Kultur

Schaukeln in den Seilen des Schicksals

25.07.2022 • 20:13 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Prospero mit seiner Tochter Miranda   <span class="copyright">Roland <span style="color: rgba(111, 111, 111, var(--tw-text-opacity)); font-size: 0.75rem; text-transform: uppercase;">paulitsch</span></span>
Prospero mit seiner Tochter Miranda Roland paulitsch

Neu übersetzt von Jakob Nolte brachte Jan Bosse am Samstag Shakespeares „Der Sturm“ zur Premiere ins Kornmarkttheater.

Die Bühne ist fast leer. Das Licht brennt und es ist ungewöhnlich still, bevor der alte Zauberer Prospero mit einem Fingerschnipsen über Licht und Dunkelheit bestimmt und „seinen Geist“ Ariel einen Sturm heraufziehen lässt. Dieser Sturm folgt in Gestalt von Schiffstauen, die von oben herabfallen, begleitet von Geschrei, Regen, Gebläse und herumliegenden Schiffbrüchigen, die sich schmerzerfüllt in der Fremdheit der Insel wiederfinden.

Im Spiel mit den Schiffstauen          <span class="copyright">Roland <span style="color: rgba(111, 111, 111, var(--tw-text-opacity)); font-size: 0.75rem; text-transform: uppercase;">paulitsch</span></span>
Im Spiel mit den Schiffstauen Roland paulitsch

Wenn das Stück beginnt, ist alles schon vorbei. Zwölf Jahre sind vergangen, seit Prospero als Herzog von Mailand von seinem Bruder Antonio vertrieben wurde und so herrscht er nun über den Luftgeist Ariel und den Sklaven Caliban und ist getrieben von seiner Rache. „Es ist Zeit“, sagt Prospero. Zeit ist es auch, die Vergangenheit aufzuarbeiten und so kommt es zu klärenden Gesprächen zwischen Prospero und seiner Tochter Miranda, die inzwischen erwachsen geworden in einer abgeschotteten Welt lebt und dem ersten Mann verfällt, den sie sieht. Der in Pelz gekleidete König von Neapel sucht seinen Sohn und wird in einem schlafenden Moment fast getötet und die betrunkenen Matrosen Stephano und Trinculo treffen auf den grün-leuchtenden Caliban.
Der Regisseur Jan Bosse und das Deutsche Ensemble Berlin führen die Zuschauer in eine surrealistische Zauberwelt, die getragen wird von der Albernheit der Figuren, artistischen Tricks in den Seilen und clownhaften Szenen. Das Spiel mit Geräuschen, filmischer Musik (Arno Kraehahn) und Licht (Marco Scherle) erschafft die Atmosphäre einer unbekannten Inselwelt.
Ein skurriles Setting mit einer noch bizarreren Sprache. Denn eigens für diese Inszenierung hat Jan Bosse wieder mit dem Schriftsteller Jakob Nolte gemeinsame Sache gemacht, der bereits 2019 für Bosses Inszenierung von Don Quijote die Cervantes-Übersetzung von Susanne Lange neu gestaltete.

Einblicke in die Inszenierung          <span class="copyright">Roland <span style="color: rgba(111, 111, 111, var(--tw-text-opacity)); font-size: 0.75rem; text-transform: uppercase;">paulitsch</span></span>
Einblicke in die Inszenierung Roland paulitsch

Eine neue Übersetzung sollte es sein, doch anstatt dass Jakob Nolte den Text in die heutige Zeit überträgt, orientiert er sich am 400 Jahre alten Shakespeare-Englisch. Wort für Wort übersetzt er „The Tempest“ aus dem Original, woraus eine hybridisierte Kunstsprache mit deutschen Wörtern und englischer Grammatik entsteht. Eine Sprache, die anfangs sehr seltsam und beschränkt klingt, an die man sich aber schnell gewöhnt, die wie angegossen zu den Figuren passt und auf komische Weise überzeugt. Auch wenn die Handlung durch die sprachlichen Ungereimtheiten schwerer zu erfassen wird, lebt das Stück von der Bildhaftigkeit der Wörter und von den oft wortlosen Momenten zwischen den Figuren. So haben Miranda und Ferdinand „vom ersten Augenblick getauschte Augen“, Prospero hat „gewürzt das Meer mit Tropfen von Salz“ und Alonso sagt zu Gonzalo: „Du stopfst diese Worte in meine Ohren gegen den Hunger in meinem Verstand.“

Lorena Handschin (Ariel) und Wolfram Koch (Prospero)           <span class="copyright">Roland <span style="color: rgba(111, 111, 111, var(--tw-text-opacity)); font-size: 0.75rem; text-transform: uppercase;">paulitsch</span></span>
Lorena Handschin (Ariel) und Wolfram Koch (Prospero) Roland paulitsch

Mit bemerkenswerter Bühnenpräsenz spielt Wolfram Koch (Prospero) den alt werdenden Mann, der in sich selbst versunken und mit starrem Blick auf der Insel umherwandert und sich in eigentümlichen Bewegungen in seinen Erinnerungen an alte Zeiten verliert. Machtbesessen stellt er seine in Anzug und Krawatte getauchten Feinde wie Marionetten nebeneinander auf und spielt den größenwahnsinnigen Verrückten. Ariel (Lorena Handschin) glänzt in blau glitzerndem Gefieder und in unterdrückter Wut. Man spürt förmlich den Groll und das Unbehagen, dass er seinem Meister Prospero entgegenbringt, welcher ihn immer wieder in Versprechungen hüllt und doch nie freilässt. Er tänzelt und schwebt auf der Bühne, treibt mit einer Klaue an der Hand sein Unwesen und erfreut das Publikum mit einer hervorragenden Stimme, wenn er singt, um die Leute zu verzaubern: „Hell is empty and all the devils are here.“
Musikalisch begleitet wird Handschin von Caroline Bigge, im gleichen blauen Kleid wie Ariel, die die Popsongs nach dem Vorbild von Kate Tempes aus dem englischen Originaltext geschrieben hat. Mit großem Applaus bedankte sich das Publikum.