Kultur

„In 100 Jahren
kennen dich alle“

20.01.2023 • 20:24 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Die Szene aus Kafkas Roman „Der Bau“. <span class="copyright">Joel Schweizer</span>
Die Szene aus Kafkas Roman „Der Bau“. Joel Schweizer

Am Donnerstag feierte „Kafka in Farbe“ im Bregenzer Landestheater seine österreichische Erstaufführung.

Hinter dem Vorhang hört man den dicken Direktor des Naturtheaters von Oklahoma, der bald darauf enthusiastisch zum Publikum hervortritt und alle willkommen heißt, denn „wir sind das Theater, das jeden brauchen kann.“ Karl hat sich gemeldet, jetzt liegt er im Bett im Sanatorium. „Was muss ich denn eigentlich spielen?“ – „Sterben“.

Absurdes Spiel

Tragisch und tiefsinnig blickte „Kafka in Farbe“ am Donnerstag in der Öster­reichpremiere am Vorarlberger Landestheater zurück auf das von Krankheit und Isolation geprägte Leben des früh verstorbenen Autors. Selten liegen das melancholische Verderben und die absurde Komik so nah beieinander. Sprunghaft wechseln die Szenen, wenn Kafka noch vor wenigen Sekunden im Bett liegt und stirbt, erscheinen die merkwürdigsten Figuren aus seinen Romanen mit paradoxen Dialogen, die so lange gedehnt werden, bis sie ins Widersinnige übergehen.

Zwischen Traum, Alptraum und Wachzustand bewegt sich Kafka zwei-, drei- und manchmal viergeteilt in einem trostlosen Raum und erfreut sich an seinen Zwiegesprächen mit sich selbst. In seiner metaphorischen Sprache sinniert er über das Leben und das Sterben und schwankt hin und her in der Unfähigkeit sich zu entscheiden. Am Ende seines Lebens kann sich der an Kehlkopftuberkulose erkrankte Kafka nur noch schriftlich auf Gesprächszetteln verständigen.

Neonröhren flattern, brummen und ziehen die Szene in eine unheilvolle Atmosphäre. Die Seitenwände verlaufen schräg nach hinten und sind von einer Tapete voll von Käfern überzogen. Die beiden Türen links und rechts werden auf und wieder zugemacht, rastlos gehen die Kafkas in das und aus dem Zimmer, einer tanzt mit der Decke über dem Kopf als Gespenst und fällt durch das Fenster über seinem Bett.

Max Merker in der Inszenierung des Ungeziefers aus Kafkas Verwandlung. <span class="copyright">Joel Schweizer</span>
Max Merker in der Inszenierung des Ungeziefers aus Kafkas Verwandlung. Joel Schweizer

Voller Überraschungen

Es ist ein Raum, der lauter Überraschungen verbirgt, wo augenblickliche Ereignisse aus Romanen mit Kafkas Leben als Schriftsteller zusammenfallen. Wo ein ganz in schwarz gekleideter Kafka gerade noch durch die eine Tür verschwand und sogleich in der anderen wieder erscheint, rutschen die Figuren von den Wänden und verschwinden auf erstaunliche Weise in den Möbeln.
Dort im Sanatorium öffnet Kafka einer Banane vorsichtig die Tür und kommt nicht zur Ruhe, weil er von alten, nackten Herren mit Strohballen gestört wird. Gregor Samsas Körper robbt ohne Hände durch das Zimmer, das er nicht verlassen kann.

Poetisch wird es, wenn das maulwurfähnliche Tier aus der Erzählung „Der Bau“ durch die Klappe in der Wand steigt, ein Stück Wiese ausbreitet und alles darunter stopft, auch das Bett. Auf dem Berg thronend spielt es auf einem winzigen Klavier. Unter dem Bett kriecht Kafka hervor und rezitiert seinen Text: „Ich habe den Bau eingerichtet und er scheint wohlgelungen. Von außen ist eigentlich nur ein großes Loch sichtbar, dieses führt aber in Wirklichkeit nirgends hin, schon nach ein paar Schritten stößt man auf natürliches, festes Gestein. Ich will mich nicht dessen rühmen, diese List mit Absicht ausgeführt zu haben, es war vielmehr der Rest eines der vielen vergeblichen Bauversuche …“

Alle Kafkas auf einen Blick.<span class="copyright">JOEL SCHWEIZER</span>
Alle Kafkas auf einen Blick.JOEL SCHWEIZER

Die Schauspieler Max Merker, Aaron Hitz, Milva Stark und Janna Mohr inszenieren auf der Bühne den besonderen „kafkaesken“ Humor, der sich immer wieder in seinen sonst hoffnungslosen Romanen verbirgt und der vielen Zuschauern möglicherweise bis dahin verschlossen blieb. „Kafka in Farbe“ zeigt einen Kafka, der auch gelacht hat und in manchen Anfällen gar nicht mehr damit aufhören konnte. Sehr gelungen werden irrsinnige Momente aus Kafkas Erzählungen, Briefen und Tagebucheinträgen hervorgeholt und physisch durch Slapstick und Pantomime auf eine absurde surreale Ebene gebracht.

Auf großartige Weise verbindet der Regisseur und Schauspieler Max Merker Kafkas Verlorenheit in einer aussichtslosen Welt mit Ironie und Komik und bringt die lustigen Seiten in Kafkas Sprache zum Ausdruck. Von der verträumten Musik von Aaron Hitz wird die Tiefsinnigkeit des Stücks nochmal verstärkt.

Das Stück entwickelt von Merker und Hitz entstand in Kooperation mit dem Theater Orchester Biel Solothurn (TOBS), diese Zusammenarbeit wird fortgesetzt.
www.landestheater.org

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