Kultur

„Wie lange fühlen Sie sich schon wie Gott?“

17.01.2023 • 20:02 Uhr / 3 Minuten Lesezeit
Lisa Wildmann und Nikolaus Büchel. <span class="copyright">Heidi Salmhofer Production </span>
Lisa Wildmann und Nikolaus Büchel. Heidi Salmhofer Production

In Produktion von Heidi Salmhofer war am Freitag im Theater am Saumarkt ein Stück der Israelin Anat Gov zu sehen.

Mit Mantel, Hut und gestreiftem Anzug hat sich Gott auf die Erde begeben und platzt unangemeldet in die Praxis von Ela, wo ihr nichtsprechender autistischer Sohn kurz zuvor noch sein Bild zu Boden geschlagen hat. Seinen Namen sagt er nicht. „Denken Sie sich einen aus“ oder „Nennen Sie mich einfach G.“ Er legt sich auf die Couch und klagt der skeptischen Psychologin Ela sein Leid. Doch schnell wird ihr der allwissende Patient unheimlich und G. rückt mit der Sprache raus.

Seit 2000 Jahren depressiv

Die Dialoge sind absurd und tiefgründig. „Tut mir leid, ich führ’ mich sonst nicht so auf“, sagt Gott, nachdem er die aufgebrachte Ela für einen Moment eingefroren hat. Trotz seiner kurz zur Schau gestellten Kräfte zeigt sich Gott sonst sehr menschlich und ausgebrannt, spricht von Überforderung, er „fühle nichts mehr“, ein Zustand, der schon vor über 2000 Jahren begonnen habe. Provokativ und polemisch bringt das Stück Gott als egozentrischen Frauenhasser auf die Bühne, der aufgrund seiner Depression ein „Update“ der Sintflut ins Auge fasst.

Ela fragt nach, sucht nach den Gründen und so fängt Gott an zu erzählen von den misslungenen Menschen, die nicht so geraten waren, wie er sich das gewünscht hätte. Der „Künstler“ Gott spricht über seinen „schöpferischen Rausch“, indem er am „Bloody Friday“ zu seiner „großen Enttäuschung“ den Menschen erschuf, weil er sich „nicht konzentriert hat“. Detailliert kommt auch sein schwieriges Verhältnis zu Hiob zur Sprache, den er gewissenlos immer wieder „auf die Probe“ stellte.

Lisa Wildmann spielt Ela. <span class="copyright">Heidi Salmhofer Prodiction </span>
Lisa Wildmann spielt Ela. Heidi Salmhofer Prodiction

Moderne Version

Während Ela (Lisa Wildmann) der Konfrontation mit Gott (Nikolaus Büchel) anfangs furchtsam gegenübertritt, ist sie ihm bald überlegen, je länger sie in seiner Vergangenheit gräbt und dabei sein Verhalten psychologisch analysiert. Trotz der tiefgehenden Beschäftigung mit dem jüdischen Gott hat das Stück kaum religiösen Charakter und zeigt viel mehr die Idee von einem modernen Gott in einer westlichen Gesellschaft.

Wildmann und Büchel inszenieren im Theater am Saumarkt in Feldkirch einen mitreißend humorvollen und emotionalen Dialog über Glauben und Hoffnung im Leben der Menschen. Elias Wildmann spielt eindrucksvoll Elas autistischen Sohn. Das von der 2012 verstorbenen Israelin Anat Gov geschriebene Stück zeigt den jüdischen Gott aus dem Blickwinkel einer modernen Frau. „Oh mein Gott“ wurde 2012 in Israel als „Bestes Theaterstück Israels“ ausgezeichnet.
Sieglinde Wöhrer

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