trinkt gerne, ist oft schlecht gelaunt, und lässt seine Laune schon mal an Polybios aus. Dieser meint aber eine Lösung für den Schuldenberg des Nationalhelden gefunden zu haben: Es geht auf zur Ur-Demokratie Elis, wo der Präsident und sein bäuerliches Volk im Kuhmist erstickt. Herkules soll es richten.

Voll und ganz überzeugt

Klar, dass dies Projekt scheitert. Der Präsident von Elis (Judith Cuénod) kann dem Helden auch nicht mehr helfen, wenn es darum geht, in den zahlreichen Ämtern Genehmigungen für seinen Plan einzuholen. Gesetz ist eben Gesetz, und der Oberbauer Augias muss sich ja auch um seine eigenen Kühe kümmern, die er stolz präsentiert. Im Parlament zeigen sich diverse Akteure voll und ganz überzeugt davon, dass es nötig sei, auszumisten – und dann kommt irgendein „aber“. Eine Kommissionsgründung jagt die andere.

Wer hat die schönsten Kühe im Stall? <span class="copyright">Andreas Zimmermann</span>
Wer hat die schönsten Kühe im Stall? Andreas Zimmermann

Es kriselt auch mit Herkules’ Geliebten Deianeira (Christoph Rath), die sich, gekleidet in knappen Glitzerklamotten, dem Phyleus zuwendet. Herkules muss derweil im Zirkus von Tantalos (Kathrin Veith) auftreten: eine sehr groteske Szene. Davon gibt es ohnehin genug, wenn sich etwa die Darsteller verrenken müssen, um über die vielen Kunststoffbälle und Mistsäcke von Elis zu klettern, oder wenn die Chorgesänge die Nationalhymne der Elier verzerren. Auch die dramatischen elektronischen Live-Klänge von Daniel Steiner tragen zu diesem Witz bei.

Milva Stark mit Christoph Rath. <span class="copyright">Andreas Zimmermann</span>
Milva Stark mit Christoph Rath. Andreas Zimmermann

Zur Bühne von Dominik Steinmann gesellen sich Videoprojektionen (Kevin Graber), die in ihrer Ästhetik an die Anfänge des Films erinnern. Mit einer Kurbel angetrieben, gehen Mond und Sonne auf und unter – und Gesichter und Mistsäcke. Die Kostüme von Tatjana Kautsch passen sehr gut in diese schönen und fantasievollen Bilder und zu diesen schrägen Figuren.

Vulnerabel und sympathisch

So ganz mag die Groteske dann aber doch nicht zünden. Vielleicht liegt es an Dürrenmatts Stück selbst, das bereits 1954 als Hörspiel erschien, und damit theoretisch etwas in die Jahre gekommen ist. Viele Witze funktionieren dann aber doch noch. Auch mit dem Inhalt lässt sich noch etwas anfangen, funktioniert doch die Idee des verhinderten Ausmistens auch heute noch gut. Und Stark zeigt einen sympathischen vulnerablen Herkules, der uns das Heldenkonzept überdenken lässt. Ein amüsanter Abend trotz kleiner Schwächen. Diese und nächste Woche gibt es noch Termine.

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