Kultur

Sieben Welten „gegen die Gleichgültigkeit“

19.08.2022 • 20:04 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Einblicke in das fantasievolle Stück „Melencolia“ auf der Werkstattbühne. <span class="copyright">Stiplovsek </span>
Einblicke in das fantasievolle Stück „Melencolia“ auf der Werkstattbühne. Stiplovsek 

Das moderne Musiktheater „Melencolia“ von Brigitta Muntendorf und Moritz Lobeck wurde am Donnerstag uraufgeführt.

Melancholisch macht diese zweite Neuproduktion der Bregenzer Festspiele nicht – eher lässt „Melencolia“ staunen über die Flut an Bildern, Farben, Klängen, Videos, künstlichen Intelligenzen, die die Komponistin Brigitta Muntendorf gemeinsam mit dem Regisseur Moritz Lobeck und ihrem Team von Video, Licht- und Klangregie über die Werkstattbühne hereinbrechen lässt.

Wundersame Welten

Auf drei Screens werden teils höchst ästhetische, auch wundersame Videos gezeigt (Veronika Simmering sowieso Andreas Huck und Roland Nebe von Warped Type haben die visuellen Welten und Videos entwickelt), vor zwei Greenscreens agieren dazu Instrumentalisten und Sängerinnen live und werden zugleich in die großen Screens „montiert“.

Das ist zum Teil schrill in den Farben, bevorzugt pink, neongrün, lila, grau, überbordend in den Formen und Farben, phantasievoll, witzig und reich an Assoziationen. Und es ist vor allem eine Hommage an das Ensemble Modern, die instrumentaltechnischen Fähigkeiten der spielfreudigen Musikerinnen und Musiker, die sich auch szenisch, in Kostüm und langhaarigen Perücken, sprechend und singend einbringen.

Gemeinsam mit den Bregenzer Festspielen hat das in Frankfurt beheimatete Ensemble Modern der Komponistin den Auftrag gegeben, in vielen Gesprächen wurde das Projekt entwickelt und auf die Mitglieder und ihre besonderen Möglichkeiten zugeschnitten. Auf Wunsch der Festspiele hat Brigitta Muntendorf auch für sechs Damen des Festspielchors eine Ensemble-Rolle komponiert: in hautengen grünen Kleidern und hohen Schuhen bilden sie einen ungemein harmonischen Backgroundchor in zum Teil höchsten Höhen (Einstudierung: Benjamin Lack), bewegen sich schlangengleich oder fungieren als Cheerleaderinnen.

Virtueller Chor

Auch die digitale Welt hat Einzug gehalten bei den Festspielen, schon im Foyer kann man QR-Codes scannen und sich in einen wispernden, flüsternden, schwebenden „virtuellen Chor der Melancholie“ einfügen – die zugehörige App zieht allerdings viel Saft aus der Handy-Batterie, deshalb wurde sie lieber ausgemacht…

In sieben Bilder haben Muntendorf und Lobeck ihre „Show gegen die Gleichgültigkeit des Universums“, so der Untertitel, gegliedert: Ausgehend von Albrecht Dürers berühmten Kupferstich, in dem ein geflügeltes Wesen seinen Kopf in die Hand stützt und der in seiner Bildsprache ebenso rätselhaft wie vieldeutig ist, geht die Reise durch verschiedene Welten: Künstliche Intelligenz in Kommunikationssystemen spielt ebenso hinein wie die drei Nornen, die die Schicksalsfäden der Welt in ihren Händen halten und spinnen.

Digitale Gäste

Für viele Fußballfans war der historische Kopfstoß, mit dem Zinédine Zidane bei der WM 2006 seine Karriere beendete, ein besonderer Moment der Melancholie: kunstvoll verfremdet in der Verbindung von Video, Fußballreportage und einem französischen Text von Jean-Philippe Toussaint steht diese Szene im Zentrum. Eingebunden in Videos von Häuserschluchten und Architektur ist der aus dem Iran stammende Musiker Saeid Shanbehzadeh mit seinem besonderen dudelsackartigen Instrument, dem Ney-anban. Mit seinem Wolkenanzug, seiner Perücke, seinen Geschichten und seiner Musik ist er ebenso wie die Nornen, ein „digitaler Gast“ auf der Leinwand. Vor einer japanisch inspirierten Winterszene singt Megumi Kasakawa, die Bratschistin des Ensembles, einen beliebten japanischen Popsong über die Flüchtigkeit des Lebens. Der rätselhafte Reigen endet zurückgenommen mit dem Bild eines Embryos, der die Gedanken des englischen Philosophen Thomas Browne über den Zustand dieser Welt entwickelt.
Brigitta Muntendorfs Musik dazu wirkt ebenso vielschichtig, zitathaft, bilderreich, gut hörbar, aber nicht wirklich greifbar. Zu den live gespielten Instrumenten und den Sängerinnen mischen sich elektronische Klänge, dazu verwandeln 60 Lautsprecher die Werkstattbühne in einen Klangdom, der das Publikum einhüllt und eintauchen lässt in ein Hörabenteuer der besonderen Art.

Von Katharina von Glasenapp

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