Kultur

Sichtweisen jüdischer Museen

08.07.2022 • 20:02 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Die Ausstellung "Ausgestopfte Juden?" ist noch bis März 2023 zu sehen. <span class="copyright">Dietmar Walser www.walser-image.com</span>
Die Ausstellung "Ausgestopfte Juden?" ist noch bis März 2023 zu sehen. Dietmar Walser www.walser-image.com

Hanno Loewy, Direktor vom jüdischen Museum Hohenems spricht im Interview über die Hintergründe der neuen Ausstellung und über Diskurse und die Identitätspolitik der Jüdischen Museen.

Welche Vorstellungen vom „jüdischen“ haben die Menschen? Die neue Ausstellung „Ausgestopfte Juden?“, beschäftigt sich mit dem Sinn und Zweck eines Museums. Dabei wird den Fragen nachgegangen, wie Ausstellungen gemacht werden, was man sammelt und warum bestimmte Objekte nicht ins Museum kommen, andere jedoch schon.

Einblicke in die Ausstellung. <span class="copyright">Wöhrer</span>
Einblicke in die Ausstellung. Wöhrer

Jüdisches Museum in der Kritik

„In den letzten Monaten und Jahren gab es ziemlich viele Kontroversen darüber, was ein jüdisches Museum sein soll. Jüdische Museen auf der ganzen Welt wurden in der Öffentlichkeit heftig kritisiert, „nicht jüdisch genug zu sein“, beschreibt Hanno Loewy im Interview die aktuellen Unstimmigkeiten.
So musste beispielsweise der jüdische Direktor in Berlin zurücktreten, weil er eine Ausstellung gemacht hat, die nicht nur eine jüdische Perspektive auf Jerusalem, sondern konträre unterschiedliche Perspektiven gezeigt hat und in Chicago musste ein jüdisches Museum geschlossen werden, weil in einer Ausstellung auch eine palästinensische Sicht auf die Geografie Israels und Palästinas geworfen wurde.

Loewy beschäftigt sich schon seit längerer Zeit mit den Diskursen rund um den Begriff des „Jüdischen“. „Ist etwas jüdisch genug?“ und „Was ist eigentlich jüdisch genug?“. In letzter Zeit würde die „Identitätspolitik“ in aktuellen Diskursen eine größere Rolle spielen, kritisiert Loewy. Was dazu führte, dass Museen an vielen Orten Austragungsorte und Gegenstand für diese Auseinandersetzungen geworden seien, sagt Loewy.

Kontroversen

Die neue Ausstellung wurde vor dem Hintergrund gestaltet, dass es viele Diskussionen darüber gibt, wie sich ein jüdisches Museum definiert und welche gesellschaftspolitische Bedeutungen dabei eine Rolle spielen. Es stellt sich einerseits die Identitätsfrage „Ist das Museum selbst jüdisch oder ist lediglich der Gegenstand des Museums jüdisch?“ Zum Anderen gibt es sehr kontroverse Ansichten dazu, welche Sichtweisen jüdische Museen vermitteln sollen und welche Aufgabe sie als öffentliche Orte für die Gesellschaft erfüllen soll.
„Am Anfang waren diese Museen tatsächlich jüdische Einrichtungen“, die in Wohnungen untergebracht waren und nur von sehr wenigen Nicht-Juden besucht wurden, sagt Loewy. Ein großer Unterschied zu den Jüdischen Museen vor der Schoah war, dass diese sich in Europa aus jüdischen Gemeinden, Organisationen oder Sammlern gründeten, während nach 1945 die meisten Museen in öffentlicher Trägerschaft entstanden sind.

„Jüdische Museen sind eigentlich etwas sehr Diasporisches, sie entstehen in einer Situation, in der man als Minderheit damit konfrontiert ist, das die Vorstellungen davon was jüdisch ist, vor allem von Nicht-Juden bestimmt wird.“
Loewy ist der Meinung, dass Museen, die in einem öffentlichen Auftrag agieren und mit staatlichen Mitteln mitfinanziert werden, nicht dazu da sind, „nur eine bestimmte jüdische Sicht“ auf den Gegenstand Judentum reflektieren sollen, sondern aus einer unabhängigen kritischen und wissenschaftlichen Perspektive auf alle unterschiedlichen Vorstellungen, die mit dem verbunden sind, was jüdisch ist, einzugehen haben.“

Auch die Bedeutung der Esther-Rolle wird in der Ausstellung hinterfragt. <span class="copyright">Wöhrer</span>
Auch die Bedeutung der Esther-Rolle wird in der Ausstellung hinterfragt. Wöhrer

Ausstellungsobjekte

Um diesen Fragen nachzugehen, war die Ursprungsidee der Kuratorin Felicitas Heimann-Jelinek, die Entwicklung der Sammlung jüdischer Museen zu thematisieren. Die Objekte der Ausstellungen sind Fragmente aus der Antike bis zur Gegenwart, die in verschiedenen Orten Europas zu verschiedenen Zeiten in Museen gezeigt wurden. Sie symbolisieren Erklärungsversuche der Museen auf die Fragen nach „dem Jüdischen“. Zu allen Objekten werden detaillierte Informationen über den kontextuellen Rahmen geboten, in welchem sie in Museen präsentiert wurden.

So diente beispielsweise die Esther-Rolle oft der Illustration „des fröhlichen Feierns“ des Purim-Festes, nicht jedoch der Erklärung der historischen Rahmengeschichte. Unter anderem werden Lichtdrucke des Malers Moritz Daniel Oppenheimer gezeigt, die als „authentisches Abbild jüdischen Lebens“ gelesen werden, während der Maler versuchte eine idealisierte Vergangenheit festzuhalten.

Es lassen sich antike Elemente aus biblischer Zeit finden, die als „jüdisch“ identifiziert wurden und eine jahrtausendealte Verbindung des Judentums zum Land Israel bezeugen sollen. Es wird dargestellt, unter welchen Umständen Museen Teile ihrer Bestände verkauften und erklärt, wie jüdische Ritualobjekte zu Sammlerstücken wurden, wo die Dinge herkommen und warum manche Gegenstände nicht ausgestellt werden. Zudem werden auch Darstellungen der jüdischen Frau aufgegriffen.

Du hast einen Tipp für die NEUE Redaktion? Schicke uns jetzt Hinweise und Bilder an redaktion@neue.at.