Kultur

Aus dem „falschen Leben“ gerissen

26.07.2022 • 18:35 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Ein Blick ins Figurentheater „Kapitän Nemos Bibliothek.<span class="copyright"> Elmar Witt</span>
Ein Blick ins Figurentheater „Kapitän Nemos Bibliothek. Elmar Witt

Am Mittwoch wird Johannes Kalitzkes Oper „Kapitän Nemos Bibliothek“ erstmals in Österreich aufgeführt. Der Regisseur Christoph Werner gibt Einblicke in das Figurentheater.

Per Olov Enquists Roman „Kapitän Nemos Bibliothek“ erzählt die Geschichte von zwei 1934 geborenen Buben, die bei der Geburt vertauscht wurden. Genauso unterschiedlich wie die Persönlichkeit der Kinder sind auch die Verhältnisse der beiden Mütter, bei denen sie leben. Als Spielkameraden wachsen sie in einem ärmlichen Dorf im Norden Schwedens auf. Mit sechs Jahren werden sie plötzlich aus ihren Familien gerissen und an die jeweils andere Mutter zurückgetauscht, was sie in tiefes Unglück stürzt. Ein Zufluchtsort in einer Fantasiewelt hilft dem kindlichen Erzähler, aus der unerträglich gewordenen Situation herauszufinden.

Doppelte Figuren

Aus dieser ergreifenden Erzählung hat der Komponist Johannes Kalitzke letztes Jahr eine Oper für das Figurentheater geschrieben, die im Auftrag der Schwetzinger SWR Festspiele entstanden ist. Die Dramaturgin Julia Hochstenbach hat ein Libretto erarbeitet, dass sich dicht an die Romanvorlage hält.

Im Interview spricht Christoph Werner über seine Inszenierung und den Einsatz der Puppen. Wie er beschreibt, werden beide Kinder als junge Erwachsene in die eigene Vergangenheit zurückkehren und die Geschehnisse nochmal durchleben, während sie sich selbst als Kinder betrachten. Auf der Bühne werden die Figuren daher doppelt realisiert, einmal als Sänger und dann auch als 1 Meter 40 große lebensechte Puppen, welche nach Kinderfotos der beiden Sänger Iurii Iushkevich und Johanna Zimmer nachgebaut wurden.

Einer der Handlungsorte ist eine Kirche. <span class="copyright">Elmar Witt</span>
Einer der Handlungsorte ist eine Kirche. Elmar Witt

Täuschung

Erst im Laufe des Geschehens soll das Publikum merken, dass es sich bei den Kindern um Puppen handelt. Mit auf der Bühne sind auch die Puppenspieler in schwarzen Kostümen und Fechtmasken sichtbar, jedoch sieht man deren Gesichter nicht, woraus „der Zuschauer sofort dekodiert, dass die Personen keine Rolle spielen“, sagt Werner. Die Handlung spielt an drei Orten: Einer Kirche am Anfang, im grünen Haus und auf der Insel, diese werden mithilfe von Videos von Conny Klar widergespiegelt, während das Bühnenbild, eine Kuppel, an die Kapitän-Nemo-Filme aus den 70er-Jahren erinnert, erklärt Werner.
Wie „in einer Art Traum“ erleben die Erwachsenen „in hoher Intensität“, wie das Leben der beiden Kinder durch das Zurücktauschen zu ihren biologischen Müttern durcheinandergebracht wird und „alle Gewissheiten, die sie bis dahin hatten, verschwinden“, sagt Werner. Genau wie die Puppen „nur stumme Akteure sind“, konnten sich auch die Kinder in der Zeit nicht mitteilen. Diese Rolle übernehmen nun die Sänger, welche die unausgesprochenen Gefühle in Worte fassen und die schwierige Situation aus der Sicht von Erwachsenen reflektieren. Das führt mitunter auch zu Streit und Eifersucht, denn während das eine Kind in besseren Verhältnisse lebt, ist die andere Familie arm.

Gerettet

„Es ist keine lustige Geschichte“, sondern eine „die den heutigen moralischen Standards“ widerspricht. In der kleinen dörflichen Gemeinschaft gelten harte Regeln und Schweden ist ein Land, in dem man ums Überleben kämpft und in dem es von überall zu wenig gibt: Zu wenig Sonne, zu wenig Liebe, zu wenig Essen“, beschreibt Werner die karge Umgebung, in der die Kinder groß werden und die Mütter überfordert sind.

Da stellt sich auch der Regisseur die Frage: „Wie kann man so einer traurigen Geschichte noch etwas abgewinnen?“ Dennoch erkennt er in der Reflexion mit der eigenen Identität und der Konfrontation mit eigenen Gefühlen einen Gewinn, den die Figuren nicht hätten, wären sie nicht aus ihren Familien gerissen worden. „Am Schluss gehen sie in die Welt hinaus und man hat den Eindruck, dass sie zwar schmerzlich, aber doch zu sich selbst gekommen sind, dass sie aus dieser Enge und dieser Zwangsgemeinschaft entkommen sind.“

Premiere: Mittwoch, 27.7. um 20 Uhr in der Werkstattbühne.