Kultur

Stimmliche Spurensuche in Sibirien

22.07.2022 • 18:46 Uhr / 6 Minuten Lesezeit
Bilder aus der Oper „Sibirien“ im Festspielhaus.<span class="copyright">Stiplovsek </span>
Bilder aus der Oper „Sibirien“ im Festspielhaus.Stiplovsek 

Vom Publikum gefeiert wurde Umberto Giordanos „Sibirien“. Die Oper unter der Leitung von Regisseur Vasily Barkhatov und Dirigent Valentin Uryupin überzeugte auf ganzer Ebene

Wieder einmal ist die diesjährige Hausoper der Bregenzer Festspiele, Umberto Giordanos „Sibirien“, musikalisch wie szenisch höchst ansprechend umgesetzt und hat viele Menschen bewegt. Während Puccinis „Madame Butterfly“ mit asiatischer Melodik durchzogen ist, hat sich Giordano in die russische Kultur und Tonsprache vertieft und lässt Volks- und Kirchenlieder in die Partitur einfließen. Sein Librettist Luigi Illica scheint von Dostojewski und Tolstoi inspiriert und zeigt den Weg einer Kurtisane und starken Liebenden von St. Petersburg aus in ein sibirisches Straflager.

Auf einer Reise

Um die Stationen der drei Akte – ein Stadtpalais in St. Petersburg, eine Grenzstation und das Straflager – und die Geschichte Stephanas, ihres Geliebten Vassili und des Kupplers Gleby zu verbinden, hat Regisseur Vasily Barkhatov als Rahmenhandlung die Geschichte einer alten Frau entwickelt: Sie will von Italien aus ihren russischen Wurzeln nachspüren und trägt eine Urne mit der Asche ihres verstorbenen Bruders mit sich. Ein Film zeigt ihre Reise nach St. Petersburg, in ein Archiv des Gulags und in eine sibirische Plattenbausiedlung.
Filmhandlung und Opernhandlung gehen geschickt ineinander über, mehrere Zeitebenen und Räume werden parallel bespielt. Der Film lässt in der Schilderung einer tagelangen Zugfahrt und der Fahrt in einem klapprigen Kleinbus die Ausdehnung und die winterliche Kälte fast körperlich erahnen, während der rückwärtige Horizont des Bühnenbilds im dritten Akt die unendliche Weite der Landschaft auch als Seelenraum zeigt.

Das Stück arbeitet mit Licht und Projektionen. <span class="copyright">Stiplovsek </span>
Das Stück arbeitet mit Licht und Projektionen. Stiplovsek 

Licht und Projektionen unterteilen den Raum im städtischen Palais, Bühnenbildner Christian Schmidt und Kostümbildnerin Nicole von Graevenitz zeigen die bessere Gesellschaft mit Pelzkrägen und Uniformen und einem unheilvoll pendelnden Kronleuchter. Hier wirbt Fürst Alexis um die schöne Stephana, die sich aber in den jungen Offizier Vassili verliebt hat. Im Duell verletzt Vassili den Fürsten, muss seine militärische Laufbahn aufgeben und wird ins Straflager geschickt. Auch Stephana verzichtet auf ihr luxuriöses Leben und folgt Vassili, im Lager wird sie aber durch den Kuppler Gleby von ihrer Vergangenheit eingeholt und verraten. Auf der Flucht wird sie erschossen und stirbt in den Armen von Vassili, ihre beiden Kinder (eines wird die alte Frau aus dem Film) überleben. Den stimmigen Bildern aus dem Palais, dem Gulag-Büro mit seinen riesigen Aktenschränken und der Trostlosigkeit eines Arbeitslagers entsprechen die großen Stimmen und die dunklen Farben des Orchesters.

Einblick ins Stück. <span class="copyright">Stiplovsek </span>
Einblick ins Stück. Stiplovsek 

Dunkle Instrumentation

Umberto Giordano, dessen große Oper „Andrea Chenier“ vor gut zehn Jahren auf der Seebühne beeindruckte (allerdings war sie nicht der erwünschte Magnet für das Publikum), setzt das große romantische Orchester des italienischen Verismo ein. „Sibirien“ beeindruckt mit intensiven instrumentalen Vor- und Zwischenspielen, mit einer insgesamt recht dunklen Instrumentation und großen dramatischen Aufwallungen. Immer wieder singt ein Chor auf und hinter der Bühne, der Osterhymnus im dritten Akt oder das melancholische Lied der Wolgaschlepper sind eingebunden in die Partitur, ohne wie Fremdkörper zu wirken.

Für Stephana, Vassili und den finsteren Gegenspieler Gleby gibt es intensive Solo-Arien und Duette. Die Kanadierin Ambur Braid überzeugt in ihrer Ausstrahlung, in der Wärme und Leuchtkraft ihrer Stimme. Ihr zur Seite ist mit dem Russen Alexander Mikhailov als Vassili ein heldisch auftrumpfender, in der Höhe etwas eng geführter Tenor, der die romantische Glut ebenso wie die Schrecken der Zustände in Sibirien und seine Eifersucht glaubhaft charakterisiert. Der Texaner Scott Hendricks ist mit seinem farbenreichen beweglichen Bariton und seiner schauspielerischen Präsenz schon fast eine feste Größe im Bregenzer Ensemble. Unter den kleineren Rollen fällt der Tenor Omer Kobiljak als werbender Fürst Alexis auf, Fredrika Brillembourg als Dienerin Nikona und Clarry Bartha als alte Frau ergänzen das Ensemble.

Melancholie und Lebenslust

Wie bereits vor drei Jahren, als er die Opernstudio-Produktion von Tschaikowskys „Eugen Onegin“ leitete, besticht der junge russische Dirigent Valentin Uryupin mit seiner musikalischen Gestaltungskraft. Mit den Wiener Symphonikern zeichnet er Melancholie und Düsternis, aber auch Lebenslust unter schwierigen Lagerbedingungen nach.

Großartig ist wieder der von Lukáš Vasilek einstudierte Prager Philharmonische Chor mit seiner wunderbaren Pianokultur und intensiven Fülle. Durch die slawischen Stimmen im Chor und auch zum Teil im Ensemble und durch Giordanos Verinnerlichung der russischen Melodien wirkt „Sibirien“, obwohl italienisch gesungen, fast eher wie eine russische als eine italienische Oper.
Regisseur Vasily Barkhatov und sein Team, Dirigent Valentin Uryupin, die Sängerinnen und Sänger, Orchester und Chor wurden vom Premierenpublikum einhellig gefeiert. Im Rahmen der Festspiele wird „Sibirien“ nur noch zweimal aufgeführt: Morgen, am 24. Juli, um 11 Uhr, und am 1. August um 19.30 Uhr. In der kommenden Saison wird es am Theater Bonn gezeigt.

www.bregenzerfestspiele.com

Von Katharina von Glasenapp