Kultur

Ein Ausbruch der menschlichen Gefühle

10.06.2022 • 21:13 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Vivienne Causemann und Nico Raschner in Abfall Bergland Cäsar               <span class="copyright">Anja Köhler</span>
Vivienne Causemann und Nico Raschner in Abfall Bergland Cäsar Anja Köhler

Mit einer umgedrehten Bühne und sprachgewaltigen Texten von Werner Schwab feierte „Abfall Bergland Cäsar“ gestern Premiere im Landestheater.

Das Publikum sitzt auf der Bühne an den Tischen des rustikal eingerichteten Beisls und trinkt Bier oder Wein oder was anderes. Hinter ihm ist die Bar, über ihm verbreiten verschiedene Lampen eine gemütliche Atmosphäre und vor ihm wurden die Sitze mit Tüchern abgedeckt. Genau dort auf diesen abgedeckten Sitzen spricht das vom Hintergrund verzerrte Gesicht Jennifer Minettis in alten Aufnahmen dem Publikum entgegen.

Szenefoto von Abfall Bergland Cäsar                                           <span class="copyright">Anja Köhler</span>
Szenefoto von Abfall Bergland Cäsar Anja Köhler

Die Sprache ist monströs und grotesk. Das Publikum sitzt fasziniert und irritiert an den Tischen während Werner Schwabs unverwechselbare Sprache über sie hereinbricht. Mit aggressiven und melancholischen Sätzen begibt sich der Schriftsteller überzeichnend an die Grenzen und Abgründe der menschlichen Empfindungen, die er in seinem Prosawerk „Abfall Bergland Cäsar“ als „Menschentypen“ in Buchstaben sammelte.
Weiß gekleidet werden Vivienne Causemann und Nico Raschner abwechselnd zu Schwabs Buchstaben verkörpern dabei intensiv und emotionsgeladen die lebendig gewordenen Gefühle von Schwabs „Menschensammlung“.
Es fängt an mit dem Buchstaben A. „A’s Gesicht ist blockiert, es drückt den verstorbenen Tag aus.“ Raschner bringt den Zorn über einen Gartenschlauch des in Rage geratenen A sehr kraftvoll zum Ausdruck. Er spricht von einem Gerüst herunter, trampelt auf einem nassen Schwamm als „Kartoffelkrokette“ herum und setz sich auf einem umgedrehten Stuhl mit den Zuschauern ins Wirtshaus.
Es geht um „das böse Alltägliche“, um „fleischliche Funktionen“, das Sterben, Umbringen, aber auch um Liebe und Begehren und all diese aus dem Menschen brechende Empfindungen prallen roh, obszön und mit einer Vehemenz auf das Publikum. Durch die Geräusche der Musik und die Bilder wird die Stimmung noch zusätzlich aufgeladen.

Mord und Mitleid

Zwischen den Buchstaben erscheint Minettis Kopf auf den Zuschauerplätzen und ihre Stimme ertönt durch die Lautsprecher. Beim Morden und Umbringen des M unterstreichen die projizierten Bilder den Tod und wenn C in Mitleid mit sich selbst gerät und „von möglichst mächtigen hohen Menschen“ geliebt werden will, wuseln Insekten auf der verbogenen Leinwand.
Während der Vorstellung erscheinen die Schauspieler in verschiedenen Größenordnungen manchmal weit weg vom Publikum und dann wieder ganz nah mitten in der Zuschauermenge, wo Causemann als L unter den Tischen kriecht, darauf balanciert und durch die Menge stolziert und mit dem Rücken nach hinten gebogen in eine Lampe schreit. „C ist der Fehler alles ihn umgebende.“
Irgendwann sitzt Raschner am Tresen und spielt Schach gegen sich selbst. Zuerst mit langsamen Bewegungen auf den Zug des Gegners wartend, starrt er mit leerem Blick in die Luft, bis er erschüttert wird, sich ein Glas einschenkt und hastig trinkt. Dann noch ein Glas. D ist „angeschmerzt wie alles zwischen A bis Z“.
In „Abfall Bergland Cäsar“ präsentieren Stephanie Geiger und die FM Einheit eine ganz ergreifende Theatererfahrung, in der die Gesellschaft nicht nur sprachlich zerlegt und auseinandergenommen wird.