Kultur

„Sittenverfall“ und Ärztemangel in früheren Zeiten

13.08.2022 • 18:10 Uhr / 7 Minuten Lesezeit
Haus­apo­theke aus Schruns aus der Zeit um 1840/50. <span class="copyright">Sauter</span>
Haus­apo­theke aus Schruns aus der Zeit um 1840/50. Sauter

Ein spannendes und vielfältiges Stück Regionalgeschichte liefert der Begleitband „krank – heil – gesund. Medizingeschichte(n) aus dem Montafon“ zur gleichnamigen Ausstellung in Schruns.

Im August 1835 sollte der in Schruns tätige Standesarzt Josef Huber dem Kreisamt Vorarlberg einen Bericht darüber liefern, wie viele Personen in der Region an der Syphillis, der „Lustseuche“, erkrankt waren, wie die Ansteckungen erfolgten und welche Maßnahmen dagegen getroffen wurden. Huber ging zu dem Zeitpunkt von mindestens 14 betroffenen Personen aus, wobei er darin nur die Spitze des Eisbergs sah.Mitte des 19. Jahrhunderts kannte man zwar die sexuelle Übertragbarkeit der Syphillis, den Erreger allerdings noch nicht. Gerade die Form der Hauptübertragung war auch mit einem moralischen Aspekt behaftet, ein „Sittenverfall“ wurde geortet. Erkrankte wurden identifiziert, isoliert, kontrolliert – und stigmatisiert. Die Behandlung erfolgte indes hauptsächlich mit Quecksilber.

Begleitband

„Die Geschichte der Syphillis im Montafon des frühen 19. Jahrhunderts“ von Marina Hilber ist einer der Beiträge im von ihr und Michael Kasper herausgegebenen Buch „krank – heil – gesund. Medizingeschichte(n) aus dem Montafon“. Dabei handelt es sich um den Begleitband zur derzeitigen medizinhistorischen Sonderausstellung im Montafoner Heimatmuseum in Schruns.

In fast 30 Beiträgen wird ein Blick auf verschiedene medizinische Aspekte und Heilmethoden in einem Zeitraum von rund vier Jahrhunderten gerichtet – angefangen von den medizinisch wirksamen Schutzheiligen in Montafoner Kirchen und Kapellen (hier war vor allem der heilige Sebastian als Pestheiliger führend) bis hin zu Corona. Daneben werden auch einzelne Persönlichkeiten oder Einrichtungen in den Fokus genommen.

Gemälde des Wundarztes Franz Xaver Barbisch. <span class="copyright">Juen</span>
Gemälde des Wundarztes Franz Xaver Barbisch. Juen

Wundärzte

So schreiben Verena Hechenblaikner und Roland Ernst Laimer über die Montafoner „Wundarztdynastie“ Barbisch. Die sogenannten Wund­ärzte, deren Ausbildung zunächst aus einer Lehre und später auch einem theoretischen Teil bestand, waren bis zu Beginn des 20. Jahrhunderts neben den promovierten Ärzten vor allem für die Grundversorgung im ländlichen Bereich zuständig. Ärztemangel war schon damals ein Thema.

Der erste Arzt der Familie war der 1660 geborene Johann Leonhard Barbisch, der letzte der 1817 in St. Gallenkirch geborene Franz Xaver Christian Barbisch. Die Wundärzte gehörten zumeist der ländlichen Oberschicht an und hatten verschiedene Privilegien. Ihr Aufgabenfeld war vielfältig, auch Impfungen und eine Hausapotheke gehörten dazu. Hechenblaikner und Laimer spüren den Lebensläufen von Josef Ignaz Barbisch (1793–1870) und seinem Sohn Franz Xaver Christian Barbisch (1817–1888) nach und zeichnen so auch ein spannendes Bild der Persönlichkeit der beiden.

Das ehemalige Geburts- und Krankenhaus Josefsheim in Schruns im Jahr 1936. <br><span class="copyright">Montafon Archiv</span>
Das ehemalige Geburts- und Krankenhaus Josefsheim in Schruns im Jahr 1936.
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Hebammen

Das Hebammenwesen im Montafon wird von Sabrina Schober und Philipp Wanger anhand der Gemeindehebamme Klaudia Zugg (1900–1975) dargestellt. Am 4. August 1925 wurde Zugg nach St. Gallenkirch zu ihrer ersten Geburt als Hebamme gerufen, für die Gebärende war es allerdings schon die 14. Es ging alles gut. Zugg muss eine außerordentliche Persönlichkeit gewesen sein. Mit ihrer Tätigkeit versorgte die Mutter von drei ledigen Kindern ihre Familie. Zugleich ermöglichte ihr der Beruf, eine gesellschaftlich anerkannte Profession auszuüben, was für ledige Mütter jener Zeit oft nicht der Fall war, wie die Autoren schreiben. Auch nach ihrer Pensionierung war Zugg weiterin tätig. Noch ein Jahr vor ihrem Tod half sie ihrer eigenen Urenkelin auf die Welt.

