Kultur

Wahrheit und Alptraum der Kinder

28.07.2022 • 19:24 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Mithilfe von Puppen wird die Kindheit aufgearbeitet. <span class="copyright">Rhomberg </span>
Mithilfe von Puppen wird die Kindheit aufgearbeitet. Rhomberg 

Am Mittwoch feierte Kalitzkes Oper „Kapitän Nemos Bibliothek“ Österreichpremiere in der Werksttatbühne.

Vielschichtig, rätselhaft, dicht und faszinierend ist die Oper „Kapitän Nemos Bibliothek“, die der Komponist und Dirigent Johannes Kalitzke nun als österreichische Erstaufführung auf der Werkstattbühne präsentierte, heute Abend (20 Uhr) ist eine zweite Vorstellung. Sie ist entstanden als Auftragswerk in Koproduktion mit den Schwetzinger SWR Festspielen und hat mit dem Regisseur Christoph Werner und seinen Puppenspielern das Puppentheater Halle mit ins Boot geholt – buchstäblich sogar, denn die Nautilus, das Unterseeboot aus Jules Vernes „20.000 Meilen unter dem Meer“ ist Rückzugsort der Kinder und geheimnisvoller Raum für Nemos Bibliothek.
Julia Hochstenbach hat den gleichnamigen komplex gebauten Roman des schwedischen Autors Per Olov Enquist zu einem Libretto verdichtet, Kalitzkes Musik macht die verschiedenen Handlungs-, Denk- und Vorstellungsräume erfahrbar.

Einblicke in die Szenen des Figurentheaters. <span class="copyright">Rhomberg</span>
Einblicke in die Szenen des Figurentheaters. Rhomberg

Schuld und Wahnsinn

Zwei Kinder wurden bei ihrer Geburt vertauscht und werden wieder „zurückgetauscht“, erleben Traumatisches in ihren Familien, schauen als jugendliche Erwachsene zurück auf ihre Kindheit. Schuld und Wahnsinn, Wahrheit und Alptraum, richtig und falsch sind miteinander verstrickt, die streng pietistische Weltsicht der Erwachsenen trifft auf die Fantasie der Kinder und ihren Versuch, eine Ordnung oder eine individuelle Form des Überlebens zu finden. Dazu haben die Puppenbauer nach Kinderfotos der Protagonisten lebensgroße Puppen geschaffen, die in „offener Spielweise“, das heißt, indem man die schwarz gekleideten Puppenspieler wie Schatten agieren sieht, bewegt werden.
Die großen Kinder, genannt „Ich“ und „Johannes“, betrachten sich gleichsam von außen, nehmen Kontakt zu ihrem früheren Ich und zu ihren Familien auf, analysieren in Nemos Bibliothek ihre „Schmerzpunkte“, von denen es einige gibt. Indem die hohen Stimmen von „Ich“ – der ausdrucksstarke russische Kontratenor Iurii Iuskevich – und „Johannes“ – die Sopranistin Johanna Zimmer aus dem hochkarätigen SWR-Vokalensemble – so eng umeinander geführt und doch unterschiedlich im Timbre sind, könnte man sie durchaus auch als eine Person wahrnehmen: Enquist und Kalitzke spielen mit dieser Vorstellung, die Kostüme der beiden mit ihren beigen Hemden und gestrickten Pullundern und ihren androgyn schlanken Figuren legen das ebenfalls nahe.
Dass die beiden ihre schwierigen Gesangspartien souverän meistern und gemeinsam mit den anderen Stimmen und dem Ensemble Modern das Publikum wie in einen klingenden Kokon hineinziehen, verstärkt das Besondere dieser Produktion.

Das Stück spielt sich an wenigen Handlungsorten ab. <span class="copyright">Rhomberg</span>
Das Stück spielt sich an wenigen Handlungsorten ab. Rhomberg

Schwieriges Umfeld

Eine archaische Schicksalsgemeinschaft schweißt die Menschen zusammen: Zu ihr gehören ein gestrenger Pastor (Reuben Willcox, zugleich auch der Vater Sven) und die Mutter Alfild, die sich in den Wahn flüchtet und in Bibelzitaten und Psalmen spricht: Noa Frenkel verkörpert diese Partie mit stammelnden, abgerissenen, mit allen Registern der Altstimme spielenden Tonsilben und einer eindringlichen Körpersprache. Auch sie hat als „Josefina“, die andere Mutter, eine anspruchsvolle Doppelrolle, das Spiel von zwei Seiten eines Menschen setzt sich fort. Dazu kommt mit der Schwester Eva-Lisa, ihrer Schwangerschaft und Fehlgeburt ein weiteres tragisches Schicksal, Rinnat Moriah gestaltet die schwindelerregenden Koloraturen, die ihr Kalitzke in den Mund gelegt hat, mit großer Leichtigkeit.

Johannes Kalitzke führt dazu ein kleines, aber ungemein farbenreiches Instrumentalensemble mit allein zwei umfangreichen Schlagwerkaufbauten, Klarinetten, Posaune, Akkordeon, E-Gitarre, Keyboard, Bratsche, Cello und Kontrabass. Die tiefen Register und unheimlich treibenden Rhythmen passen zu dieser düsteren Geschichte. Eine andere, fast unwirkliche Klangsphäre lässt er in den Szenen im Unterseeboot entstehen.

Zwar einheitlich, doch durch Beleuchtung und Projektionen vielseitig ist das Bühnenbild von Angela Baumgart: Die einzelnen Segmente bilden einen Kirchenraum, ebenso Wohnzimmer (mit schwedischen Häusern und Landschaften wie auf Hinterglasbildern) und das U-Boot Nautilus, in das von außen viele lose Blätter an Stelle von Büchern geblasen werden und das von Pflanzen wie Tentakeln umgeben ist.
Im Zusammenwirken von Geschichte, Bühne, Stimmen und Musik entsteht über gut 100 Minuten eine große Sogkraft, die das Publikum berührt und staunen lässt.

Von Katharina von Glasenapp