Kultur

Was und wer in Vorarlberg fehlt

02.11.2023 • 23:00 Uhr / 6 Minuten Lesezeit
Hans-Joachim Gögl. <span class="copyright">Nadine Jochum</span>
Hans-Joachim Gögl. Nadine Jochum

Ab nächsten Freitag widmen sich die Montforter Zwischentöne einen Monat lang dem Motto „Was trägt?“.

Die Montforter Zwischentöne feiern nächstes Jahr bereits ihr zehnjähriges Jubiläum. Macht sich da auch eine gewisse Routine bemerkbar?

Hans-Joachim Gögl: Es fällt uns eigentlich leicht, aktuelle Fragestellungen zu finden. Wir wollen mit unserem Programm auf ein gesellschaftliches Klima, eine Art jetzt präsentes Lebensgefühl antworten. Am Anfang steht ein Thema, das uns auch immer persönlich bewegt. Dazu entwickeln wir dann einen Strauß an Formaten. Mit den Jahren haben sich auch ein paar Publikumslieblinge herauskristallisiert, die zu einer Serie geworden sind. Etwa das Morgenkonzert mit Musik und Poesie von 7 bis 8 Uhr. Oder unsere Auftrags-Totenreden an Philosophen. Das sind Nachrufe auf Werte, die uns lieb und teuer sind, wie etwa die Muße oder die Privatsphäre, letztes Jahr die Fakten. Heuer hält die Philosophin Ariadne von Schirach eine Trauerrede auf den Anstand.

Die internationale Anerkennung drückt sich in Superlativen aus wie „größtes Forum neuer Aufführungspraxis klassischer Musik im deutschsprachigen Raum“. Woran machen Sie dieses große Lob fest?

Gögl: Das ist erfreulich, aber übertrieben. Es gibt allerdings Studien, dass mittelfristig etwa 30 Prozent des Stammpublikums klassischer Konzertveranstaltungen und auch anderer Kulturformate wegbleiben werden. Das hat mit Überalterung zu tun, auch mit der Konkurrenz von Streamingdiensten, vor allem aber damit, dass klassische Kulturereignisse kein Instrument mehr sind, mit dem gesellschaftliche Identität und Milieu-Zugehörigkeit hergestellt wird. Früher gehörte ein Konzert- oder Theaterabo zum üblichen Habitus der Ober- und Mittelschicht. Das wird zunehmend eine deutlich geringere Rolle spielen. Eine Herausforderung, die wir mit Institutionen wie der Kirche, Parteien und anderen Institutionen gemeinsam haben. Die Montforter Zwischentöne haben sich von Beginn an die Frage gestellt, wie man als Kulturinstitution relevant sein kann, abseits dieser Konventionen. Das ist der Grund, warum wir immer wieder auf Kongresse eingeladen werden und in Fachpublikationen als Gute Praxis beschrieben werden. Unser Antwortversuch ist ein vielfältiges Angebot lebendiger, intensiver, überraschender Bezüge. Vor allem mit künstlerischen Mitteln, aber auch über Kooperationen oder unsere Art der Kommunikation. Ein ständiger Lernprozess! Früher wars leichter, heute ist es interessanter!

Was soll sich in den Begegnungen bei den Montforter Zwischentönen zeigen?

Gögl: Echte Begegnung ist immer ein Geschenk. Auch die Momente, in denen ich mit mir selbst in Kontakt komme. Mit einer Erinnerung, einer Erkenntnis, einer kreativen Idee, einer Erfahrung von Gemeinschaft. Wir versuchen, Zeiträume zu gestalten, in denen das möglich sein kann.

Wie pflegen Sie die Kontakte zu den regionalen Künstlerinnen und Künstlern?

Gögl: Für meinen Kollegen Folkert Uhde und mich war es von Anfang an eine Selbstverständlichkeit, Talente, Kompetenzen, Netzwerke der Region intensiv miteinzubeziehen. Erstens, weil wir auf diese Qualitäten nicht verzichten wollen, zweitens, weil wir auch eine Art von Verantwortung als Auftraggeber für regionale Kunstschaffende verspüren. Innovation entsteht oft dort, wo ein kraftvoller Impuls von außen, mit regionaler Meis­terschaft dem vertieften Wissen, um einen Ort zusammenspielen. Fast alle unsere Formate sind daher Amalgame von internen und externen Fähigkeiten.

Was trägt angesichts von Krankheit und Tod?

Gögl: Wir haben zu unserem Festivalthema „Was trägt?“ die Philosophin Ariadne von Schirach eingeladen. Sie hat das Buch „Glücksversuche – Von der Kunst, mit seiner Seele zu sprechen“ geschrieben. Frau von Schirachs Antwort auf Ihre Frage würde wohl unter anderem lauten: Stille und Freundschaft. Stille für den Weg nach innen, Freundschaft als Referenzgefühl für unsere Beziehungen außen. Ein Freund von mir sagte immer, Liebesbeziehungen sind die einzige unverbrüchliche Lebensversicherung.

Es gibt Künstler, die sagen von Vorarlberg, dass es sich dabei um die traurigste Provinz handelt, die es überhaupt gibt. Im aktuellen Programmheft steht: „Vorarlberg verfügt im Verhältnis zu seiner Größe über eine der vielfältigsten Architektur- und Grafikdesign-Szenen Europas.“ Haben Sie wirklich das Gefühl, dass in Vorarlberg der intellektuelle Geist kumuliert?

Gögl: So pauschal würde ich dem nicht zustimmen. Das Zitat spricht die Tatsache an, dass es bei uns einfach eine sehr hohe Dichte an guten Gestaltungsbüros gibt. Es ist unbestritten, dass Vorarlberg mit seinen rund 400.000 Einwohnern über eine herausragende Architektur- und Grafikdesignszene verfügt. Aber: In Vorarlberg ist aufgrund der fehlenden Uni mit auch geisteswissenschaftlichen Fakultäten ein Großteil des intellektuellen Milieus zwischen 20 und 30 einfach abwesend! Das spürt man atmosphärisch im Land. Dazu fehlt das ganze begleitende geistige Biotop an Lehrenden, Kneipen, Buchhandlungen, Verlagen, Bands, WG’s, etc. Das kann eine FH nicht ersetzen. Das Rheintal als vielbeschworener quasiurbaner Raum meint nur die Dichte an Gebäuden. Wenn man die Diskussion um eine für die betroffenen Frauen sichere Fristenlösung im Krankenhaus oder die Debatte um das Mohrenlogo betrachtet, merkt man, was und wer fehlt.

Montforter Zwischentöne: 10. November bis 7. Dezember.

Wolfgang Ölz