Hebammenkoffer von Klaudia Zugg. <span class="copyright">Nachlass Klaudia Zugg</span>
Hebammenkoffer von Klaudia Zugg. Nachlass Klaudia Zugg

Erste Zahnärztin

Eine weitere außergewöhnliche Persönlichkeit war die erste Zahnärztin im Montafon, Annie Ausserer (1919–2000). Sie wird von ihrer Enkelin Anna von Bülow im Band in einem liebevollen Porträt vorgestellt. Die gebürtige Niederösterreicherin heiratete 1940 in Götzis den Arzt Erich Ausserer, der zu jener Zeit aber nur ein paar Tage Heiratsurlaub bekommen hatte, weil er schon zu Beginn des Krieges eingezogen worden war.
Annie Ausserer kam 1942 allein nach Schruns, eröffnete ihre erste Ordination und hatte als junge Frau und Ärztin auch mit allerlei Ressentiments zu kämpfen. So schildert ihre Enkelin eine Episode, bei der ein Mann mit schlimmen Zahnschmerzen meinte: „A frömdhesigs Wibervolk, so jung no dazu, was ka dia scho könna?“

Rückkehr

1943 brachte Annie Ausserer ihre erste Tochter zur Welt und arbeitete trotz Kind – und zuvor auch hochschwanger – weiter, während ihr Mann nach wie vor im Krieg war. Der kam erst zu Weihnachten 1945 aus der Kriegsgefangenschaft zurück. 1948 kam die zweite Tochter zur Welt. 1954 wurde das frühere „Mäserhaus“ in Schruns gekauft und zwei unabhängige Praxisräume eingerichtet, in denen das Zahnärzte-Ehepaar fortan tätig war.
1958 erlitt Annie Ausserer einen Zusammenbruch, erholte sich aber wieder. 1972 starb ihr Mann und bis 1984 führte sie die Zahnarztpraxis allein weiter. Einge Jahre vor ihrem Tod bat ihre Enkelin sie, ihr Leben aufzuschreiben. „Bescheiden, wie sie war, tat sie dies ganz kurz und unprätentiös auf drei DIN-A4-Seiten.“

Porträt

Mit Arnold Durig (1872–1961), ein in Innsbruck geborener Sohn eines Tschaggunsers, wird auch einem „der bedeutendsten Physiologen seiner Zeit“ ein Porträt gewidmet. Durig war Leiter des Physiologischen Instituts der Universität Wien, hatte verschiedene Ämter inne und lebte nach seiner Pensionierung im Montafon. Er hatte Kontakt unter anderem mit Sigmund Freud und Albert Einstein, seine Forschungen sind heute noch relevant. Der alljährlich in Vorarlberg vergebene Durig-Böhler-Preis für innovative Forschung in der Medizin erinnert an ihn.

Die Geschichte des Josefsheims in Schruns, Pest und Spanische Grippe, das Phänomen des Taufwunders, das Armenhaus Bartholomäberg und die NS-„Euthanasie“, die Kuranstalt Montafon von Edwin Albrich oder die Entbindungsheime sind noch einige der anderen Themen in diesem Buch, die spannend und vielschichtig aufbereitet werden. Sie geben einen fesselnden Einblick in die Medizin- und Sozialgeschichte einer Region, die in einigen Aspekten wohl auch stellvertretend für andere stehen kann. Es sind unterschiedliche Zugänge, die in ihrer Gesamtheit ein lebendiges Bild von Krankheit und Heilung und nicht zuletzt Gesellschaft ergeben.

Das buch

Michael Kasper, Marina Hilber (Hg.): „krank – heil – gesund. Medizin­geschichte(n) aus dem Montafon“. Montafoner Schriftenreihe. Universitätsverlag Wagner, Innsbruck 2022, 396 Seiten, 34,90 Euro.

Die gleichnamige Ausstellung im Montafoner Heimatmuseum in Schruns läuft noch bis 18. Juni 2023.

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