Kultur

Tuschezeichnung als Spiegel der Emotionen

23.07.2022 • 19:39 Uhr / 6 Minuten Lesezeit
Tuschezeichnung auf gewelltem Papier wurde vom kanadischen Bühnenbildner Michael Levine als Spiegelbild für Cio-Cio-Sans Seele erdacht.<span class="copyright">Rhomberg </span>
Tuschezeichnung auf gewelltem Papier wurde vom kanadischen Bühnenbildner Michael Levine als Spiegelbild für Cio-Cio-Sans Seele erdacht.Rhomberg 

Wetterglück zur zweiten Aufführung von ­Puccinis „Madame Butterfly“: Gesamtkunstwerk von Musik, Bühne, Kostümen und Licht.

Am zweiten Seebühnenabend am Freitag konnte die Inszenierung von Giacomo Puccinis „Madame Butterfly“ ihre magische Wirkung im Zusammenspiel von Bühne, Licht, Kostümen, Orchester, Stimmen und der tragischen Handlung entfalten, einzig ein paar vereinzelte Regentropfen sorgten zwischenzeitlich für besorgte Blicke in Richtung Himmel. Nach dem gewitterbedingten Abbruch am ersten Abend war nun nochmals die Premierenbesetzung mit der anrührenden Gestaltungskunst von Barno Ismatullaeva als Cio-Cio-San, Edgaras Montvidas als Pinkerton, Brian Mulligan als Konsul Sharpless und Annalisa Stroppa als Suzuki zu erleben. Die in den Nachthimmel ragende japanische Tuschezeichnung, die da zerknüllt und federleicht über dem Wasser zu schweben scheint und doch mit ihren 300 Tonnen Gesamtgewicht auf einer gigantischen Stahlkonstruktion liegt, spiegelt mit verschiedensten Lichteinstellungen und Projektionen die starken Emotionen der Protagonisten wider. Dirigent Enrique Mazzola, der die Wiener Symphoniker in einem höchst flexiblen, klangschönen Spiel führte, und Regisseur Andreas Homoki konnten mit allen Ensembles den Jubel des Publikums entgegennehmen.

Drama der Gegensätze: Geisha Cio-Cio San (genannt Butterfly, gespielt von Celine Byrne) und der US-Marineoffizier P. F. Pinkerton (Edgaras Montvidas). <span class="copyright">RHomberg</span>
Drama der Gegensätze: Geisha Cio-Cio San (genannt Butterfly, gespielt von Celine Byrne) und der US-Marineoffizier P. F. Pinkerton (Edgaras Montvidas). RHomberg

Zusammenprall der Kulturen

„Madame Butterfly“ kreist um den Zusammenprall der Kulturen: Der amerikanische Marineleutnant Benjamin Franklin Pinkerton heiratet eine 15-jährige Geisha und kauft gleich ein Häuschen dazu. Cio-Cio-San, genannt Butterfly, ist bereit, alles traditionell Japanische aufzugeben, um eine vorbildliche amerikanische Gastgeberin mit christlicher Religion, Whiskey und Zigaretten zu werden. Doch Pinkerton kehrt nach Amerika zurück, drei Jahre wartet Butterfly mit ihrem kleinen Kind auf seine Rückkehr, blind und taub für die offensichtliche Wahrheit. Als Pinkerton tatsächlich kommt, will er zusammen mit seiner amerikanischen Gattin nur sein Kind abholen, Erkenntnis und Reue sind zu spät, Butterfly bringt sich mit dem Dolch ihres Vaters um.

Das "Bilderbuch-Japan" mit Geishas und Geistern. <span class="copyright">RHomberg</span>
Das "Bilderbuch-Japan" mit Geishas und Geistern. RHomberg

Regisseur Andreas Homoki, der Intendant des Opernhauses Zürich, sein Bühnenbildner Michael Levine und Kostümbildner Antony McDonald stellen die Kontraste deutlich heraus: Hier das Bilderbuch-Japan mit Kimonos, Stäbchenfrisuren, Papierschirmen und Fächern mit der endlos scheinenden Prozession von rot-orange flatternden Kleidern der Geishas, den weiß gekleideten Geistern mit langen Haaren und Masken und der Schar der großen Verwandtschaft in olivgrün. Ihr prächtiges weiß-rosa gefärbtes Brautgewand tauscht Butterfly gegen ein blau-weißes Oberkleid aus, die amerikanische Flagge dient ihr als trügerische Versicherung in der Zeit des Wartens. Einen kräftigen Farbakzent setzt der rote Mantel mit schwarzem Kopfputz des Fürsten Yamadori, der vergeblich um Cio-Cio-San wirbt und von sechs Dienern auf einer Art Sänfte über das Wasser getragen wird. (Der See spielt in dieser Inszenierung übrigens ansonsten eine relativ kleine Rolle, einzig der Heiratsvermittler Goro sucht sein Heil in der Flucht durch einen beherzten Sprung ins Wasser, und ein gefaltetes Papierboot legt an der Seite an).
Die amerikanische Welt spiegelt sich in dem Fahnenmast, der sich durch das Kunstgemälde bohrt, in knalligen Farben für Pinkertons blaue Uniform, den gelben Anzug des Konsuls oder in dem pinkfarbenen Petticoat der Bilderbuchamerikanerin Kate Pinkerton.

 Fürsten Yamadori wirbt vergeblich um Cio-Cio-San. <span class="copyright">Rhomberg</span>
Fürsten Yamadori wirbt vergeblich um Cio-Cio-San. Rhomberg

Innige Verbundenheit

Kontraste aber beherrschen auch die Szene, etwa im geordneten Gewusel der Geistertänzer, Geishas und Verwandten einerseits und der großen Distanz zwischen den Personen über weite Strecken andererseits. Andreas Homoki stellt die Beziehungen zwischen dem Konsul Sharpless und Pinkerton, die innige Verbundenheit von Cio-Cio-San und ihrer anmutigen Dienerin Suzuki, das erfolglose Gespräch des Konsuls mit Butterfly auf der Vorderbühne dar. Und er zeigt natürlich die entsetzliche Einsamkeit der jungen Frau, die sich immer wieder am linken Bühnenrand zusammenkauert oder während des traumverlorenen Summchors mit innerer Stärke auf ihren Mann wartet.

Besondere Effekte

Dazu kommt das Atmosphärische der unterschiedlichen Lichtstimmungen: Blassblau oder hellgrau, rot oder kaltweiß, golden schimmernd oder fast dunkelgrau lässt Lichtdesigner Franck Evin die japanische Tuschezeichnung erscheinen. Besondere Effekte setzt Luke Halls mit den Videos, wenn der zornige Onkel Bonzo wie ein Kopf aus der Papierwand herauswächst oder wenn sich zum Duett von Cio-Cio-San und Suzuki ein Blütenmeer über die Bühne ergießt. Zum tragischen Ende geht das japanische Papier in Flammen auf, eine kurze Feuerwand erhitzt das bereits jubelnde Publikum.
Diese „Butterfly“ auf der Bregenzer Seebühne besticht in ihren dramatischen wie poetischen Bildern, in der eigenen Symbolik des Bühnenbilds und natürlich in der süffig facettenreichen Kraft des Orchesters und der Stimmen. Beste Aussichten für zwei Festspielsommer!

Von Katharina von Glasenapp